24-Stunden-Rekordfahrt über 1.088 km von Nicola Walde

Am 29. Juli 2018 hat Nicola Walde auf der Bahn des Opel Testcenters Dudenhofen in einem von Daniel Fenn konstruierten Velomobil „M“ mit einer erreichten Distanz von 1.088,67 Kilometern einen neuen WHPVA 24-Stunden-Rekord der Frauen aufgestellt.

Bei derselben Fahrt setzte sie auch Bestmarken für die 12-Stunden-Wertung (601,053 km) und die 1.000 km Kategorie (22 Stunden 08 Min 39 Sek). Zu diesem Ereignis gab Nicola der Info Bull Redaktion, die herzlich zu dieser Leistung gratuliert, ein Interview (Telefonate und Emails im Dezember 2018 / Januar 2019).

Nici und ihr Fahrzeug
Nici und ihr Fahrzeug

Info Bull, Jan Kranczoch (IB): Nici, wie bist Du überhaupt zum Ausdauersport gekommen?
Nicola Walde (NW): Bis ich 16 war, hatte ich wenig zu tun mit sportlicher Aktivität, bis während eines 800 m Laufs an der Schule ein überaus freundlicher Mitschüler die Worte „ROLL mal schneller“ an mich richtete. Ich war so wütend, dass ich jeden Tag einmal um unseren Häuserblock rannte. Das machte Spaß und hatte den positiven Effekt, dass ich nicht nur eine schönere Figur bekam, sondern beim nächsten Klassenevent „1.000 m Lauf“ bereits schneller war, als genau dieser Mitschüler.
Natürlich fand ich das total toll, und im Zuge der neuen Mode, Marathon zu laufen, ging es damit weiter, sogar bis zu einem dritten Platz bei „Deutschen Meisterschaften Jugend“. Aber nur bis zum Abitur, danach fehlten irgendwie Zeit und Trainingsanreize. Ich hatte eine kurze Karriere in der Triathlon Regionalliga, die mit der Auflösung des Damenteams von Viktoria Augsburg bald endete, und zwei Team – Medaillen bei Deutschen Meisterschaften „10 km Laufen“ waren mehr durch Glück als Können in meinen Besitz gekommen.

IB: Was hat Dich denn vom Laufen zum Velomobilsport geführt?
NW: Nach dem Hausbau hatte ich mir zwei wirklich gute Rennräder geleistet, mit dem Hintergedanken, solange damit zur Arbeit nach München fahren zu MÜSSEN, bis ich den Kaufpreis bei der Deutschen Bahn wieder eingespart habe. Ein guter Anreiz, Fahrrad zu fahren! Mein Kollege im Dienst hatte damit angefangen, die gut 60 km von Landsberg nach München mit dem Rennrad zurückzulegen, und ich hatte mich darauf eingelassen, regelmäßig mein Leben zu riskieren bei dem Versuch, seinen Windschatten nicht zu verlieren – koste es, was es wolle. Das war ein Training, bei dem ich oft genug den Tränen nah war aber garantiert das Letzte aus mir herausgeholt hatte. Für mich optimal, denn freiwillig steh´ ich nicht vom Sofa auf. Leider hat sich dieser Kollege dann 2012 ein VELOMOBIL gekauft: ein sauteures, vollverkleidetes Liegefahrrad, was supercool aussieht und womit mein Kollege ohne größeren Aufwand 50 km/h fahren konnte. Ohne Motor. Nur mit Muskelkraft! Mit einem Fahrrad! Ich war ziemlich neidisch! Meine eigenen ersten Kilometer im Velomobil waren dann Anfang 2015 in einem Meufl.

IB: Wann und wie kam dann die Idee oder der Entschluss, den 24-Stunden-Rekord anzugreifen?
NW: Im März 2015 hat Daniel Fenn im Velomobilforum “Suche Frau für 24 Stunden” gepostet. Patrick Flé hat mich angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für Daniel einen Rekordversuch zu machen. Ich fand es ziemlich mutig von Patrick, mich vorzuschlagen, obwohl er mich quasi nicht kannte. Und noch mutiger, dass Daniel sich im April 2015 tatsächlich entschieden hat, das Rekord-Projekt mit mir zu machen, ohne zu wissen, wieviel Watt ich leisten kann. Und obwohl ich schon 41 Jahre alt, zu klein und zu leicht war.

Daniel Fenn und Nici Walde
Daniel Fenn und Nici Walde

IB: Wie hast Du Dich an die unglaubliche Leistung herantrainiert?
NW: Eigentlich war optimales Training nicht wirklich drin mit Beruf, Haus abzahlen etc. Ich hatte mir einfach schon bis 2015 gute Grundlagen antrainiert. Für mich wären viele freie Stunden zum Ausruhen wichtig, einige lange Fahrten, viele mittelschnelle und einige sehr schnelle Einheiten, um die körperliche Härte zu haben. Lange fahren kann ich, schnell sein muss ich trainieren. Aber ich war nicht richtig fit im letzten Jahr, immer wieder krank, und hab tatsächlich wenig trainiert.

IB: Wo war denn die bisherige „Schallmauer“ bei den Frauen und was war Dein eigenes Ziel?
NW: Petra von Fintels Rekord aus dem Jahr 2015 lag bei 1.011 km. Ich wollte Christian von Aschebergs Rekord angreifen (dieser liegt bei 1.219 km – Anm. der Red.), denn ich hatte 2016 schon 1.111 km in 24 Stunden geschafft; diese Marke wurde aber wegen Formfehler während des Versuchs nicht anerkannt.

Während des Rennens
Wieder eine Runde geschafft

IB: Wie kann man sich auf einen 24-Stunden-Versuch vorbereiten?
NW: Für die 24 Stunden kann man sich nicht wirklich vorbereiten. Man hat niemals auch bloß den Hauch einer Chance zu wissen was passiert. Was brauche ich zu trinken oder zu essen, ab wann geht gar nichts mehr, wann kommen die Phasen in der Nacht, in denen man sich am liebsten in Luft auflösen würde, weil gar nichts mehr geht? Auch wenn jeder Tritt weh tut, muss man vielleicht noch 8 Stunden Fahrt überstehen. Das kann man nicht üben. Anders ist das bei kürzeren Distanzen: Hier lässt sich immer wieder ausprobieren, was man da braucht und welche Probleme auftreten können. Zum Rekordversuch eine Stunde bin ich erst kurz vorher angereist, weil ich wusste, ich steige ein, fahre kurz um mein Leben und steige wieder aus. Ganz einfach. Ein Getränk, Helm auf, losfahren.

IB: Was war entscheidend für den Erfolg Deines Versuchs?
NW: Das Team und vor allem der Support von Daniel waren das Wichtigste. Daniel musste vorher das Fahrzeug perfekt einstellen, aber auch während der Fahrt jede Sekunde online sein, um bei auftretenden Problemen eine Lösung zu improvisieren. Wegen des unerwarteten Regens hielt z. B. die Verklebung der Haube nicht mehr sicher. Um die Kontaktfläche wieder zu trocknen, benutzte Daniel kurzerhand einen Bunsenbrenner – bei dem Carbon-Harz-Gemisch und der gebotenen Hast ein Meisterstück. Um mich am Start vor dem Losfahren bei 35°C Lufttemperatur zu kühlen, nutzte er einen Kompressor. Seine Stärken sind also gute Vorbereitung und clevere Reaktionen auf neue Gegebenheiten.

IB: Was ist wohl Deine besondere Stärke?
NW: Meine Stärke ist ganz klar das Durchhaltevermögen, ich hatte beim Rekordversuch einen Infekt und konnte nach 6 Stunden nicht mehr essen und trinken; ich bin trotzdem
durchgefahren, wenn auch langsamer, als ich normalerweise kann.

IB: Welche Phasen oder Gedanken hattest Du während des Versuchs?
NW: Schon nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass die Bahn langsamer war als angenommen. Grund war der für uns nicht optimale Asphalt und die Schräge der Bahn. Ärgerlich, denn hätte Daniel gewusst, dass die Bahn schief ist, wären Gegenmaßnahmen am Fahrzeug möglich gewesen. Man hat uns aber vorher nicht auf die Bahn gelassen, also musste ich dieses Manko verkraften. Beim Regen und nasser Fahrbahn war ich dann über 4 Stunden etwa 10 % langsamer als geplant (Regen bremst!) – das frustriert und man bricht normalerweise ab. Aber wegen der Presse-Ankündigungen vorher und des Aufwands, den Opel betrieben hatte, bin ich weitergefahren. Ich dachte:“ Lieber schlechter Rekord als keiner“. Nachts hat das Team alles getan, um mich wach zu halten – sogar eine Chippendales Show kreiert. Ich hatte zwei Blackouts, also bei offenen Augen nichts mehr gesehen. Da musste ich zwei Schlafpausen von 5 und 15 Minuten einlegen. Zudem spürte ich immer wieder meinen Infekt, der einen Erfolg eigentlich unmöglich machte. Es war mental also fast nicht zu schaffen, trotzdem durchzufahren. Wenn ich noch einen Versuch haben könnte, wo alles läuft, und ich mich jede Sekunde freue, DASS es läuft – das wäre toll.

Zieleinfahrt mit Konfetti
Zieleinfahrt mit Konfetti in Schwarz-Gelb

IB: Wie lange brauchtest Du für eine Erholung nach den 24 Stunden? Was machen Körper und Kopf?
NW: Nach dem Zieleinlauf ging es mir bei allen Langstreckenrennen erstaunlich gut. Nach beiden 24 h Rekordfahrten habe ich nachmittags geschlafen, und in der Nacht danach nochmal, damit war sofort problemlos wieder ein normaler Schlafrhythmus da. Bloß psychisch war es wochenlang schwierig, ich war nicht euphorisch, sondern enttäuscht, dass so viel Pech ein gutes Ergebnis unmöglich gemacht hat.

IB: Wäre bei einem neuen Versuch also „noch Luft nach oben“?
NW: Daniel hat alles gemacht, und das M ist momentan das für mich beste Fahrzeug. Mit dem M auf der Opel-Strecke kann ich vermutlich nur knapp an den Männerrekord heranfahren. Mit einer bombastischen körperlichen und psychischen Form, bei Gesundheit und einem neuen Fahrzeug unter perfekten äußeren Bedingungen geht der Männerrekord!

IB: Bist Du nun „satt“ oder gibt es Pläne für einen weiteren Versuch?
NW: Satt bin ich nicht! Es ginge schon, alle Rekorde noch besser zu fahren. Ich bräuchte aber wieder ein so tolles Team und Zeit für gezieltes Training.

IB: Vielen Dank für diese Einblicke. Wir wünschen dir Gesundheit, ausreichend Zeit für dein Training, Energie und weiterhin viel Unterstützung für weitere Versuche!

Weitere Berichte zu Nicolas’s Weltrekord finden ihr unter anderem bei DropLimits, bei der FAZ, im Spiegel, in Fit for Fun und bei Ihrem Hauptsponsor Opel.