Tour de Mittelmehr 2024

Schluchten, Pässe, Bahntrassen-Radwege, giftige Steigungen und Meer

Text und Fotos: Andi Gerber

Geplant war eigentlich eine Tour zu zweit in den Norden, Dänemark oder Schweden. Kurzfristig ging es dann in den Süden und es kam unsere Tochter hinzu welche Meer wollte und weniger Pässe. Schlussendlich ergab sich eine wunderschöne Tour von Grenoble durch den Süden von Frankreich weiter nach Italien der ligurischen Küste entlang bis nach Genua welche allen gefallen hat.

Manche sind schon mit einer 2 km Radfahrt zum Bäcker überfordert, anderen kann es sportlich anspruchsvoll nicht weit genug gehen. Hier zur Anregung ein kurzer Bericht und einige Bilder von einer Radreise irgendwo dazwischen, mit einer gesunden Balance zwischen sportlichen Ansprüchen und dem süssen „Dolce far niente„.

Aussicht am Combe Laval
Aussicht am Combe Laval

Wohin des Weges?

Schon länger steht der Norden auf unserer Wunschliste für Radferien, warum nicht diesen Juni? Dagegen sprachen eine Kombination aus der anstehenden Fussball-Europameisterschaft in Deutschland, Horrorgeschichten die Deutschen Bahn, ein bevorstehender Umzug mit vielen Unsicherheiten und dem damit verbunden Aufwand sowie eine schlechte Wetterprognose. Kurzfristig ergab sich, dass unsere 19-jährige Tochter mitkommen würde mit dem Wunsch nach Meer.
Die beiden letzten Faktoren führten dann zum endgültigen Entschluss die Flucht in den Süden Richtung Mittelmeer zu wagen in der Hoffnung das schlechte Wetter im Norden zu lassen.

Hochebene Vercors
Hochebene Vercors

Vercors und Drome

Am Samstag regnete es überall, los ging es deshalb am Sonntag mit der Bahn ab Zürich via Genf nach Grenoble. La Belle Via heisst die ausgeschilderte Radroute V63, welcher wir entlang der Isere Richtung Rohnetal folgen. Der Name ist Programm, verkehrsarm und Dank dem vorwiegend leichten Gefälle entspannt kommen wir voran. Nun könnte man über die Via Rhona flach weiter Richtung Rhonemündung ans Mittelmeer fahren. Wir biegen jedoch ab Richtung Royan und dem angrenzenden Massiv des Vercors und beginnen fleissig Höhenmeter zu sammeln.

Serpentinen Col de Rousset
Serpentinen Col de Rousset
Anstieg Col de Carabes
Anstieg Col de Carabes

Der Cirque de Combe Laval im Anstieg zum Col de la Machine gilt mit den in den Felsen gesprengten Tunnels, den Überhängen und tiefen Felswänden runter ins Tal als einer der spektakulärsten Abschnitte in den Alpen. Die folgende Fahrt über die Hochebene des Vercors ist wie bei Hochebenen meistens der Fall alles andere als eben aber bietet wunderschöne Aussichten. Die Abfahrt vom Col de Rousset mit ihren Serpentinen runter nach Die bietet dann einen atemberaubenden Abschluss des Tages. Weiter geht es durch die einsame Landschaft des Drôme mit vereinzelten Dörfern über den Col de Carabès nach Sisteron der Porte zur Provence.

Orchideen im Drome
Orchideen im Drome

Provence

Wetterbedingt geht es bis Meyrargues nochmals auf den Zug. Nun folgen wir der Eurovelo 8 durch die Region Haut-Var. Die Strecke führt oft auf Radwegen ohne Verkehr auf ehemaligen Bahnstrecken mit etlichen Viadukten oder Tunnels aber enthält auch etliche giftige Steigungen.

Bahnradweg Eurovelo8
Bahnradweg Eurovelo8

Der Zustand der Wege sowie die Signalisation der Route bewegen sich zwischen sehr gut bis schlecht oder an einzelnen Stellen auch ziemlich übel. Entlang der Strecke sind viele kleine Juwelen zu finden, sei es das Städtchen Barjols mit seinen vielen Brunnen, der malerische Wasserfall von Sillans, der Viadukt von Rayol oder das charmante Bergdorf Fayence, wo wir aufgrund des mitsommerlichen Musikfestes unser Abendessen mit einem kleinen Konzert geniessen durften.

Viadukt von Rayol
Viadukt von Rayol

Mehr oder Meer?

Nach fünf Fahrtagen war es dann endlich so weit, das Mittelmeer kommt in Sicht, zuerst nur als schmaler Streifen am Horizont aber schon bald fahren wir der Côte d’Azur entlang, von Cannes Richtung Nizza. Die Strecke verläuft hier meistens auf der Strandpromenade auf einem separaten Bereich für Radfahrer. Zu mindestens für uns auf gemütlicher Radtour sind diese Abschnitte ein Genuss. Eindrücklich zu sehen was möglich ist, wenn der Wille zur Förderung des Radfahrens vorhanden ist. In unseren Gefilden ist der entsprechende Wille leider oft nicht ersichtlich und man versteckt sich hinter Ausreden, wieso es nicht ein besseres Angebot für Radfahrer gibt. Auch die Abschnitte auf im Verkehr waren unproblematisch, der Grossteil der Autofahrer verhielt sich rücksichtsvoll und entspannt.

Ligurische Küste
Ligurische Küste

Nach Nizza verlassen wir nochmals die Küste um Monaco via den Col d’Èzel zu umfahren und schon bald sind wir in Italien, dem Land von Pasta und Pizza. Gourmets mögen die Qualitäten der französischen Küche schätzen aber für meine beiden Vegetarierinnen wurde die Restaurantauswahl deutlich vereinfacht. Die Eurovelo 8 biegt in Venti Miglia ab ins Landesinnere Richtung Piemont / Turin. Wir folgen weiter der Küste. Von San Remo bis kurz vor Imperia dürfen wir nochmals einen gut ausgebauten Radweg auf einer ehemaligen Bahnstrecke geniessen. Die ligurische Küste um Finale Ligure ist in der Schweiz besser als Kletter- oder Mountainbikeparadies bekannt.

In Varezze am Fusse des Monte Beigua geniessen wir noch zwei Tage den Strand, die Wärme und die Sonne. Zum Abschluss geht es mit dem Velo weiter nach Genua und von dort mit der Bahn retour via Mailand in die Schweiz.

Cascade de Sillans
Cascade de Sillans