Drei Monate per Tandem durch Europa

Von Juli bis Oktober 2025 fuhren Michael & Marie-Theres Döhrbeck vom schweizer Tandemclub mit ihrem betagten Tandem eine große Runde durch Europa.
Hier Michaels „Reisebericht“; statt eines Fliesstextes, den vielleicht manch eine/-r nur quer liest, weil ihn oder sie nur gewisse Aspekte interessieren, beantwortet er einfach ein paar Fragen, die er einem Radreisenden stellen würde.

Text, Bilder: Michael Döhrbeck

Gdansk erreicht
Micheal und Marie-Theres haben Danzig erreicht

Warum drei Monate?

Unsere Hochzeitsreise vor 35 Jahren dauerte fünfeinhalb Monate – mit demselben (!) Tandem. Seither gab es nur kürzere Touren bedingt durch Arbeit, Kinder und andere Verpflichtungen. Mit meiner Pension Ende Mai lag nun endlich wieder mal eine längere Reise drin, wobei wir uns gut einen Monat Zeit liessen, um uns vorzubereiten und von Verpflichtungen vorübergehend freizustrampeln. Und aus Temperaturgründen wollten wir spätestens Mitte Oktober zurück sein.

Karte der Tandemtour Satellit hell
Die Route – eine große Runde durch CH, FL, A, SK, PL, D, NL, B und F
Gute Infrastruktur auf Inntalradweg (A)
Gute Infrastruktur auf dem Inntalradweg (A)

Warum Tandem?

  • Kräfteausgleich: Auf dem Tandem ist keiner schneller und keiner langsamer und im Gefühl unterwegs, sich dem anderen anpassen zu müssen oder sogar hinterher zu hetzen.
  • Kommunikation: Wir können stets miteinander reden, uns über das Gesehene und Geschehene austauschen und kurzfristig entscheiden, ob wir z.B. anhalten wollen.
  • Arbeitsteilung: Während ich als Captain die Fahrverantwortung übernehme, dabei aber „nur“ die kleinen Entscheide treffe (ob wir links oder rechts vom Schlagloch vorbeifahren), übernimmt Marie-Theres als Stoker die Navigation und trifft die „grossen“ Entscheide (ob wir an der nächsten Kreuzung links oder rechts fahren). Sie kann sich in aller Ruhe aufs Navi (oder früher eine Karte) konzentrieren, ohne vom Lenken, Bremsen und Schalten abgelenkt zu sein.
  • Aerodynamischer Vorteil, welcher sich in einer leicht höheren Reisegeschwindigkeit äussert (in der Ebene ohne Wind ca. 25-28 km/h mit Gepäck).
Kunst im ganzen Dorf Zalipe (PL)
Mit Blumen bemalte Häuser im ganzen Dorf Zalipe (PL)

Warum kein Liegetandem

Ich hätte gern eines, aber: Um beiden Personen eine echte Liegeradposition zu ermöglichen (nicht nur eine Sesselradposition für den Stoker), werden Liegetandems sehr lang und schwer, manche haben sogar 3 Räder, was alles die aerodynamischen Vorteile der Liegeposition zunichtemacht. Allenfalls könnte ein Janustandem (back to back) kompakt und damit leicht konzipiert werden; ob hingegen der Stoker auf Dauer damit glücklich ist, müsste erst ausprobiert werden. Und da sowohl Liegeräder als auch Tandems nur Nischenmärkte darstellen, ist die Schnittmenge eine noch viel kleinere Nische und die Motivation der Hersteller entsprechend klein, etwas wirklich Gutes zu bauen. An der Spezi suche ich seit Jahren vergebens…

Warum Europa?

Es stellt einen besonderen Reiz dar, von Zuhause nach Zuhause zu radeln und dazwischen aus eigener Kraft so weit weg von Zuhause zu sein. In Europa gibt es noch so viel zu entdecken! Aus ökologischen Gründen kommt Fliegen weniger in Frage und für weite Zugreisen mit einem Fahrrad (und speziell mit einem Tandem) müssen viele Unannehmlichkeiten in Kauf genommen werden.

konsequente Abfalltrennung (PL)
konsequente Abfalltrennung (PL)
Radweg an der Weichsel (PL)
Toller Radweg an der Weichsel (PL)

Routenwahl? (siehe Karte)

Marie-Theres hatte die Idee, ‘mal der Weichsel (polnisch Wisła) entlang von ganz Süden in Polen (Ortschaft Wisła, nach dem Fluss benannt) bis an die Ostsee (Danzig) zu fahren.
Um jedoch nach Wisła zu gelangen, ging es zuerst über den Arlberg, der Rosanna und dem Inn entlang runter zum Donauradweg, diesem folgend bis Bratislava und weiter durch die Slowakei Richtung Nordosten.
Nach einem Monat Polen war ein weiteres Ziel Rügen; so ging es der Ostsee entlang Richtung Westen. Da wir der Elbe bereits früher einmal von Hamburg bis Dresden gefolgt waren, fehlte noch das Stück Hamburg-Elbemündung (Cuxhaven).
Und weil wir auch noch nie durch Holland und Belgien geradelt sind, bot es sich an, der Nordseeküste weiter gen Südwesten zu folgen.

Im Rückblick wäre es schlauer gewesen, die ganze Rundtour im Uhrzeigersinn zu fahren und so den Meeresküsten von West nach Ost zu folgen, da die Winde in Küstennähe besonders kräftig waren und mehrheitlich von Südwesten her bliesen und dies manchmal mit 40 km/h, was uns bisweilen auf 12 km/h runterbremste…

Auf der Fähre Westerode (NL)
Auf der Fahrrad-/Fussgänger-Fähre Westerode (NL)

Wo gefiel es uns am besten?

  • Auf dem Küstenradweg in Holland zwischen Haarlem und Hoek van Holland: Der perfekte zweispurige Radweg verläuft abwechslungsreich in sanften Kurven und leichtem Auf und Ab, erst durch einen Wald und dann durch den breiten Dünengürtel, zwischendurch mit Blick aufs Meer bzw. mit Zugängen zum Strand.
  • Auf den Voies bleus entlang des Canal de la Meuse und dann des Canal des Vosges bzw. der Moselle, diese Radwege sind sowohl bzgl. Höhenmetern als auch landschaftlich äusserst reizvoll zu befahren!
Blick in die Dünen vom Küstenradweg (NL)
Blick in die Dünen vom Küstenradweg (NL)

Was waren die berührendsten bzw. wertvollsten Erfahrungen?

Wir waren ohne Zelt unterwegs. Sofern möglich, übernachteten wir bei „Warmshowers“, „Dachgeber/-innen“ oder Verwandten/Freunden bzw. Freunden von Freunden. Nebst finanziellem Vorteil dieses Gegenseitigkeitsprinzips schätzten wir vor allem, mit Menschen intensiver in Kontakt zu kommen als dies auf der Strasse, im Laden, Restaurant oder Museum möglich ist. Wir erfuhren etwas über ihr Leben, die Art des Wohnens, ihre Arbeit, ihr Familienleben, ihre Lebenseinstellung und nicht zuletzt ihren Bezug zum Fahrrad.

Seltene Sicht auf dem Radweg auf die Ostsee (PL)
Seltene Sicht auf dem Radweg auf die Ostsee (PL)

Wenn wir offene Kirchen fanden, haben wir darin zweistimmig Taizé-Lieder gesungen – natürlich nur, wenn wir damit niemanden störten. Wenn währenddessen jemand hereinkam, ist es ein paar Mal vorgekommen, dass sich diese Menschen vom Gesang berühren liessen und uns dies anschliessend kundtaten. Einmal wurden wir sogar von einer orthodoxen Gemeinde in Frankreich spontan zu einer „Teilete“ (jeder trägt etwas zu einem gemeinsamen Mahl bei) eingeladen.
So lange zu zweit unterwegs zu sein (auf dem Tandem besonders nah!), gemeinsam alles Schöne zu erleben, aber auch Strapazen zu bestehen und Probleme zu meistern, ist zugleich ein Test, aber auch eine Intensivierung einer Partnerschaft. Daher meine Quintessenz dieser Reise: Unsere Paarbeziehung ist immer noch toll!

Wie gut eigneten sich die verschiedenen Länder zum Radfahren?

Österreich

Die Radweginfrastruktur ist bereits auf einem hohen Niveau und wird laufend verbessert.
Beispiele:

  • In Wien kommen jährlich 20 km Radwege oder -streifen hinzu.
  • Den Donauradweg von Passau nach Wien sind wir bereits 1988 gefahren, die Fortschritte seit damals sind enorm. Dadurch ist der sanfte Velotourismus heute wirtschaftlich relevant.

Slowakei

Gerade mal vier Tage verbrachten wir in der Slowakei, wobei wir einige sehr gut ausgebaute, teilweise fernab von Strassen verlaufende Radwege benutzen konnten – angenehm und zügig zu fahren.

Polen

Dass sich die polnischen Automobilisten und Lastwagenfahrer gegenüber Radfahrern so rücksichtsvoll, geduldig und korrekt verhalten, war eine angenehme Überraschung: Wenn auf einer Hauptverkehrsstrasse wegen Gegenverkehr und einem Radfahrer Überholen nicht möglich ist, wird geduldig mit Abstand gewartet, um dann mit mindestens 1.5 m seitlichem Abstand oder sogar ganz auf der Gegenfahrbahn zu überholen, und das, ohne den Motor demonstrativ hochjaulen zu lassen. Die Schweizer können von den Polen einiges lernen! Ebenso ungewohnt war, dass Radfahrer auf Radwegen, die eine Querstrasse kreuzen, Vortritt haben und dass dieser Vortritt selbstverständlich gewährt wird! Zu Beginn bedankten wir uns jedes Mal freundlich…

Radweglogo in Westpommern (PL)
Radweglogo in Westpommern (PL)

Manchmal führen kilometerlange, offensichtlich recht neue Radwege auf einem Deich der Weichsel entlang, was bei oft flachen Landschaften einen tollen Weitblick ermöglicht. Ohne Online-Fahrradkarten (z.B. Komoot) hätten wir diese Wege aber selten gefunden, denn sie stellen noch kein zusammenhängendes oder gar ausgeschildertes Netz dar. Jedenfalls sahen wir südlich der Ostseeküste keine Reiseradler darauf, nur lokale Rennradler, die sie als Trainingsstrecken schätzen. Polen hat also noch viel Potential, sanften Tourismus zu fördern. Völlig anders sieht es an der Ostseeküste aus, wo der Tourismus floriert und auch die Radwege insbesondere von deutschen Radlern intensiv genutzt sind. Besonders in den Badeorten ist an rasches Vorwärtskommen nicht zu denken.

Normale Autostrassen haben aber meistens einen sehr guten Belag; falls jedoch nicht, ist er 1000x geflickt und zum Radfahren mühsam holprig. 20″ Räder sind hier schlechter geeignet.

Radwegqualität (PL)
Radwegqualität in Polen

Eurovelo 13 „Iron Curtain Trail“ (u.a. Polen/Deutschland)

Ein Teil dieses Trails besteht aus ca. 50×80 cm grossen Betonplatten, welche nicht nur je zwölf Löcher (ca. 10 cm) aufweisen, sondern auch nicht mehr plan hintereinander liegen.

Panzerplatten Radweg
Panzerplatten Radweg am ehemaligen eisernen Vorhang (Quelle: Komot)

Deutschland

Wir fahren seit 1983 Tandem – auch in Deutschland – und haben die enormen Fortschritte in der Fahrrad-Infrastruktur stets mitbekommen. Einerseits ist ein ganzes Netz an guten Radwegen entstanden, andererseits setzt sich zum Glück bei uralten schlechten Radwegen langsam die Erkenntnis durch, dass man die verpflichtenden runden blauen Radwegtafeln entfernt. Dieses Mal ist uns bewusst geworden, dass – wie in Polen – Radfahrer auf parallel geführten Radwegen bei Querstrassen mehrheitlich Vortritt haben, auch bei Kreiseln, und dass dies von den Autofahrenden auch konsequent beachtet wird. In meiner Erinnerung war dies nicht immer so. Eine PS-Demonstration bei hoher Drehzahl, wenn Überholen nicht gleich möglich ist, kommt in Deutschland doch gelegentlich vor.

Schrägfahrt am Deich an der Nordsee (D)
Schrägfahrt am Deich an der Nordsee gegen den Wind kurz vor dem Regen (D)

Holland

Das Radfahrland schlechthin, was sich in zwei Aspekten zeigt: Ein ausserordentlich konsequentes Radwegnetz, eine grosse Zahl von Verkehrsteilnehmer/-innen, welche bei jedem Wetter selbstverständlich ihre täglichen Wege mit den „Fiets“ (= Fahrrädern) bewältigen, was zeigt, dass sich durch gute Infrastruktur der motorisierte Verkehr spürbar reduzieren lässt. Hingegen mussten wir uns daran gewöhnen, dass sich die verbliebenen Automobilisten – im Gegensatz zu Polen und Deutschland – an den Stellen, wo der Rad- und Autoverkehr nicht getrennt ist, aggressiver bis gefährlicher verhalten. Ob dies ein Aufbäumen der sich immer mehr als Minderheit empfindenden „Blechkistonauten“ ist?

Küstenweg durch die Dünen (NL)
Küstenweg durch die Dünen (NL)

Belgien

In den nur drei Tagen, die wir durch Belgien fuhren, lässt sich natürlich nur ein erster Eindruck wiedergeben: Auch hier gibt es Radwege. Belgien setzt das holländische Knotennetzsystem fort, die Qualität (Fahrbahnoberfläche, Breite) schien uns teilweise schlechter.
Die Grenzlinie zu Frankreich verläuft in grossen Schlangenlinien, so dass wir die Grenze fast unbemerkt noch mehrmals überquerten. Gemeinsam ist beiden Ländern, dass sie in dieser Grenzregion den Unterhalt der „normalen“ Strassen teilweise ziemlich vernachlässigen.

Frankreich

Abgesehen vom obigen Aspekt war dieses am dünnsten besiedelten Land Mitteleuropas (abgesehen von den Zentren, in welchen 25% der Bevölkerung leben) schon vor Jahrzehnten ein tolles Radfahrland, weil es über ein erstaunlich dichtes Nebenstrassennetz verfügt, welches so wenig motorisierten Verkehr aufweist, dass die jeweils zu Beginn gute Strassenqualität sehr lange erhalten bleibt. Trotzdem sind die Anstrengungen der Grande Nation ausserordentlich, zusätzlich ein reines Radfahrnetz ständig auszubauen. Hierfür werden in grossem Stil stillgelegte Bahnlinien (voie verte) und ehemalige Treidelpfade (voie bleu) entlang der vielen Kanäle zu offiziellen Radwegen umfunktioniert. Beide sind sowohl bezüglich Höhenmetern, als auch landschaftlich äusserst reizvoll zu befahren! Kurzum: Wir radeln immer wieder sehr gern durch Frankreich.

Radweg am Canal des Vosges (F)
Radweg am Canal des Vosges (F)

Schweiz

Bin ich ein Nestbeschmutzer, wenn ich nicht nur das ausgezeichnete Radroutennetz lobe, sondern gleichzeitig die ungeduldig und gefährlich überholenden Automobilisten an den Pranger stelle? Schon auf unserer Hochzeitsreise durch sieben Länder (vor 35 Jahren) kamen uns nirgends einzelne Autos so unangenehm nah, wie bei der Durchquerung des Schweizer Juras. Diese unangenehme Erfahrung machten wir leider auch dieses Mal wieder.

Quantitative Aspekte der Reise

  • Reisezeit 17. Juli bis 4. Oktober 2025
  • 8 Länder (inkl. FL)
  • Knapp 6000 km
  • 1-2 Pausentage pro Woche
  • Ø 81 km/Tag (nur Fahrtage gerechnet)
  • Ø 3h 45min / Tag im Sattel
  • Ø 21.7 km/h (nur Fahrzeit gerechnet)
  • Gewicht Tandem inkl. Gepäck (ohne Getränke): 53 kg
  • Anzahl Fährfahrten: 12
  • Anzahl Plattfüsse: 0 (!)
  • Der Ausrüstungsgegenstand, der uns am meisten Ärger bereitet hat: Garmin Edge Solar

Für Fragen oder Auskünfte: koordination@tandemclub.ch