Mit Kleinkind entlang der Rhône

Unsere erste Familienreise: Mit Rad und Kleinkind entlang der Rhône

Text und Bilder: Lena Hannemann & Claudio Gavagnin

Im Mai 2023 war unsere Tochter Anna ein Jahr alt und wir beschlossen zu dritt auf eine fünfwöchige Radreise zu gehen. Unsere Reiseroute: Von der Mündung der ViaRhôna flussaufwärts bis nach Genf, weiter durch die Schweiz zum Rhein bis nach Freiburg im Breisgau, von dort mit dem Zug zurück nach Braunschweig, wo wir leben.

Ursprünglich wollten wir die ViaRhôna wie üblich flussabwärts fahren. Da wir aber keine Fahrradstellplätze für die Rückfahrt von Marseille im TGV bekommen konnten, beschlossen wir kurzerhand, die geplante Route umzudrehen. Von Braunschweig aus fuhren wir mit dem ICE nach Offenburg, von dort mit dem Fahrrad nach Straßburg, wo uns der TGV nach Marseille erwartete.

An unserem ersten Radtag, der uns von Marseille aus an die Rhône führt, stellen wir sofort fest, dass wir bei unserer Richtungsänderung ein wichtiges Detail übersehen hatten: Den Mistral, der durch das Rhônetal weht! Außerdem überzeugen uns die steilen Berge an der Küste und das Fehlen von Radwegen davon, ein paar Tage am Strand zu verbringen und Arles, die erste Stadt an der Rhône, mit dem Zug zu erreichen. In Arles angekommen kann unser Abenteuer entlang der ViaRhôna beginnen. Glücklicherweise scheint Anna keine größeren Probleme mit dem Schlafen im Zelt zu haben, während das Wachsein im Anhänger ihr nicht sonderlich gefällt.

Die Brücken entlang der ViaRhôna sind oft schmal
Die Brücken entlang der ViaRhôna sind oft schmal

Der Tagesablauf hat sich also schnell eingespielt: Wir wachen zwar schon um 6 Uhr auf, aber der Zeltabbau, die Vorbereitung der Fahrräder und das Frühstück brauchen ihre Zeit. Wenn wir gegen 10.30 Uhr auf die Fahrräder steigen, ist Anna schon wieder bereit für ein anderthalbstündiges Nickerchen. Zur Mittagszeit versuchen wir immer, an einem Spielplatz Rast zu machen. Gegen 15.30 Uhr sind wir wieder bereit für eine weitere Stunde auf dem Rad bis zum nächsten Campingplatz.

Zelt steht, Wäsche hängt und jetzt geht’s ins Wasser
Zelt steht, Wäsche hängt und jetzt geht’s ins Wasser

Obwohl wir morgens immer als Letzte abfahren, sind wir nachmittags oft die Ersten, die ankommen, und das gefällt uns. Auf dem Campingplatz kann man sich schnell anmelden, ist immer draußen, meist gibt es Spielplätze und oft eine Schwimmgelegenheit. Auch das Wickeln und Baden ist kein Problem, denn im Waschraum finden wir meist ein Babyabteil mit erhöhter Badewanne. Wir schauen uns die Ausrüstung der anderen an und stellen fest, dass wir nicht mehr Gepäck dabei haben als Radreisende ohne Kind. Jeder von uns hat zwei Radtaschen am Gepäckträger. Die Anhängertasche bleibt für die Vorräte reserviert, die wir alle 1-2 Tage auffüllen. Viele Radfahrer verzichten nicht auf den Komfort eines Klappstuhls: Wir kommen gut ohne ihn aus, auch weil viele Campingplätze extra Plätze für Radreisende mit überdachten Holztischen und -bänken haben. Andererseits wären ein leichteres und geräumigeres Zelt und eine Plane zum Schutz vor dem Regen nützlich gewesen. Am Abend sind wir jedoch müde genug, um in unserem kleinen Zweierzelt einzuschlafen, wir auf unseren Luftmatratzen, Anna auf ihrer Ziehharmonika-gefalteten Isomatte.

Schaukeln nach dem Frühstück am Neuenburgersee
Schaukeln nach dem Frühstück am Neuenburgersee

Obwohl wir nicht mehr als 40 km am Tag zurücklegen, haben wir in den ersten Wochen bis Lyon wirklich zu kämpfen: Wir sind nicht fit auf dem Rad, das Gewicht des Anhängers macht sich bemerkbar. Außerdem strengt uns der Gegenwind an und frustriert uns: Warum haben wir nicht früher daran gedacht? Wir beschließen jedoch, dass es nichts bringt, sich zu ärgern, und von da an ist die Müdigkeit nicht mehr so schlimm. Nachdem wir Lyon hinter uns gelassen haben, biegen wir nach Osten in Richtung Alpen ab, und plötzlich wird alles ganz einfach: Der Radweg ist perfekt, der Wind ist verschwunden, und nach zwei Tagen Erholung in Lyon fühlen wir uns gut in Form: Wir schaffen unsere erste 50-km-Etappe, und wir sind stolz darauf. Auch die Landschaft hier ist atemberaubend: Alpenseen umgeben von steilen Bergen. Das Tor zu den Alpen steht offen und wir kommen endlich in Genf an.

Ankunft in Genf. Hier verabschieden wir uns von der Rhône
Ankunft in Genf. Hier verabschieden wir uns von der Rhône

Ab hier beginnen einige Steigungsetappen, um das Einzugsgebiet der Rhône zu verlassen und das des Rheins zu erreichen. Wir folgen der Jurasüdfuss-Route bis Yverdon-les-Bains und von dort der Mittelland-Route entlang der Aare bis zum Rhein in Deutschland. Unsere begrenzte Tageskilometerzahl macht die Organisation der Etappen in der Schweiz schwierig: Es gibt auf unserer Strecke weniger Campingplätze als noch in Frankreich, wir müssen ein paar Züge mehr nehmen als uns lieb ist – Aber wenigstens sind hier selbst die kleinsten Bahnhöfe, anders als in Frankreich, barrierefrei.

Mittagspause auf einem "Aire de jeux"
Mittagspause auf einem „Aire de jeux“

Wir erreichen den Rhein und fahren weiter nach Basel, wo wir Freunde besuchen, und dann weiter nach Freiburg, der letzten Station unserer Reise. Inzwischen ist es Ende Juni, es ist heiß und die Nächte sind kurz. Ein Teil von uns ist froh, nach Hause zu kommen, in einem Bett zu schlafen und eine Küche zur Verfügung zu haben. Gleichzeitig wird uns bewusst, was für ein Abenteuer es war: Über einen Monat als Familie zusammen zu sein, Anna glücklich aufwachsen und laufen zu sehen, die Natur und den langsamen Rhythmus des Radfahrens zu genießen. Wir träumen schon von unserer nächsten Reise.

Warum sollte man mit Baby auf Fahrradreise gehen?

  • Man ist immer im Freien
  • Flexibilität: man muss nur wenig im Voraus reservieren (z.B. Züge)
  • die Schlafumgebung ist immer die gleiche, trotzdem gibt es jeden Tag etwas Neues zu entdecken
  • begrenzter Stauraum: Man genießt, was man hat
  • Man wird körperlich wieder fit (mit Baby bleibt im Alltag oft nicht viel Zeit für Bewegung)

Das würden wir unbedingt wieder machen

  • Einsitzer Fahrradanhänger: zwar weniger Platz als im Zweisitzer, dafür einfacher bei Brücken, Barrieren, im Zug
  • Ausgiebig frühstücken, mittags und abends viel Gemüse und Couscous essen
  • Einen zweiten Campingkocher als Wasserkocher mitnehmen
  • Anfangs nur wenige Kilometer pro Tag einplanen und dann nach und nach steigern
  • Eine Radreise mit Kind! Das nächste Mal möchten wir von Salzburg auf dem Alpe-Adria-Radweg Richtung Venedig

Das würden wir beim nächsten Mal anders machen

  • Die einzelnen Streckenabschnitte konkreter planen, um längere Etappen ohne Übernachtungsmöglichkeit zu vermeiden
  • Ein größeres Zelt und eine Plane für Regentage einpacken
  • Auf die Windrichtung achten
  • Reisen im September: weniger Hitze und längere Nächte