Text, Bilder: Ruedi Hunziker
Nach mehreren Operationen in den letzten Jahren war meine körperliche Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt – dazu kamen heftige Rückenschmerzen nach einem Sturz mit dem Liegerad und eine schmerzhafte Entzündung an beiden Fussballen. Meine Unzufriedenheit wuchs und ich fasste den Entschluss, trotz dieser Widrigkeiten eine Fahrradreise mit Campingausrüstung zu unternehmen.
Ende August ging es los – mit dem Flixbus nach Prag (der Fahrer weigerte sich zunächst, mein Liegerad mitzunehmen, doch ich bestand darauf) und von dort mit einem Shuttle weiter nach Spindlermühle. Von dort führte mich der Weg zu Fuss durch eine ursprüngliche Landschaft bis hoch zur Elbequelle auf 1.390m – mit Blick auf die polnische Grenze.

Tschechien
Am nächsten Tag ging es endlich los – bei etwa 4 °C. Zügig rollte ich bergab bis auf 470 m, wo ich eine Pause einlegen musste, um meine steifgefrorenen Finger wieder beweglich zu machen. Mit dem Navi hatte ich anfangs etwas Mühe. Mehrmals schickte es mich auf falsche Wege, sodass ich mich plötzlich mitten in einem dichten Wald auf unfahrbarem Terrain wiederfand. Doch meist führte mich die Route entlang der Elbe, vorbei an Klöstern und gepflegten, alten Städtchen. Andere Tourenradler waren kaum zu sehen – wenn überhaupt, dann in Gegenrichtung, da der Elberadweg wegen des Rückenwinds meist andersherum empfohlen wird.

Die offizielle Strecke hatte sehr unterschiedliche Wegqualität: von Asphalt, über Wurzeln, Schlaglöcher, Sand bis hin zu grobem Schotter – eher etwas für Mountainbikes. Ich war erstaunt, dass mein Rad (und ich) das alles weitgehend unbeschadet überstanden haben.

Campen mit Hindernissen
Um Gewicht zu sparen, hatte ich mir ein ultraleichtes Zelt aus Kanada bestellt und es vor der Reise zu Hause testweise aufgebaut. Mein Gepäck wog trotzdem etwa 19 kg – vor allem wegen der Verpflegung. Schon am ersten Campingplatz wurde Regen angekündigt. Leider stellte sich heraus, dass eine der Hauptstangen des Zelts defekt war – es ließ sich nicht richtig aufbauen und war somit nicht regendicht. Ich improvisierte, spannte es unter Bäumen mit Riemen ab – und blieb zumindest trocken. Doch das Zelt war voller Dreckspritzer, und ich musste es am nächsten Morgen bei strömendem Regen nass einpacken. Spätere Reparaturversuche waren nur halbwegs erfolgreich – ich konnte es nur noch aufstellen, wenn es trocken war.

Deutschland – neue Eindrücke
Ohne es zu bemerken, überquerte ich die Grenze nach Deutschland – bei strahlendem Wetter in der Sächsischen Schweiz. Hier änderte sich das Bild schlagartig: Der Radweg war bestens ausgebaut, es gab Biergärten und viele kulinarische Angebote – und Hunderte von Radlern, meist auf E-Bikes, füllten die Strecke.

Wegen einer Sperrung musste ich auf eine Fähre ausweichen und einen steilen Umweg über Felsen bis nach Bad Schandau in Kauf nehmen. Danach ging es durch eine wunderschöne Landschaft weiter bis nach Dresden, wo ich drei Nächte blieb. Hinter Meißen lichtete sich die Radlerflut wieder, die Wege wurden einsamer – aber auch deutlich schlechter. Besonders in Dörfern und Städten wird man oft auf Radwege (besser: Rüttelstrecken) auf Gehsteigen verwiesen, die in miserablem Zustand sind. Das häufigste Verkehrsschild: „Achtung Strassenschäden“ scheint günstiger zu sein, als etwas zu reparieren.
Immer der Elbe folgend, führte mich der Weg durch weite, abwechslungsreiche Landschaften und an geschichtsträchtigen Orten vorbei. In Hamburg machte ich erneut drei Tage Pause, um mich auszuruhen und die Stadt zu erkunden. Dort schickte ich auch meine Campingausrüstung nach Hause – das Wetter wurde zunehmend regnerischer und das Zelt war ohnehin kaum noch einsetzbar.
Widrigkeiten einer Tour
Bei leichtem Regen startete ich von Hamburg Richtung Cuxhaven. Der Weg führte meist auf dem Deich durch weite, unberührte Landschaften. Plötzlich stand ich vor einer Zugbrücke – geöffnet nur von 08:00–12:00 und 17:00–19:00 Uhr. Es war 15:30 Uhr. Ich war ohnehin spät dran, kämpfte mit starkem Gegenwind – und musste 15 km Umweg fahren.
Später suchte ich nach einer Unterkunft – fand aber unterwegs nichts. Also beschloss ich, bis Cuxhaven durchzufahren. Über Booking.com fand ich eine sogenannte „Schlafkoje“ (2 m x 1,20 m) zu einem halbwegs bezahlbaren Preis. Ich informierte den Campingplatz telefonisch über meine späte Ankunft, was laut Auskunft kein Problem sei – man wolle mir die Details mailen.

Dann erwischte mich ein plötzliches Gewitter. Kaum hatte ich die Regenkleidung an, war ich schon völlig durchnässt. Sturmböen bliesen mir entgegen, es wurde immer dunkler und mein Frontlicht (wegen Akkusparmodus) spendete nur einen schwachen Schein. Dank Navi konnte ich zumindest noch erkennen, wann der Weg links oder rechts abbog. Um 21:30 Uhr erreichte ich nach 145 km durchnässt und erschöpft den Campingplatz – und musste feststellen, dass man mir statt der Koje einen Zeltplatz reserviert hatte.
Ich machte mich trotzdem auf die Suche nach einer freien Koje, öffnete versehentlich eine bereits besetzte – fand schliesslich aber doch noch eine leere. Darin: eine nackte Matratze, kein Kissen, keine Decke, keine Ablagemöglichkeit für meine triefnassen Sachen. So musste ich alles ins Bett nehmen – und fror erbärmlich bei 9 °C. Hätte ich bloss meinen kuscheligen Schlafsack nicht nach Hause geschickt!
Bei meist trübem und nassem Wetter ging es mit heftigem Gegenwind weiter entlang der Küste – über Bremerhaven, Wilhelmshaven bis zur niederländischen Grenze.
Reifenpanne
Eines Morgens hatte mein Vorderreifen kaum noch Luft. Ich pumpte nach – doch bald war die Luft wieder raus. Beim Versuch, das Ventil zu entfernen, schoss es mir wie eine Rakete um die Ohren – und mir fiel wieder die Warnung des Verkäufers ein: „Erst komplett entlüften, bevor du das Ventil rausschraubst…“.
Glücklicherweise fand ich das Ventil wieder. Dummerweise hatte das Fläschchen mit der Dichtmilch kein Loch für den Füllschlauch. Also bastelte ichmit demSackmesser eine Art Öffnung. Ein Teil der Milch landete daneben – aber immerhin auch etwas im Schlauch. Nach dem Aufpumpen war der Reifen tatsächlich wieder dicht – meine erste Erfahrung mit Tubeless.
Niederlande – fast wie nach Hause kommen
Obwohl ich als Kind fast jedes Jahr in den Niederlanden war, hatte ich das Land lange nicht mehr besucht. Doch kaum überquerte ich die Grenze, fühlte ich mich sofort wieder heimisch: Die Backsteinhäuser mit den grossen Fenstern zur Strasse (natürlich ohne Vorhänge), die hervorragend ausgebauten Radwege, die typisch holländische Gelassenheit…

Die Fahrt ging weiter – bei stürmischem Wetter – bis nach Leeuwarden, wo ich in einem ehemaligen Gefängnis übernachtete. Dann weiter, immer gegen den Wind, nach Harlingen und Zurich. Eigentlich wollte ich den 32 km langen Damm über das offene Meer überqueren, doch dieser war grösstenteils wegen Bauarbeiten für Fahrräder gesperrt. Also wich ich aus und fuhr am IJssel- und Markermeer entlang nach Amsterdam, wo ich mir Zeit nahm, die Stadt zu erkunden.

Von dort ging es weiter über Haarlem und Leiden, bis ich nach 1920 km Rotterdam erreichte. Von dort fuhr ich mit dem Zug mit viermal Umsteigen und reichlich Verspätung, glücklich und zufrieden nach Hause in die Schweiz.



















