Human Powered Vehicles e.V.

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Friedhelm Schwegler

Donnerstag, 20. Oktober 2005

Endlich geht es los. Mein Freund Jörg Dann und ich treffen uns um 8:00h zum Frühstück und brechen anschliessend mit unseren Rädern Richtung Nürnberg auf. Jörg fährt sein Anthrotech Trike mit Streamer und ich meine Leitra. Heute Abend wollen wir mit dem Nachtzug nach Kopenhagen weiterreisen . Grund der Reise: wir wollen eine Woche "Aktiv - Urlaub" in der Leitra - Werkstatt bei Carl Georg Rasmussen machen. Mir hat es im August zu den offiziellen Feierlichkeiten zum 25 jährigen Leitra -Jubiläum leider nicht gereicht.
Am Morgen hat es dichten Nebel und die Temperatur beträgt bescheidene 4° Celsius. Über Crailsheim geht es zunächst nach Ansbach, wo wir einen Zwischenstopp bei Peter Weiss von "Fahr`Rad" einlegen.
Peter ist einer der Organisatoren der Bayerischen Liegeradtage. Er erklärt uns den weiteren Weg nach Nürnberg.
Rast in Bruckberg in einer kleinen Brauerei. O - Ton Wirtin: "Hier wird soviel Bier getrunken, dass wir zwei Brauereien brauchen, dabei haben wir nur 800 Einwohner und 500 davon sind behindert." Aha.
Schon bei Dunkelheit erreichen wir Nürnberg. 140 Tageskilometer stehen auf dem Radcomputer. Wir müssen unsere Räder zum Bahnsteig hoch tragen, da es zwar einen Aufzug gibt, aber unsere Maschinen nicht reinpassen. Grosses Staunen als wir unsere Räder zum Einladen zerlegen und in den Nachtzug bugsieren. Der Schaffner bittet uns nur den Gang entsprechend freizuhalten. Sonst keine Nachfragen. Wir reisen übrigens mit dem äusserst günstigen SparNight Ticket - 29.90 Euro kostet die einfache Fahrt. Abteil suchen, zurücklehnen und dösen.

Nürnberg
Bahnsteig Nürnberg: Die zerlegten Räder warten auf den Nachtzug

Freitag, 21. Oktober 2005

Als die Sonne aufgeht, sind wir längst in Dänemark und können die vorbeihuschende Landschaft betrachten. Über den kleinen und grossen Belt geht die Fahrt nach Seeland und schließlich Kopenhagen, das wir gegen 10:30h erreichen. Beim Ausladen spricht uns der dänische Zugbegleiter an : "Herzlich willkommen in Dänemark - Sie waren doch schon einmal hier". Stimmt - ziemlich genau vor zwei Jahren - damals alleine. Auch ich erinnere mich an den perfekt deutsch sprechenden freundlichen Zugbegleiter. Eine tolle Begrüßung - ohne Leitra wäre das wohl nicht passiert.
Hier passen Leitra und Anthrotech auch in die Bahnhofsaufzüge, die uns bequem in die Halle hieven. Frühstück im Bahnhof - unsere Fahrzeuge sind die Attraktion und werden häufig abgelichtet. Das setzt sich fort als wir mitten in die belebte Fußgängerzone fahren, um eine Karte zu kaufen. Zwischen lächelnden Passanten im Zentrum bahnen wir uns den Weg Richtung Norrebro und dann weiter über Ballerup und Malov nach Ganløse. Am frühen Nachmittag treffen wir in der Leitra - Werkstatt ein, wo wir zunächst Olaf Jurk treffen, der hier auch einen "Arbeitsurlaub" verbringt. Wir kennen uns bislang nur aus dem Netz. Dann werden wir von Frau Rasmussen und Carl Georg begrüßt. Später fahren wir nach Ganløse zum Einkaufen, dänische Kronen holen und etwas umschauen. Der Abend klingt mit Fachsimpeleien mit Olaf aus.

Samstag, 22. Oktober 2005

Heute heißt es schrauben. Meine Leitra soll neue Hinterbaustreben aus Edelstahl erhalten, da die alten schon ziemlich unter Rostfraß leiden. Die Gabelbrücke benütze ich noch mal; sie wird entrostet, grundiert und neu gestrichen. Jörg, der die Löcher in die Edelstahlstreben bohrt, erlebt welch ein hartes Material Edelstahl ist und läßt einen Edelstahlbohrer verdampfen. Die Umrüstung geht aber relativ flott vonstatten.
Carl Georg dagegen hat heute einen 12 Stunden Tag vor sich. Er laminiert eine Fronthaube, was in einem Arbeitsgang gemacht werden muß, weil "naß in naß" gearbeitet wird.
Nachmittags unternehmen Jörg und ich eine Tour in die nähere Umgebung. Wir stellen fest, daß Seeland alles andere als flach ist. Schöne Laubwälder - jetzt in prächtiger Herbstfärbung - ein kleiner See bei Farum. Schmale Wege, die zu Gehöften führen. Da meine Leitra demontiert in der Werkstatt steht, kann ich mir eine von Carl Georgs Leitras ausleihen.
Die Maschine hat einen Sram Sparc Elektroaßist - Antrieb, das ist am Berg ungewohnt leicht (dafür laut) , dafür nützt mir der Antrieb auf der Ebene nicht viel, da er bei 24Km/h abriegelt und ich meist schneller fahre.

Sonntag, 23. Oktober 2005

Carl Georg kommt heute etwas später in die Werkstatt - schließlich ist ja Sonntag.
Meine Leitra wird wieder zusammengebaut - die Gabelbrücke mußte ja aushärten - und aus der Werkstatt gerollt. Mittags unternehmen Jörg und ich eine Tour an den Roskildefjord. Bei Frederikssund überqueren wir den Fjord und fahren noch einpaar Kilometer weiter bevor wir umkehren. Auf der Rückfahrt besichtigen wir in Slangerup eine Kirche von außen (da geschlossen) und einen Krug von innen (da geöffnet).
58 Kilometer sind wir heute geradelt .
Abends löst Olaf seine erste selbstlaminierte Gepäcktasche aus der Form. Es ist ihm ganz gut gelungen.

Roskildefjord
Brücke über den Roskildefjord bei Frederikssund

Montag, 24. Oktober 2005

Heute ist Olafs letzter Tag, er wird heute Mittag abreisen und hat mittlerweile soviel Gepäck, daß er nicht alles schleppen kann. Wir haben die Idee, ihn "HPV - gerecht" mit Carl Georg Rasmussens Lissy zur Bushaltestelle zu chauffieren. Gesagt getan - Lissy aufgepumpt und beladen. Wir fahren mit dem Gepäck nach Ganløse, Olaf rennt zur Bushaltestelle. Bis wir die richtige finden brauchen wir 3 Anläufe und dann noch fast eine Stunde Wartezeit. Endlich kommt der Bus und Olaf Jurk tritt die Heimreise an. Abends kommen zwei HPV Freunde aus der Umgebung um an ihren Maschinen zu basteln. Einer ist Leitra - Fahrer und hat dieselbe mit vielen LED Lämpchen bestückt.
Wir reden allerdings mehr an diesem Abend, als gearbeitet wird.

Lissy
Friedhelm und Jörg mit Lissy

Dienstag, 25. Oktober 2005

Carl Georg löst die am Samstag laminierte Haube aus der Negativform. Diese Haube kommt nicht auf ein Leitra - Chassis, sondern der Kunde baut sie an ein einspuriges Liegerad.

Haube
Carl Georg löst eine neue Haube aus der Negativform

Am Nachmittag steht eine Sightseeing - Tour nach Kopenhagen auf dem Programm. Da es regnerisch ist, kann sich Jörg eine Werks - Leitra ausleihen. In flotter Fahrt geht es in die Metropole. Carl Georg zeigt uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt : Christiansborg, wo sich das dänische Parlament befindet; die Börsen mit dem markanten gewundenem Turm; Schloss Amalienborg, wo wir kurzfristig interessanter waren, als die erleuchteten Fenster des Palastes; die Hafenmole; natürlich die kleine Meerjungfrau und das etwas abgewrackte Christiania. Ein Cappuchino in einer Buchhandlung mit Restaurantbetrieb - dann geht es bei anbrechender Dunkelheit zurück. Auf dem Rückweg bei Dunkelheit und strömendem Regen Plattfuss an meiner Leitra. Ein geflickter Schlauch ist in der Heckbox und schnell gewechselt, aber niemand hat eine Pumpe dabei . Überhaupt scheint in Kopenhagen niemand eine Pumpe dabei zu haben. So bleibt uns nichts anderes übrig, als mit plattem Reifen noch einige Kilometer nach Ballerup weiter zu fahren, wo Carl Georg wohnt. Endlich gibt's Luft und Jörg und ich fahren weiter nach Ganløse. Zur Feier des Tages gibt nach einigen Kilometern der linke Reifen auch noch den Geist auf. Wir halten nicht mehr an. Eine wunderschöne, fast 70 Kilometer lange Tour liegt hinter uns, mit einer Stadtbesichtigung der besonderen Art.

Kopenhagen
3 Leitras vor der neuen Oper in Kopenhagen

Mittwoch, 26. Oktober 2005

Heute ist Werkstatt - Tag. Zunächst wechsle ich an meiner Leitra die Reifen - die neuen Marathon Slicks haben mir kein Glück gebracht. Ich hatte noch nie so viele Reifendefekte wie mit diesen Pneus; dabei war ich mit dem Vorläufer Marathon City Slick sehr zufrieden gewesen. Anschließend reparieren wir einen Ostrad Kurzlieger, der zur Reperatur da ist. Dann heißt es feilen , bohren, schneiden. Jörg und ich fertigen 10 Paar Aufnahmen für die Haubenkupplung. Wir erleben welch hohen Qualitätsmaßstäbe Carl Georg ansetzt. Die ersten Exemplare finden nicht seine Gnade und er muß sie mit dem Autogen - Schweißgerät aufarbeiten. Abends wissen wir, was wir gearbeitet haben und gönnen uns eine Pizza in der örtlichen Pizzeria.
Wir treffen einen Schreiner, mit dem wir ins Gespräch kommen. Er erzählt uns aus seinem bewegten Leben. Als Diplomatenkind ist er in Dänemark geboren, in Deutschland aufgewachsen und lange Jahre dort gelebt, dann viele Jahre Namibia und jetzt wieder Dänemark. Von Leitra hat er zwar noch nichts gehört, aber gesehen hat er schon einpaar in der Gegend und sich gewundert, wie schnell die Dinger sind.

Donnerstag, 27. Oktober 2005

Unser letzter Tag in Dänemark startet mit einem Highlight: Carl Georg macht mit uns eine Tour nach Hillerrød. Er fährt heute seine eigene altehrwürdige Leitra. Dieses Rad läuft sozusagen im Dauertest und unterstreicht die Nachhaltigkeit dieses Fahrzeugs. Sie ist 22 Jahre alt und ist bis dato über 215 000 Kilometer gelaufen. Auch hat sie noch eine alte Sachs Orbit 2x6 Schaltung. Auf die Frage, ob es dafür noch Ersatzteile ( z.B. Ritzel ) gibt, antwortet Carl Georg: "Nein - aber ich habe eine Schleifmaschine". Es geht los. Nach Ganløse kommt erst eine Abfahrt, dann eine kurze, aber kernige Steigung. Oben angekommen, bemerke ich, dass Carl Georg so gut wie keine Luft mehr im Hinterrad hat. Erst einige Kilometer später kann ich ihn darauf hinweisen. Er beschließt, trotzdem weiter zufahren. In Hilleröd flickt Carl Georg seinen Reifen, während wir den Innenhof von Schloss Fredericsborg besichtigen. Übrigens sind wir trotz Hinterraddefekt mit einem 30er - Schnitt unterwegs gewesen. Ich glaube Jörg ist noch nie so schnell mit einem Rad gefahren - Leitra macht's möglich. Sechs Löcher flickt Carl Georg - dann fahren wir um den Schloss - See in die Stadt und trinken eine heiße Schokolade. Heimwärts geht's genauso rasant.
Nun heißt es Abschied nehmen - denn Abends geht der Zug nach Nürnberg.
Wir packen und beladen unsrere Räder - Jörg steigt wieder auf Anthrotech um. Bei immer stärker werdendem Regen geht's wieder Richtung Kopenhagen. Direkt an der Hafenmole ein letztes Bier, dann checken wir ein. Am Bahnsteig Räder zerlegen und einladen und - wir glauben es nicht - wieder der gleiche Zugbegleiter! Diesmal hilft er sogar beim Einladen. Diese Nacht wird nicht viel geschlafen - wir treffen im Bordrestaurant nette Zeitgenossen und verabschieden uns von "unserem" Schaffner in Padborg.

Freitag, 28. Oktober 2005

Sehr bald - schon um 6:45h ist der Zug in Nürnberg. Etwas übernächtigt montieren wir die Räder und tragen sie in die Halle. Aus dem geplanten Frühstück wird zunächst nichts. Ein Sicherheitsbeamter wirft uns, bzw. unsere Maschinen raus. Die Fluchtwege müssen frei gehalten werden.
Willkommen in Deutschland!
Irgendwie kommen wir heute nicht richtig in Tritt. Wir fahren unnötige Umwege - aber durch schöne Landschaften. Dann wird der Nebel so dicht, dass wir Schwierigkeiten haben, uns zu orientieren.
Erst nach Stunden sind wir in Ansbach. Ich sehe ein Schild auf dem Nürnberg 41 Kilometer steht. Einen Stopp bei Peter Weiß lassen wir aus Zeitgründen ausfallen - langsam habe ich bedenken, dass wir in die Nacht kommen und meine Akku - Kapazität nicht reichen könnte. Mein 55 Watt Strahler frisst nämlich ordentlich und ich hatte ihn ja gestern in Kopenhagen schon gebraucht. Eine letzte Herausforderung war noch die Querung des Jagsttales bei Satteldorf. Mit 14% Steigung geht es heraus aus dem Tal. Dann ist zunächst Jörg zuhause - 15 Kilometer weiter auch ich.
Zehn Interessante und abwechslungsreiche Tage liegen hinter uns - Danke Carl Georg für Deine Gastfreundschaft und Geduld. Es wird bestimmt ein nächstes Mal geben.

Friedhelm Schwegler