Human Powered Vehicles e.V.

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Juni 2004 - von Zürich querbeet bis Aigues-Mortes

Ein Ausflug ans Mittelmeer...

Nein! Auf keinen Fall! Ich will nicht eingeklemmt zwischen zwei korpulenten Handlungsreisenden sitzen und weder mit dem Fertigmenue und dem Wust an Schüsselchen und Becherchen, noch mit Plastikbesteck und irgendwelchen heute besonders widerspenstigen Verpackungen kämpfen. Und schon gar nicht auf dem kleinen Klapptisch! (Womöglich noch im Mittelgang ohne Sicht aus dem Fenster!) Ich will weder aus- noch einchecken und schon gar nicht die Sicherheitsgurte anlegen. Fasten your Seatbelts? Nein, Danke! Also ehrlich, ich schaue mir den Flieger lieber von unten an, wie er sich silbrig glänzend vom Morgenhimmel abhebt, und rolle mit Margrit und den Rädern in blaue Weiten hinaus...
Wir sind unterwegs! Drei Wochen haben wir Zeit, die Haustür ist unser Startpunkt und Südfrankreich das Ziel. Zuerst wollen wir unter Ausnutzung der schweizer Velo-Fernrouten 5 und 1 nach Genf radeln und dann in Frankreich so ungefähr dem Lauf der Rhône folgen. Nach fast zwei Jahren ist es wieder unsere erste grosse gemeinsame Radreise und wir sind anfangs etwas unsicher, wie das denn nun werden wird. Margrit ist in diesem Jahr erst sehr wenig gefahren und ich trete das erste Mal mit einem Liegerad an. Aber wie von selber ergibt sich gleich von Anfang an ein sehr ruhiger und relaxter Fahr- und Reisestil, der uns sehr kontrastreiche Tage bescheren wird.

Samstag, 29.5.2004. Oerlikon bis Aarau (64 km)

Bei schönstem Frühlingswetter lassen wir langsam die Stadt hinter uns, geniessen die Sicht auf den Katzensee und die Tundra-Landschaft um ihn herum. Auf ruhigen Wegen radeln wir den Furtbach entlang nach Westen, können es gar nicht fassen, dass wir jetzt endlich Urlaub haben und gewöhnen uns langsam an das Gewicht der bepackten Räder. Margrits Delite läuft ruhig wie gewohnt, dieses vollgefederte Tourenrad hat sich ja schon als optimales Fahrzeug für Margrit bewährt. Und das Fahrverhalten meiner Streetmachine ändert sich durch die zusätzliche Zuladung überhaupt nicht, sie liegt nur satter auf der Strasse. Wir nähern uns der Agglomeration des Städtchens Baden, erhaschen den ein oder anderen Blick auf die Limmat, bis wir den Fluss auf einer alten, überdachten Holzbrücke überqueren. Wir tauchen in die Altstadtgassen ein und müssen erstmal steil den Berg hoch, haben aber an einem Aussichtspunkt einen schönen Ausblick auf die Häuserzeile entlang des Flusses, mit all den Dachgärten und Balkönchen und Terassen. In Baden ist heute Markt und eine Guggenmusik spielt für allerhand bummelndes Publikum auf. Deswegen braucht's ein bisserl Nerven, bis wir da hindurch geschoben haben. Nach Baden kommt eine Passage an, über und neben grossen Verkehrsachsen und erst ab Brugg führt die ausgeschilderte Route direkt an der Aare entlang. Linkerhand wir allerhand re-naturiert, der Lauf eines kleinen Bächleins ist neu angelegt und ich kann mir gut vorstellen, wie das alles dann in ein oder zwei Sommern aussieht, wenn Flora und Fauna dort wieder Fuss gefasst haben.
Langsam werden wir müde und wir beschliessen die erste Tagesetappe in Aarau. Das Hotel "Aarauer Hof" ist Partnerbetrieb der Gesellschaft Veloland, und wir staunen nicht schlecht, als wir eine nicht unerhebliche Ermässigung aufgrund der Tatsache bekommen, dass wir mit dem Velo unterwegs sind. Ausserdem sollen wir bitte mit den Rädern in die Eingangshalle kommen und dort erst abladen, das Personal wird die Räder dann anschliessend an einen sicheren Ort bringen! Das ist ja, wie soll ich sagen, wie bei den Reichen und Schönen, die mit ihren grossen Schlitten vorfahren und dem Boy die Autoschlüssel in die Hand drücken! Ich grinse so in mich hinein, besonders als einem älteren Paar die Spucke wegbleibt, weil uns solche Behandlung zuteilt wird, obschon wir rein äusserlich gesehen - verschwitzt wie wir heute nun mal sind - wirklich keinen Staat machen. Tja, wer kann, der kann... Beim Abendessen auf der Hotelterasse bekräftigt sich eine Beobachtung, die ich nachmittags während der Fahrt durch die Innenstadt Aaraus schon machte: es sind erstaunlich viele Raser mit Angeberautos unterwegs! Warum gerade hier? Als wir essen, mischt sich in das Dröhnen der Motoren auch noch der Tenor von penetrant lauten Kirchenglocken. Gekrönt wird das durch drei lauthals bis vehement diskutierende Personen am Nebentisch, die in einer slawischen Sprache etwas Wichtiges zu erörtern haben. Dabei will ich jetzt Ruhe! Oder so...Trotzdem: es war ein gelungener erster Reisetag!

Sonntag, 30.5.2004. Aarau bis Staad (74 km)

Gleich am Morgen komme ich heute schon mit Gesetz in Konflikt: bei der Ausfahrt aus dem Hotel-Areal bin ich so mit der Routenführung und dem Auffinden eines Weges zur Aare beschäftigt, dass ich die auf rot stehende Ampel glatt übersehe. Naja, vielleicht bin ich auch noch nicht wach genug. Jedenfalls habe ich prompt ein Polizeifahrzeug neben mir, dass mich an den Strassenrand bittet. Man weist mich auf mein dreistes Vergehen hin, beäugt kritisch mein Rad und schon werden meine Daten an die Zentrale durchgegeben. Und genau Letzteres schlägt mir heute auf den Magen: kann man nicht einfach nur mal ein "normales" Verkehrsdelikt begehen, ohne dass man auf eventuelle Vorstrafen oder die Mitgliedschaft in einer internationalen Terrororganisation geprüft wird? Ich weiss nicht, ich kann heute nicht so recht damit umgehen und bin recht gallig, besonders weil der Polizist nicht grad der Freundlichste ist. Aber da meine Weste relativ weiss ist und er an meinem Rad beim besten Willen keine Gesetzwidrigkeit feststellen kann - ich hab ja sogar Beleuchtung und ganz brav meine Vignette - belässt er es bei einer Verwarnung und meint, ich solle mit so einem Rad ganz besonders aufpassen, man wird da leicht im Strassenverkehr übersehen. Naja, ich denke mir insgeheim, was man sich insgeheim da eben so denkt, und innerhalb weniger Minuten befinden wir uns auf einem angenehmen, asphaltierten Strässlein an einem Kanal entlang der Aare. Aber der banale und harmlose Vorfall beschäftigt mich doch eine Zeit lang: dieses den Staatsorganen ausgeliefert sein auf der einen Seite, auf der anderen Seite dann doch eine gewisse Notwendigkeit - gerade in Zeiten der Terrorangst - nach gewissen Individuen zu fahnden. Es dauert jedenfalls eine geraume Weile, bis ich heute meine Laune wieder finde.
Soweit meine momentane Innenwelt. "Draussen" ist es augenblicklich fast surreal, denn wir radeln bei schönstem Wetter durch eine fast idyllisch zu nennende Landschaft, doch ein Kernkraftwerk beherrscht das ansonsten bäuerlich wirkende Land und entlässt eine riesige Dampfsäule in den blauen Himmel. Da gibt's nur eins: eine erste Pause in Olten! Kaffee und Orangensaft! Und es Gipfeli dazu! Dann läuft's auf einmal ganz gut. Wir gleiten an Aarburg vorbei, erinnern uns daran, dass wir diese Strecke vor ein paar Jahren schon mal "gemacht" haben. Ein paar Minuten eine eher wenig attraktive Passage an der Autobahn entlang und plötzlich nimmt uns ein kühler und ruhiger Wald auf. In den Dörfern und Weilern, durch die wir dann kommen, gibt es sehr reich verzierte Gehöfte und Stallungen, die bis auf die Grundmauern aus Holz gebaut sind. Wuchtig, altehrwürdig, dauerhaft.
Seit einiger Zeit wachsen rechts die Berge des Jura in die Höhe, die hellen Felsen im Mischwald wie Zähne in einem Gebiss. Die Aare, der wir damals als "die Geschändete" titulierten, erscheint uns heute teilweise relativ naturnah. Wir sehen Auwälder und Schilfzonen. Aber dann doch auch die Staustufen. Dort sind heute Badegäste, Spaziergänger und andere Naherholer zuhauf unterwegs. Also, die Aare... wir denken an die Loire mit ihrem breiten Flussbett, den Kies- und Sandbänken, den Altarmen...die Ungebändigte und Ungezähmte... Solothurn. Barock-Overkill. Als wir ein Eis in der Fussgängerzone essen, scheint es mir wie damals, dass wir allmählich einer andere Kultur entgegen radeln, hier wirkt alles irgendwie südlicher. Vielleicht liegt's aber auch nur am Baustil, der jedoch eher an ein italienisches, denn an ein französisches Städtchen denken lässt. Jedenfalls nähern wir uns langsam dem Rösti-Graben, der Sprachgrenze, und man hört hier schon öfter mal den ein oder anderen französischen Satz.

Grenchner Witi
Grenchner Witi

Die nächsten Kilometer durch's Grenchner Witi sind zwar flach, aber der Weg ist relativ grob beschaffen und für die vielen Radler, die jetzt unterwegs sind, ist es einfach zu schmal, sodass wir sehr konzentriert fahren müssen. Die Storchensiedlung Altreu gefällt uns auch diesmal, aber wir machen nicht nochmals Pause, sondern quartieren uns im benachbarten Örtchen Staad auf einem Campingplatz ein. Der Platz mit dem gepflegten Rasen gehört zu einem Bauernhof und es scheint eher ein Privatclub mit Dauercampern zu sein. Aber nach dem das typisch misstrauische Beäugen seitens der Sesshaften vorüber ist, werden wir zaghaft nach dem Woher und Wohin gefragt und verleben einen gemütlichen Abend, der durch das Geklapper der Störche auf ihren Nestern ringsum untermalt wird.

Montag, 31.5.2004. Staad bis Chevroux (67,5 km)

Es ist nicht erstaunlich, dass es heute Nacht regnete. Schon als wir einschliefen (mit den Hühnern) überzog sich der Himmel mit eindeutiger Bewölkung und es kam starker Wind auf. Doch als wir heute aufstehen und packen (mit den Hühnern) ist es trocken. Unser Frühstück beschränkt sich auf Kaffee und Getreideriegel, weil es hier an Einkaufsmöglichkeiten fehlt und Pingstmontag ist, und wir zudem nicht soviel Proviant dabei haben. Aber wir sind hier ja nicht im australischen Outback, sondern nähern uns dem Seenland und da gibt's bestimmt Restaurants oder Kioske oder Cafés... Heute trieft alles vor Nässe. Wolkenfetzen treiben sehr tief dahin, allerdings kommt auch die Sonne immer wieder mal kurz hervor. Wir geniessen die Fahrt durch die Wiesen und Felder, es ist ruhig, wir sind für eine lange Zeit recht alleine. Etwas später gibt's für eine Weilchen etwas Trubel, als wir an einem Sportplatz vorbeiradeln, an dem ein regionales Fussballmatch allerhand Publikum angelockt hat - und das schon so früh am Morgen. Dann bremst uns der Belag einer Naturstrasse. Wir kommen nur relativ langsam voran. Es ist, als ob der nasse Sand oder Lehm die Reifen regelrecht ansaugen würde. Das Ganze geschieht entlang des Nidau-Büren-Kanals, der von vielen hohen Gräsern gesäumt wird. Die blühen wohl gerade und entsenden, wie es eben so ihre Art ist, ihre Pollen eifrig in die weite Welt. Und weil auch ich ein Teil davon bin, spüre ich das prompt in Nase und Augen. Same procedure like every year! Bald finden wir eine schon geöffnete Gaststätte und holen unser Frühstück nach, wobei ich die Kellnerin mit meinen pollengereizten, blutunterlaufenen Augen wie ein Zombie anfunkle...
Im weiteren Verlauf brauchen wir dann doch immer wieder mal die Regensachen, aber der Weg am Ostufer entschädigt für die unbeständige Witterung. Zwischen dem mit Pappeln gesäumten Seeufer, den reichhaltig und naturbelassen wirkenden Sumpfwiesen und dem Mischwald führt der Weg dahin. Wir überqueren ein Stauwerk, dessen schmaler Übergang und die Tiefe darunter mich vor ein paar Jahren scheuen liess wie ein bockiges Pferd. Heute geht es problemlos und ich schlage meiner Neurose ein Schnippchen.
In Erlach gibt's nicht nur Pommes mit Ketchup, sondern auch eine Lagebesprechung. Auf der Landbrücke zwischen Bieler und Neuenburger See rechne ich mir Vorteile durch eine Abkürzung aus, erreiche aber gerade das Gegenteil: wir verirren uns und handeln uns ein paar zusätzlich Kilometer ein. Dafür regnet's wieder, das ist der Dank. Als wir wieder auf der offiziellen Route sind, müssen wir ein paar Steigungen erklimmen, bis wir das Örtchen Chevroux erreichen. Irgendwie ist es für heute genug, die Beine sind müde und hier gibt es einen Campingplatz direkt hinter dem Schilfgürtel am See. Es ist nicht so wohnzimmer-gepflegt wie gestern Abend, alles ein bisserl homogener und durchzogener, sprich: schlampiger und ungepflegter. Margrit treibt zur Krönung des Tages noch eine Flasche Burgunder auf. Wir spazieren nach dem Abendessen auf einer Mole entlang, die hundert Meter oder so in den See hinein gebaut ist. Der Panorama-Blick nach Norden und Süden ist atemberaubend: es tut sich eine ideale Hügellandschaft bei eindrucksvoller Beleuchtung auf. Wenn man will - und ich will - kann man die Agglomeration der Stadt Neuchâtel am gegenüberliegenden Ufer ausblenden. Dummerweise hab ich an diesem Abend den Fotoapparat nicht dabei, weil ich nicht mit der nun kommenen Wetteränderung rechnete - und so bleibt die Stimmung dieses Abends nur in meiner Erinnerung gespeichert.

Dienstag, 1.6.2004. Ruhetag in Chevroux

Nachts fängt es wieder zu regnen an. Irgendwann schrecken wir aufgrund eines undefinierbaren Geräusches aus dem Schlaf und schauen uns fragend an. Dann ein Rascheln, und als ich den Reissverschluss des Zeltes öffne, sehe ich einen Fuchs ein paar Meter entfernt mit unserer Proviant- und Vorrats-Plastiktüte kämpfen. Als er mich entdeckt, nimmt er hastig die Tüte ins Maul und sucht das Weite, während ich teils fluchend, teils belustigt den zurückgelassenen Rest - Getreideriegel, Päckchensuppe und eine Salami - einsammle. Das Biest! In Ermangelung eines sichereren Ortes deponieren wir den Proviant nun im Innenzelt und hoffen, dass er sich nicht erdreistet, die Zeltwand durchzubeissen. Unsere Räder sind aneinander geschlossen und am Lenker baumelt die Tüte mit dem Abfall...eine Weile später gibt's lautes Gebell bzw. Geheul und die Räder fallen um. Nun gut, dann den Abfallsack am besten doch noch zur Abfalltonne bringen. Immerhin regnet es ja nur leicht. Die Salami überlasse ich ihm dann sowieso, mag er sich daran gütlich tun. Schon erstaunlich, wie ein Tier, das man eigentlich schön findet, auf einmal zum Gegner wird... Später in der Nacht nochmals ein wildes Gekreisch, gefolgt von lautem Geschepper und dann einem Herz zerreissenden Gewimmer: jetzt hat er sich wohl irgendwo irgendwie was getan. Das tut jetzt doch in der Seele weh, den frechen Kerl verletzt zu wissen. Irgendwann hört das jämmerliche Gewimmer auf und ich hoffe für ihn, dass es nicht so schlimm gewesen ist und er sich wieder erholt und mit dem Schreck davon kommt!
Wenn ein Ruhetag auf dem Campingplatz auch gleichzeitig ein Regentag ist, bliebt nicht viel zu tun. Wir schlafen bis in die Puppen, lesen, schreiben. Nachmittags setzen wir uns in das Restaurant unten am Yachthafen und vom Radio dringen ausser "Mr. Tambourine Man", dargebracht von den Byrds, französische Chansons an unser Ohr und verstärken die Tristesse dieses Tages.
Der Regen prasselt schon seit Stunden pausen- und gnadenlos hernieder und als wir zurück zum Campingplatz spazieren, kommt uns die geniale Idee, an der Rezeption um ein Chalet, einen Caravan oder eine sonstige feste Bleibe nachzufragen. Keine fünf Minuten zu früh, denn auf dem Platz ist kurze Zeit später Land unter! In Windeseile bringen wir unsere Sachen in die uns zur Verfügung gestellte Holzhütte und können sogar unser Zelt auf der überdachten Veranda zum Trocknen aufhängen. Diese Veranda steht auf Stelzen und als sich der Boden darunter immer mehr in einen Teich verwandelt, komme ich mir vor wie in den Sümpfen Louisianas. Fehlt nur noch ein Alligator!

Mittwoch, 2.6.2004. Chevroux bis Yverdon (31,5 km)

In der Nacht hört es auf zu regnen und wir können unsere klamm gewordenen Ausrüstungsgegenstände halbwegs trocken einpacken. Aber wir frohlocken zu früh: kaum sind wir unterwegs, fängt es wieder zu regnen an, und zwar recht heftig. Nach kaum fünf Kilometern stellen wir uns schon im Häuschen einer Bushaltestelle unter. Uff, da sinken Laune und Motivation! Estavayer-le-Lac ist nicht weit und dort sitzen wir erstmal patschnass in einem Café herum. Schade. Ich hab mir das Wiedersehen mit diesem netten kleinen Städtchen ganz anders vorgestellt! Nun ist es verregnet. Hm...
Wir beschliessen, noch bis Yverdon durchzuhalten und uns dort ein Zimmer zu nehmen. Nach Estavayer führt der Weg immer in Ufernähe durch ein Naturschutzgebiet. Schilf. Aufwald. Unterholz. Regen. Links neben dem Weg ist "die Erde offen", das heisst, wegen Kanal- oder sonstigen Bauarbeiten wurde die Vegetation entfernt und man sieht nur lehmigen, nass-glänzenden Morast, durchzogen von Gräben, die mit braunem Wasser gefüllt sind. Mir kommen auf einmal sonderbare Bilder in den Sinn: die Schützengräben im ersten Weltkrieg in Lothringen, die deutschen Soldaten und die der Allierten, all die armen Schweine, die dort im Morast dahinvegetierten und krepierten. Wahrscheinlich habe ich die TV-Bilder der letzten Zeit, die Berichte über den D-Day in der Normandie, zu stark verinnerlicht. Eigentlich will ich jetzt im Urlaub nicht solchen Gedanken nachhängen.
Immerhin hört es allmählich zu regnen auf und wir nähern uns Yverdon. Wir radeln durch die Naherholungs-Infrastruktur hindurch, haben noch ein paar Mal direkten Kontakt zum See und sind dann schon in der Stadt. Es ist kaum Mittag, als wir im selben Hotel wie vor einigen Jahren ein Zimmer bekommen und uns einen gemütlichen Nachmittag inklusive Stadtbummel gönnen.

Donnerstag, 3.6.2004. Yverdon bis Etoy (62,5 km)

Wir machen Fortschritte! Heute früh regnet es nicht mehr, es nieselt nur noch! Ausserdem ziehen die Wolken nicht auf Ellbogenlänge über dem Boden dahin, sondern recht hoch und ab und an sieht man sogar ein Stück blauen Himmels durch die Wolken. Als wir losfahren, hört der Regen ganz auf und es wird den ganzen Tag trocken bleiben.
Es geht hinaus in die Plaine de l'Orbe. Nomen es omen und die ersten zwanzig Kilometer radeln wir heute durch brettl-ebene Landschaft. Kleine Wirtschaftswege durch fruchtbares Ackerland. Rechts könnte man den Jura sehen, wenn man schönes Wetter hätte. Aber ich will mich nicht beschweren, denn heute fährt es sich wirklich angenehm. Es ist nicht zu kühl und bleibt trocken und weit voraus wird der Himmel immer heller und freundlicher. Allerdings zeigt der Blick zurück dunkle Regenwolken. Nur weg von hier...

nur weg von hier
nur weg von hier!

In La Sarraz eine Kaffeepause. Dann verirren wir uns gründlich, weil die Wegweisung hier entweder fehlt oder widersprüchlich interpretiert werden kann. Jedenfalls ziehen wir ein paar Schleifen, verschenken ein paar Kilometer und klettern auf einer stark befahrenen Strasse zweimal auf ein Plateau hinauf, wo es doch eigentlich im Talgrund so gemütlich das Flüsschen Venoge entlang gehen sollte.
Man müsste halt den Weg finden, das ist das Problem! Naja, immerhin gibt's von dort oben einen schönen Rundumblick und das ist schliesslich auch was wert. Als wir dann doch wieder Anschluss an die Route finden, müssen wir mit einem morastigen Waldweg vorlieb nehmen, der ein paar kurze aber steile Steigungen aufweist. Das ist die schlechteste Wegebeschaffenheit bisher und diese Strecke kostet sehr viel Energie. Es stellt sich uns generell die Frage, ob man mit Gepäck nicht lieber auf kleinen Landstrassen unterwegs ist - wie später dann in Frankreich - und etwas Autoverkehr akzeptiert, als dass man sich diese unbequemen Naturstrassen antut. Ausserdem sind auf diesen kleinen Wegen auch noch all die Hundebesitzer unterwegs und das sind immer ganz sensible Begegnungen. Einmal passiert es mir, dass drei - zugegebenermassen ganz kleine - Hunde auf mich zukommen, mich anbellen und einer mich ins Bein zwicken will, und ein Weiterfahren unmöglich machen. Der dazu gehörige Herr reagiert erst, als ich in wütend bitte, seine Köter gefälligst zurück zu nehmen. Solche Zwischenfälle sind einfach ärgerlich und jedes Mal, wenn man von weitem Mensch und (freilaufenden) Hund sieht, bimmeln die Alarmglocken.
Wir kommen jetzt an den Genfer See und fädeln uns in den Rhône-Radweg ein, schon latent auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht. Die Durchfahrt durch Morges erweist sich als recht unangenehm, weil es keinen Radstreifen gibt und man auf einer zweispurigen Hauptstrasse im heftigen Berufsverkehr die Fahrspuren wechseln muss. Hier stelle ich den einzigen Nachteil meines Liegerades während der ganzen Reise fest: ich kann nicht von der linken auf die rechte Fahrspur wechseln, weil ich nicht nach schräg hinten blicken kann und ich auf der rechten Seite des Lenkers (noch) keinen Rückspiegel habe. Aber irgendwie geht's dann schon. Weitaus unangenehmer ist, dass wir auf dieser dicht befahrenen Strasse noch eine rechte Weile bleiben müssen, zumindestens bis zum Örtchen St.-Prex, in dem wir ein Hotelzimmer zu finden hoffen. Das wäre ein nettes Etappenziel, denn wir radeln hier durch freundliche Altstadtgassen und sind direkt am See.

Genfer See
Genfer See

Aber leider gibt es dort keine Übernachtungsmöglichkeit. In der Touristen-Information schickt man uns weiter ins Dörfchen Etoy, ein bisschen vom See abgewandt, in dem wir in einem renovierten, modern hergerichteten und zweckentfremdeten Rathausgebäude unterkommen: ein von der Gemeinde geführtes und sehr sympathisch wirkendes Hotel.

Freitag, 4.6.2004. Etoy bis Peney (61 km)

Gestern haben wir uns vor dem Einschlafen noch für ein paar Minuten eine Musiksendung im TV angetan - Schlager und Volksmusik. Ich hab sowas seit Jahren nicht mehr gesehen und war richtig entsetzt ob der Hohlheit der Texte. Ich dachte immer, nur die Casting-Shows für die ganz Jungen, also "Deutschland sucht den Superstar" oder wie sie alle heissen, wären so schlimm! Aber die Kost für die Erwachsenen ist ja genauso übel...
Nun aber heute: es wird der stressigste und landschaftlich uninteressanteste Tag der ganzen Reise werden! Und auch ein gutes Beispiel dafür, dass ein Tag mit einer bestimmten Grundstimmung beginnen und mit einer völlig anderen enden kann!
Es bläst ein heftiger Wind aus Nordost und schiebt uns von Zeit zu Zeit ein bisschen voran. Ausserdem scheint die Sonne, das ist aber schon alles. Ich hab mich im Vorfeld sehr über die Fahrt entlang des Genfer Sees gefreut - vor allen Dingen, weil ich beim Thema "Genfer See" immer an die paar Bahnkilometer denke, die man, von Fribourg aus kommend Richtung Lausanne, hoch über den Weinbergen entlang fährt: dieser atemberaubende Blick über den See und die Weinberge und das Gebirgsmassiv am anderen Seeufer! Aber ich war wohl ein bisschen naiv, die vorherrschenden Wahrnehmungen des heutigen Tages sind die Auswirkungen bzw. Begleiterscheinungen des Verkehrs. Direkt am See führt die grosse Fernstrasse entlang, parallel versetzt dazu die Eisenbahnlinie und weitere stark befahrene Strassen. Hier eine schlüssige und flüssige Radroute zu finden, die auch noch den See und die kleinen Orte berührt, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. So führt unser Weg auch im Zickzack-Kurs unter Ausnutzung der Wirtschaftswege durch die Weinberge dahin. Alles ist hochtechnisiert, Starkstromleitungen prägen das Landschaftsbild. Der Verkehrslärm immer präsent. Einzig zu Beginn der heutigen Etappe, im Örtchen Allaman haben wir Zugang zum See und nach einem kleinen Anstieg einen Blick über denselben, der für eine Weile zum Träumen einlädt. Hier ist Autofahrerland und wir haben eigentlich nichts verloren. So machen wir heute einfach Strecke und um die Mittagszeit kommt, was kommen muss: wir haben eine Motivationskrise und rollen zum nächsten Bahnhof, um vielleicht mit dem Zug nach Genf zu fahren. Dieses Unterfangen scheitert allerdings daran, dass wir an diesem verlassenen Bahnhof keine Fahrkarte für uns und die Räder bekommen: der Ticketautomat weigert sich, Kredit- oder Bankkarten oder eine Hundert-Franken-Note zu schlucken und genügend Kleingeld haben wir nicht parat. Schwarzfahren wollen wir auch nicht, ich will ja nicht schon wieder etwas Illegales tun...
Wir nehmen es als Wink des Schicksals und rollen langsam weiter. Eine Sportgaststätte kommt gerade recht und wir essen erstmal gehörig zu Mittag. Dann ist alles ein bisschen heiterer und wir suchen uns einen Weg westlich an Genf vorbei, um dem Stadtverkehr so gut es geht auszuweichen, was ganz gut funktioniert. Allmählich wird es Zeit, die heutige Etappe zu beenden und es wäre eigentlich wieder mal Campingplatz-Wetter, jedoch liegt die nächste Möglichkeit zum Zelten ausserhalb unserer heutigen Reichweite. Da kommt das Hinweisschild für ein Hotel namens "Domaine de Chateauvieux" wie gerufen! Zwar gilt es, auf dem Weg dorthin nochmals eine harsche Steigung zu überwinden, die uns nur zeigt, dass es für heute endgültig reicht, aber dann ist es geschafft. Das Hotel entpuppt sich wieder mal als Typ "umgebautes Herrenhaus" und wird unsere Reisekosten enorm in die Höhe treiben. Doch kommt uns heute dieser Luxus - angesichts der unschönen Tagestour - gerade recht, obgleich wir zwei verschwitzten Radler ziemlich mit dem noblen Ambiente hier kontrastieren. Egal! Wir werden freundlich aufgenommen, bekommen sogar ein Zimmer mit Blick über das Rhônetal und ein paar Minuten später sitzen wir mit einem Glas Bier bzw. Wein in der Badewanne, entspannen uns und freuen uns des Lebens. Leider ist das zum Hotel gehörende Restaurant ausgebucht, doch organisiert uns die rührige Dame an der Rezeption noch zwei Plätze im einzigen anderen Restaurant hier in der Nähe, und auch dort gibt es nur mehr zwei Plätze an der Bar. Als wir dort eintreffen, begrüsst uns der Wirt mit der Frage, ob wir wohl die zwei verrückten Radler mit dem einen "Velo pour dormir" auf dem Weg ans Mittelmeer wären...wir bejahen freudestrahlend! Es gibt unübertrefflich feines Lamm-Carrée und wenn es von der Grösse der Portion her betrachtet nach...äh...Nouvelle Cuisine aussieht (und es auch ist), entpuppt es sich als genau die richtige Menge. Die Stimmung dort am Tresen ist an diesem Abend hervorragend und wir kichern mit dem Personal.

Samstag, 5.6.2004. Peney bis Seyssel (48 km)

Morgengrauen
Morgengrauen

Die Morgensonne giesst ihr warmes Gesicht über das Rhônetal aus und als wir auf Piste sind, stimmt einfach alles: Wetter, Temperaturen, Landschaft, Verkehr - alles ist stimmig und passt! Die Dörfer zwischen dem Jura, Genf und der französischen Grenze sind ruhig und recht schön. Ohne jegliche Zoll- oder Grenzkontrolle passieren wir die Grenze nach Frankreich und in die EU. Ich weiss nicht, warum soviel über Sicherheitsvorkehrungen und verschärfte Kontrollen beim Grenzverkehr diskutiert wird, und hier könnte man Lastwagenladungen voll Personen oder Drogen nach Belieben in beide Richtungen schmuggeln...
Wir nähern uns der Défilé de l'Ecluse, dem Rhônedurchbruch. Es ist eine enge Schlucht, die Felsen des Jura fallen steil ab und der Fluss hat sich da im Laufe der Zeit durchgesägt. Und irgendwo gibt's da auch eine kleine Strasse. Leider gibt mir die Landkarte keine Auskunft darüber, ob diese Strasse nun im Talgrund verläuft oder nicht, und wenn ich an die Schwierigkeiten denke, die ich voriges Jahr am Walensee hatte, wird mir ganz mulmig zu Mute. Gestern haben wir noch darüber diskutiert, ob wir nicht die Bahn nehmen sollen, um diese Passage zu überbrücken, aber ich möchte da nun hindurch und will mir das alles zumindestens mal ansehen und es versuchen.

Défilé de l'écluse
Défilé de l'écluse

Es ist ein dunkles Tor, dass sich da vor uns auftut, von oben gesehen wohl eine Art Hufeisen. Als wir darauf zurollen weiss ich immer noch nicht, wie sehr ich mit Tiefe und Abgründen konfrontiert sein werde, denn dichtes Buschwerk verdeckt die Aussicht - und wird mein Rettungsanker. Im Nachhinein weiss ich nicht mehr, wie ich diese drei/vier Kilometer überstanden habe. Zuerst geht's leicht abwärts, um eine Kurve und dann leicht, aber stetig, bergan. Einmal fällt mein Blick zwischen den Zweigen hindurch auf eine Eisenbahnbrücke, die - selber schon recht hoch gebaut - erschreckend weit unter mir den Fluss quert. Ich denke, ohne die Vegetation hätte ich es nicht geschafft. So aber sind wir irgendwann durch die Schlucht hindurch, befinden uns zwar immer noch in der Höhe, aber die Landschaft ist sanfter geworden und weist keine schroffen oder steilen Abgründe mehr auf. Eine Verschnaufpause und ein Blick zurück auf einer Hangwiese. Eigentlich eine sehr pittoreske Landschaft! Weit unter uns fliesst die Rhône, dahinter die Berge des Jura mit ihren Kalksteinklippen und dem Mischwald.
Weiter pedalieren wir recht abwechslungsreich auf dem Hochplateau dahin und dann kommt sie endlich, die Abfahrt in ein weites und von grünen Hügeln begrenztes Tal. Schliesslich wollen wir die erarbeiteten Höhenmeter auch wieder zurückhaben! Wir sind schon recht lange ohne ernsthafte Pause unterwegs und unser Proviant neigt sich dem Ende zu. In Challonges finden wir weder ein genehmes Restaurant noch eine Einkaufsmöglichkeit, dafür in Seyssel direkt am Ortseingang einen schön gelegenen Campingplatz direkt am Fluss, mit einem gepflegten Grasboden, hohem Baumbestand, einem sehr freundlichen Personal und gleich nebenan einen Supermarkt...
Wandererherz, was willst du mehr?

Seyssel
Seyssel

Sonntag, 6.6.2004. Seyssel bis Murs et Géligneux (52 km)

Die Rhône ist heute unser Bezugspunkt und wir radeln mal mehr, mal weniger parallel zu ihr. Bilder des heutigen Tages: Auwälder. Bächlein mit glasklarem Wasser. Unmengen von Motorradfahrern. Trainierende Rennradfahrer. Eine sanfter werdende Landschaft, jedoch immer wieder Ausblicke auf schroffe Jurafelsen. Zuerst Rücken- und dann Gegenwind. In Belley picknicken wir auf den Treppenstufen einer gotischen Kathedrale und vom Kircheninneren dringen Orgeltöne nach aussen, die eine Tauffeier untermalen. Es wird sommerlich heiss.
Wo sind sie geblieben, die 2 CV's und Diane's, die R4's und R5's und die dreirädrigen Kastenwagen aus Wellblech? Natürlich sind auch in Frankreich längst moderne Zeiten angebrochen und eigentlich kann man das - besonders was die sanitären Einrichtungen anbelangt - ja nur gut heissen. Aber als uns heute endlich einmal ein beiger 2CV entgegen kommt, schwappt eine Nostalgiewelle in mir hoch und ich trauere einen Moment lang anderen Zeiten nach. Aber zwei Jahrzehnte sind eben eine lange Zeitspanne und jetzt ist jetzt! (übrigens werden wir später im Süden doch noch viele der liebgewordenen alten französischen Autos sehen)
Es will heute nicht so recht rollen und als kurz nach Mittag ein Stausee und ein Campingplatz einladend direkt auf unserer Strecke liegen, beschliessen wir, uns einen ruhigen Nachmittag zu gönnen und ausserdem wird es morgen erneut einen Pausentag geben! Kein Fahrrad! Pas de bicylette! No Bike! Ausschlafen! Faul sein! Den ganzen Tag am Pool liegen (den unser Campingplatz hat einen sehr schönen...). Abends enden wir in der Campingplatz-Bar. Auf einem TV-Gerät geben John Travolta und Olivia Newton-John ein "Grease"-Medley, die Guns'n'Roses spielen "November Rain" und Slash lässt die Gitarre kreischen und singen...oh du schöne Jugendzeit, langsam werde ich ein alter Sack...

Montag, 7.6.2004. Ruhetag in Murs et Géligneux

Swimming Pool...Seele baumeln lassen...Beobachten, wie sich die Beleuchtung des Bergmassivs ändert, während die Sonne auf ihrer Bahn voranschreitet...

Dienstag, 8.6.2004. Ruhetag in Murs et Géligneux

Swimming Pool...Seele baumeln lassen...Beobachten, wie sich die Beleuchtung des Bergmassivs ändert, während die Sonne auf ihrer Bahn voranschreitet...

Mittwoch, 9.6.2004. Murs et Géligneux bis Faramans (62,5 km)

Noch eine kleine Episode zu den beiden Ruhetagen: der Platz in Murs ist sehr weitläufig und in der Vorsaison kaum besucht. Die Parzellen sind sehr geräumig, es gab einfach seeeeehr viel Platz zwischen den Übernachtungsgästen. Am Sonntag kam eine holländische Familie (es waren fast alle Campingplätze in Frankreich fest in holländischer Hand und übrigens habe ich überhaupt nichts gegen dieses Volk aus dem Norden!) mit zwei kleinen, quengeligen Babies und baute ihr Zelt just neben unserer Parzelle auf, keine drei Meter von unserem Zelt entfernt. Überall ringsum war alles frei und man hätte wirklich viel Abstand einhalten können! Der Campingplatz war wirklich fast leer! Was geht in einem Menschen vor, wenn er sich dann trotzdem so nah an jemand anderen heranquetscht? Ist es heimeliger? Gemütlicher? Wie erwartet schliefen die Babies natürlich NICHT durch und Zeltwände sind hellhörig... Die Leute waren zwar recht nett und entschuldigten sich ein paar Mal wegen der nächtlichen Lärmbelästigung, aber man fragt sich natürlich...
Es ist gefährlich, zwei Ruhetage in angenehmer Umgebung am Pool zu verbringen - man wird behäbig, träge, faul... und wenn die Temperaturen jenseits der 30 Grad-Grenze liegen, könnte man eigentlich weiter so vor sich hin dösen und sich treiben lassen. Genau betrachtet spräche nichts dagegen und genug Potenzial zum Faulsein ist bei mir ohnehin vorhanden.
Aber die Ferne! Sie ruft! Und wie!
Das Gewitter heute Nacht hat uns auf einen bedeckten Himmel und niedrigere Temperaturen hoffen lassen, aber nichts da! Blauer Himmel, wohin man auch blickt! Wie sich die Zeiten doch ändern: vor einer Woche haben wir nichts so sehr ersehnt, wie Sonnenschein und Wärme, und jetzt passt es uns auch nicht - wir sind ein sonderbares Pack! Nun, heute gibt's jedenfalls eine Hitzeschlacht!
Wir fädeln uns in die D992 ein, queren den Fluss und einen Nebenarm desselben und sind dann auf dem Weg zum Städtchen Aoste und dann nach Les Abrets sowohl mit relativ starkem Lastwagen-Verkehr, als auch mit dem steilsten und längsten Anstieg der bisherigen Reise konfrontiert. Danach finden wir ein ruhiges Strässlein, das uns in beständigem Auf und Ab durch eine wellige Landschaft geleitet. Für kurze Zeit wähne ich mich im Loiretal: Herrenhäuser oder kleine Schlösser, mit Rundtürmen und grau-blauen Schieferdächern hinter grossen Bäumen, zudem gibt es hier diese typische Bocage-Landschaft Mittelfrankreichs. Wiesen und Weideland, von Hecken begrenzt und von Buschwerk gesäumt. Feldraine dürfen hier wild sein und alles Mögliche darf durcheinanderwachsen und -wuchern. Doch dann grüsst eine romanische Kirche von einem Hügel herab und die Loiretal-Fantasie löst sich auf wie eine Fata Morgana.
Als wir den Berg zum Örtchen Châbons hinaufstrampeln und, oben angekommen, ausser Atem und von der Hitze wie gelähmt, mit einer neuen Steigung bis zum nächsten Ort überrascht werden, sind wir der Meinung, dass es bis jetzt die anstrengendste Tagesetappe ist. Doch nachdem wir auch noch diesen Hügel erklommen haben, geht es rasant abwärts und wir erreichen ein Ebene, die Plaine de Bièvre heisst. Nun werden uns zwanzig Kilometer flache bzw. leicht geneigte Strasse geschenkt, gekrönt mit einem guten Asphaltbelag und kaum Verkehr. Es rollt dahin, dass es eine wahre Freude ist! Ein Blick nach links zeigt eine schneebedeckte Bergkette weit weit weg am Horizont, doch die Temperaturanzeige an einer Tankstelle hier zeigt 35 Grad an. Im Städtchen La Côte-St. André gibt's noch etwas dichteren Stadtverkehr (aber auch einen Supermarkt), aber dann erreichen wir den Campingplatz in Faramans und schlagen unser Zelt im Schatten einer grossen Eiche auf. Hier macht sich allmählich ein Wechsel im Aussehen der Gebäude bemerkbar: die Häuser fangen langsam an, typisch süd-französisch auszusehen, haben orange-beige, helle Wände und relativ flache Dächer. Ausserdem weiss ich jetzt, warum die Pappel im englischen Sprachgebrauch nicht nur "Poplar", sondern auch "Cottonwood" heisst, denn hier ist alles übersäht vom Samen dieses Baumes, der wie Baumwolle aussieht, und wenn man gen Himmel blickt, meint man, Frau Holle schüttelt gerade ihre Bettwäsche aus.

Donnerstag, 10.6.2004. Faramans bis Chabeuil (79,5 km)

Frankreich

Schaut gut aus, heute! Es wird die Königsetappe der gesamten Reise werden. Steigungsreich, heiss, Gegenwind, schöne Gegend, gute Laune und die Tachoanzeige wird am Schluss bei fast achtzig Kilometer stehen bleiben... Es fängt schon gut an: wir sind schon um halb acht unterwegs und queren die Plaine de Bièvre auf einem leicht abschüssigen Weg im Morgenlicht. Uff, das ist ein Geschenk! Kaum treten, mit 25 KmH leise und leicht dahingleiten! Links die Ebene und die Schneeberge am Horizont, voraus baut sich allmählich der erste Höhenzug auf, den wir später überwinden werden. Zweimal können wir eine Kornweihe beim Jagen beobachten. Im Städtchen Thodure geht's aufwärts und aufwärts und aufwärts, wobei wir vom sonoren Schrei eines Pfaues begleitet werden.
Nach langem Auf und ein bisschen Ab erreichen wir Le Grand-Serre. Hier gibt es eine grosse hölzerne Markthalle aus dem 13. Jahrhundert. Während wir im Schatten derselben eine Banane essen, kommt ein altes Männchen des Weges und erzählt von seiner Radfahrer-Laufbahn. Leider, meint er, machte irgendwann das Herz nicht mehr mit...hm...er wünscht uns "bon courage".
Weiter geht es mehrere Kilometer den Berg hinan, aber was soll's: lieber so als unten im Rhônetal zwar flach dahinrollen, aber den Radlgenuss durch Lärm getrübt zu wissen und sich über den Schwerverkehr zu ärgern. Allen Unkenrufen zum Trotz erweist sich die Streetmachine als hervorragend bergtauglich - zumindestens für meine Art und Weise, Steigungen zu erklimmen. Im leichtesten Gang trete ich ruhig und gemütlich vor mich hin und konzentriere mich lieber auf die Dinge am Wegesrand, so zum Beispiel auf das Rebhuhn, dass recht lange braucht, bis es endlich vor mir die Flucht ergreift. Oder die vielen Mohn- und Kornblumen, die farblich so schön mit den allmählich vom grün ins gelb wechselnden Getreidefeldern harmonieren.
Irgendwann sind wir oben und dann geht's hinab! Wir rauschen durch St.-Christophe-et-le-Laris hindurch, gönnen uns ein Cola in einer Dorfwirtschaft, wo mich die Wirtin freundlich rügt, weil ich das Licht auf der Toilette zu löschen vergass. Jetzt gleiten wir das Flüsschen Herbasse entlang und es geht immer noch leicht bergab! Radlers Traum! Zwar bremst uns mittlerweile heftiger Gegenwind (Mistral?) aber trotzdem kommen wir zügig voran. Übrigens, falls ich es zu erwähnen vergessen habe: ich liebe dieses Land hier und fühle mich pudelwohl! Seit wir hier sind, wandeln wir jenseits der ausgetretenen Touristenpfade und radeln durch das ländliche Frankreich, wir klammern die grossen Städte entlang des Flusses aus - hauptsächlich um dem Stadtverkehr auszuweichen. Ausserdem kennen wir Städte wie Orange, Avignon, Valence oder Montelimar schon von früheren Reisen her.
Was sich gestern schon im Aussehen der Häuser andeutete und nun manifestiert, spiegelt sich nach St. Donat-s.-l'Herbasse auch im Erscheinungsbild der Landschaft wieder: wir sind in Südfrankreich angekommen! Die Vegetation ist nun eine Spur weiter voran: das Getreide ist leuchtend gelb, das Gras ausgebleicht, manchmal schon verbrannt. Bleiern wölbt sich der Mittagshimmel über dem Land, es ist recht beschwerlich, sich nun gegen den Wind voran zu arbeiten. Wir queren die Isère bei Chateauneuf-sur-Isère. Liebe Begegnungen sind die Pferdeherde auf einer grossen Weide, die forsch und neugierig auf uns zukommt, als wir anhalten um die schönen Tiere zu bewundern. Oder das Kamel und die Ponys ein paar Kilometer weiter.
Leider haben wir nicht mehr die Energie, das Dörfchen Alixan bzw. dessen Kirche zu besichtigen, die sich so herrlich vom Bergmassiv am Horizont abhebt. Um ehrlich zu sein, sind wir im Augenblick sogar ziemlich am Ende und schleppen uns seit den letzten zehn Kilometern nur mehr so dahin und machen Strecke. Dummerweise ist der angepeilte Campingplatz in Chabeuil auch noch einige Kilometer ausserhalb dieses Ortes hügelan Richtung des soeben erwähnten Bergmassives gelegen. Als wir dort ankommen, entpuppt sich der Platz erstmal als grosse Enttäuschung, denn es ist steinig, so dass ich keinen Zelthering in den Boden bekomme. Ausserdem sind die Parzellen recht eng. Rentnerpaare und Familien mit Kleinkindern betrachten uns Vagabunden mistrauisch - wie vorher in Staad. Aber nachher sitzen wir im Restaurant und beobachten das aufgedrehte Personal, dass vor lauter Spässen und Slapstick-Einlagen fast gar nicht zum Arbeiten kommt und machen zudem die Bekanntschaft eines amerikanischen Ehepaares, das ebenfalls mit dem Rad unterwegs ist. Die beiden sind in fünf Wochen von Rom aus hierher geradelt und haben nun noch mehr als vier Monate Zeit, um mit ihrem Tandem bis ans Nordkap zu radeln...uff...sowas weckt Bedürfnisse und Wunschträume...
Habe ich übrigens schon erzählt, dass ich dieses Land hier über alles mag? Ja? Der Côtes du Rhône macht wohl vergesslich...oder so... Als wir später zum Zelt zurück kommen fällt mir auf, dass das Hinterrad an Margrits Velo einen Platten hat. Das will also heute auch noch erledigt werden...

Freitag, 11.6.2004. Chabeuil bis Grane (39 km)

Die letzten zwei Etappen haben uns sehr müde gemacht. Besonders das Radeln in der Mittagshitze, kombiniert mit den Steigungen, hat es in sich. Wir beschliessen, heute so früh wie möglich aufzustehen. Derjenige von uns, der als erstes wach wird, soll den anderen wecken, egal wie spät oder früh es ist... und wirklich sind wir schon um sechs Uhr, noch vor Sonnenaufgang, unterwegs. Allerdings mehr schlecht als recht, denn wir haben beide nicht sonderlich gut geschlafen. Da wir zudem mit nur etwas Schokolade im Magen losziehen, trifft es sich ganz gut, dass es die ersten Kilometer bergab geht. Aufgehen tut dagegen jetzt die Sonne und plötzlich ist die Welt wieder in Licht und Schatten unterteilt.
In einer Fernfahrerkneipe gibt's dann bald Kaffee und Croissants und es kommt zu einer Begegnung zwischen Bikern und Bikern, denn drei Herren mittleren Alters haben sich hier wohl zu einer Motorradtour verabredet. Als wir wieder aufbrechen, steht Honda neben Streetmachine und Yamaha neben Delite...was will ich damit sagen? Weiss es eigentlich auch nicht, war nur irgendwie eine amüsante Begegnung, wie wir beiden "Parteien" uns da so gegenseitig musterten und abschätzen.
Gleich nachher verirren wir uns erstmal und handeln uns etliche Kilometer Umweg ein, weil auf einem von kleinen Asphaltstrassen durchzogen Ackerbaugebiet die Strassen nicht nummeriert sind, mit Wegweiser gespart wird und wir Haupt- von Nebenstrasse nicht unterscheiden können. Wahrscheinlich (oder ziemlich sicher) sind wir selber so früh am Morgen auch noch nicht recht auf Betriebstemperatur. Da stehen wir extra so früh auf und nun verplempern wir hier wertvolle Zeit - sowas nervt!
Als wir endlich wieder auf Kurs sind, stellt sich heraus, dass wir beide heute einfach nicht in die Gänge kommen und kaum einen Blick für die Landschaft übrig haben. Dabei duftet es so würzig und allein diese Farborgie im Morgenlicht! Als wir jedoch auf einer kleinen Brücke die Drôme queren und in Grane die Hinweisschilder für einen Campingplatz sehen, ist der Tag gelaufen und mitten am Vormittag checken wir ein, stellen unser Zelt in Windeseile auf und legen uns erstmal hin...
Mittlerweile hat es sich bewölkt, es fängt an zu regnen und bald stellt sich heraus, dass wir vormittags das Zelt so doof aufgestellt haben wie nie zuvor: binnen einer halben Stunde haben wir Wasser im Zelt. Angesichts dieses stümperhaften Zeltaufbaues wird mir erst richtig bewusst, wie müde wir heute morgen waren. Auf dem Campingplatz gibt es noch einen einzigen freien Wohnwagen zu mieten und zwar den des Personals, der aber seit letztem Sommer nicht mehr benutzt war und sich im dem entsprechenden Zustand befindet... ähnlich wie in Chevroux bauen wir unsere Habe bei strömenden Regen ab und siedeln um. Den Abend verbringen wir in der Snackbar des Campingplatzes, wobei wir auf das...äh...eingeschränkte kulinarische Angebot zurückgreifen. Irgendwie gibt's zwischendrin mal ein grosses Gelächter als uns der Unterschied zwischen der heute servierten, gerade mal halbwegs geniessbaren Mikrowellen-Fertig-Lasagne und dem zehn mal so teuren Abendmal vor genau einer Woche in Peney bewusst wird.
Wir lernen auf dieser Reise, dass man die Rechnung nicht ohne den Wirt machen kann, dass der Körper einfach sagt, wann es ihm reicht. Es gelingt uns diesmal viel besser als jemals zuvor, mit unserer Leistungsfähigkeit im Einklang zu leben. Ausserdem bin ich nicht so gierig auf ein schnelles Vorankommen und Weiterreisen - diesmal ist wirklich der Weg das Ziel! Es ist eine Reise der Kontraste, auf der wir ganz selbstverständlich das wahrnehmen, was sich uns anbietet, egal ob billig oder teuer, primitiv oder luxuriös.
Von der Snackbar haben wir jedenfalls einen weiten Ausblick über das Tal der Drôme mit einem ständig wechselnden Farbenspiel, denn Regenschauer und Sonnenschein wechseln sich ab. Ähnlich wie die Bauwerke in diesem Tal: im Hintergrund der Wehrturm (Donjon) von Crest aus dem 12. Jahrhundert, im Vordergrund die TGV-Trasse aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert...

Samstag, 12.6.2004. Grane bis Bollène (63 km)

"Ça roule!" meint ein älterer Herr zur Streetmachine, als ich vor einem Lebensmittelgeschäft auf Margrit warte, die gerade Proviant ersteht. Er erzählt, das er vor dem Krieg ebenfalls mal mit einem Liegerad gefahren ist. Übringens scheint ein Liegerad ganz allgemein ein magischer Anziehungspunkt für den französischen Herrn im Rentenalter zu sein... Und, Hand auf's Herz: heute rollt es wirklich! Der Tag fängt allerdings mit Nebel an. Wir pedalieren ein Flusstal entlang, genauer gesagt das Tal der Grenette. Alles ist nebelverhangen und dampft den gestrigen Regen aus. Dann steigt der Talgrund an und wir klettern einen langgezogenen Anstieg zum Col du Devés hoch. Auf der Landkarte ist diese Strecke als besonders sehenswert eingezeichnet, aber wir sehen nur ein paar Dutzend Meter rechts und links von uns die kleinen und krumm gewachsenen Eichen. Feenland...Niemandsland... Auch auf der Passhöhe sieht man rein gar nichts und erst als es bergab geht sieht man immer mehr, je weiter nach unten man kommt. Die Landschaft dort unten liegt im Sonnenschein. Ich amüsiere mich halbwegs über mich selber, wie ich neugierig dort hinunter spähe und gleichzeitig Bammel davor habe, dass die Strasse an so einem Abgrund vorbei führt, wie er gestern auf einem Poster in der Rezeption des Campingplatzes dargestellt war. So lasse ich weitestgehend die Hände von den Bremsen und der Schwerkraft ihren Lauf und habe Glück mit der Strassenführung. Unten liegt als erstes das Dörfchen Roynac, in dem wir bei schneller Durchfahrt keine Bar sehen und so düsen wir eben mit Caracho ins vier Kilometer entfernte Cléon d'Andran. Zum Gefälle kommt ein starker Rückenwind und wir brauchen kaum zu treten. Hier unten sind wir jetzt also in der Provence, sagt ein Strassenschild. Nun gut, das sollte mit einem Frühstück gefeiert werden!
Danach jagt uns der Wind eine Ebene entlang, die Sonne lacht vom blauen Vormittagshimmel und die Luft duftet würzig. Die ersten blauen Lavendelfelder. Irgendwo rechts in der Ferne altes Gemäuer, das wird wahrscheinlich Montelimar sein. Die Weinberge, die kleinen Dörfer mit ihrem mittelalterlichen Kern, die gelben Weizenfelder, kaum Tourismus. Einfach so.

Provence
Provence

In Allan machen wir Mittagspause. Dann ist Schluss mit lustig, denn für die letzten zwanzig Kilometer bis Bollène dürfen wir noch andere Düfte und Gerüche, nämlich Abgaswolken, schnuppern. Wir müssen zuerst auf die D133 und dann die grosse D448 entlang. Rechts neben uns Autobahn und TGV-Trasse, direkt links neben uns der Verkehr auf "unserer" Strasse. Aber es ist flach und der Wind schiebt immer noch gewaltig an, so sind wir im Nu in der Gegend von Bollène, können noch Lebensmittel einkaufen und bald auf einem Campingplatz einchecken. Dieser 4-Sterne-Platz ist eine Zumutung, es ist das erste Mal seit langem, dass ich einen wirklich versifften Campingplatz erlebe! Hier scheinen die sanitären Anlagen seit Tagen nicht mehr geputzt worden zu sein und die gross präsentierte �picerie verkauft keine Lebensmittel, sondern lediglich Süssigkeiten, Wein und Bier. Na Mahlzeit!

Sonntag, 13.6.2004. Bollène bis Rochegude (14 km)

Die steife Brise von gestern ist zum Sturm angewachsen. Schon nach ein paar Metern auf freier Landschaft wird klar, dass man so nicht radfahren kann. Zwar bläst es immer noch aus Norden und im Prinzip ja aus der richtigen Richtung, aber der Weg mäandert so vor sich hin und es ist schlichtweg gefährlich, weil jedes überholende oder entgegenkommende Auto einen enormen Sog nach sich zieht. Es ist ein Balanceakt und wir kommen uns vor wie zwei Segelschiffe, die ihre Segel nicht reffen können. Der Wind drückt uns - und das ist das Gute - einen Berg hinauf, wo wir einen phantastischen Blick über die unter uns liegende Landschaft mit dem Mont Ventoux im Hintergrund haben, denn es ist sonnig und klar. Aber den Berg hinunter geht nur Schritttempo weil wir jetzt Seitenwind bzw. Seitensturm haben.
In Rochegude gibt es wieder eines dieser "gefährlichen" Hotels: ein Schloss aus dem 12. Jahrhundert, während der Renaissance erweitert und in der Gegenwart zum Hotel umfunktioniert. Natürlich gibt es noch ein Zimmer für uns beide, es ist ja mitten am Vormittag. Sind wir schon mal stilvoller untergekommen? Schon allein das Badezimmer in altem Gemäuer ist eine Wucht! Am besten ist aber der Schlosspark mit dem (windgeschützten!) Pool und den freilaufenden Hirschkühen. Und heute Abend gibt's im Übrigen keine Campingplatzküche... ich finde, wir nähern uns dem Zustand "Leben wie Gott in Frankreich" zusehends an...

Montag, 14.6.2004. Rochegude bis Pont du Gard (64,5 km)

Der Wind lässt die Unterseite aller Blätter an Bäumen und Büschen hell aufleuchten, besonders intensiv bei den Olivenbäumen. Das ausgebleichte, fast weiss erscheinende Gras wiegt sich im Wind und es ist kühl und klar. Heute hat sich der Sturm wieder in eine steife Brise zurück verwandelt und man kann wieder radeln. Es gilt nun, einen möglichst ruhigen Weg durch das Gewirr der grossen Verkehrsachsen zwischen den Städten Avignon, Orange und Arles zu finden. Lange begleitet uns auch heute der Bergkegel des Mont Ventoux zu unserer linken und immer wieder gibt es weite Panorama-Blicke über dieses fruchtbare Land. Als wir bei Roguemaure die Rhône queren, ändert sich das Landschaftsbild: während man drüben mit einiger Fantasie an den Ngorongoro-Krater oder die Massai-Mara denken konnte, meint man hier eher in einem Karl-May-Film geraten zu sein. Naja, vielleicht übertreibe ich ein bisschen, denn der ewige Mistral verursacht wirre Gedanken. Kann mir schon vorstellen, dass Van Gogh hier herunten langsam ein bisschen durchgedreht hat. Der Wind und die Hitze und das grelle Licht. Mir ist bewusst, dass wir hier durch klassisches Malerland radeln. Wer hat hier nicht alles gearbeitet?
Heute rollt es hervorragend - dank Rückenwind und der relativ moderaten Temperaturen. Trotzdem sind die letzten zehn Kilometer heute sehr stressig, weil wir auf der vielbefahrenen N100 radeln müssen. Und da rollt er, der Schwerverkehr! Wenn ich mir vorstelle, wir hätten die ganze Zeit über damit umgehen müssen, wenn wir im Rhônetal geblieben wären! Es war schon richtig, die vielen Steigungen in Kauf zu nehmen und dafür eine ruhige Wegführung abseits der grossen Strassen zu bekommen. Kurz vor der Pont du Gard finden wir ein kleines Hotel und checken ein. Den römischen Aquaedukt haben wir noch nie gesehen und er wird eine der wenigen Sehenswürdigkeiten sein, die wir uns auf dieser Reise "gönnen". Denn dadurch dass sich die meisten architektonischen oder kulturellen Highlights in den grösseren Städten befinden, kommen wir kaum damit in Berührung. Nun also die Pont du Gard. Vorgestern trafen wir zwei Radler, die hier von Touristennepp, Unmengen von Reisebussen und totaler Abzocke sprachen. Ausserdem käme man gar nicht bis an die Brücke heran und sähe so gut wie gar nichts. Wir versuchen es trotzdem und sind aus reinem Zufall auf der "richtigen" Seite, können bequem bis an das Bauwerk heran, hinauf und unten durch und es sind abends um 18 Uhr nur eine Handvoll Touristen da, das Gros ist wohl schon längst wieder abgereist. Sehr schön, das alles... ausserdem gibt es hier noch ein sehenswerte Flusslandschaft!

Pont du Gard
Pont du Gard

Dienstag, 15.6.2004. Pont du Gard bis St. Gilles (40,5 km)

Wir sind allmählich mit den Gedanken bei der Heimreise und wie diese zu organisieren wäre. Irgendwie müssen wir von Nimes aus eine Zugverbindung bekommen. So starten wir mit dem Bewusstsein, das es unsere letzte Tagesetappe sein wird, in den bedeckten und kühlen Dienstagmorgen hinaus. Wir sind zugegebenermassen etwas velo-müde, aber auch wehmütig und befriedigt und froh, dass wir es überhaupt bis hierher geschafft haben.
Die Platanenallee, auf der wir die ersten Minuten entlangrollen, könnten von Dali gemalt sein: die Zweige und Äste sind bis weit nach oben zurückgeschnitten. Es sieht aus, als ob man Dali's Elefanten umgedreht und auf den Rücken gelegt hätte. Ein Weilchen kämpfen wir wieder mit dem wütenden Tier des Verkehrs (so kommt es einem vor), dann nimmt uns eine kleine Strasse auf und geleitet uns durch ebenes Land. Abwechselnd brach liegendes Ödland, goldgelbe Weizenfelder und Weinanbau. Immer aber ein kleines Pinienwäldchen oder dunkelgrüne Zypressen im Blickfeld. Wir sind inzwischen im Languedoc, die Provence liegt offiziell hinter uns.
St. Gilles, eine Stadt südlich von Nimes, soll unser Zuhause für die nächsten Tage werden. Von dort können wir nach Nimes, um die Rückfahrt zu organisieren und noch den ein oder anderen Ausflug in die Camargue machen, stellen wir uns so vor. Wir finden ein kleines Hotel in einer ruhigen Seitengasse...

Mittwoch, 16.6.2004. St. Gilles bis Aigues-Mortes (45 km)

...und kommen nach einem Spaziergang durch die Stadt zu dem Schluss, dass es ausgemachter Blödsinn und verschenkte Zeit ist, hier noch drei Tage abzusitzen, wo wir doch eigentlich nur mehr ein paar Meter vom Meer und von meinem Wunschziel entfernt sind: Aigues-Mortes, der Kreuzfahrerstadt aus dem Mittelalter...

Also los! Am Abend reservieren wir uns noch per ausliegenden Prospekt eine Bleibe in Aigues-Mortes und am Morgen rollen wir zur wirklich letzten Tagesetappe hinaus aus St. Gilles und tauchen in die ruhige Welt der Camargue ein. Mehr als mannshohes Schilf auf beiden Strassenseiten. Immer wieder mal ein kurzer Blick auf die Reisfelder. Kleinste Landstrasse. Wir sehen: Silberreiher, Schwarzmilane, Störche und Möwen. Zwei Stelzenläufer, die eine zeitlang neben uns her fliegen, als wollten sie uns begrüssen. Einmal einen und dann noch zwei Wiedehopfe und - für mich eine Sensation - eine Blauracke, einen krähen-grossen, blau-schillernden Vogel. Toll! Viele Pferde. Ganz das Klischee. Und ein paar Mal kommen wir an prachtvoll schwarzen Stieren vorbei (ein Verkehrsschild am Ortseingang von St. Gilles wies gestern auf mögliche "Stiere auf der Fahrbahn" hin - allerdings ohne Verhaltensmassregeln für Velofahrer... hm...).

Camargue
Camargue

Unsere Bleibe entpuppt sich als Bungalow-Park etwas ausserhalb der Stadt, mit einem grossen Pool und einem tropisch anmutenden Garten. Schön. Wir machen uns frisch, laden unser Gepäck ab und radeln die letzten zwei Kilometer auf denkbar schlechter Asphaltstrasse (aber reichlich deftigen Verkehr) der Stadt entgegen und dann liegt sie vor uns...die gewaltige Festungsmauer...Aigues-Mortes...Hochtourismus und Mittelalter...Fast Food und Gotik...Irgendwie passt das in meinen Augen sogar zusammen: waren die Kreuzritter nicht auch auf eine sonderbare Art und Weise Touristen, Durchreisende? Wenn auch mit einer fraglichen Intension?

Aigues Mortes
Aigues Mortes

Damals, als wir dem Loiretal bis zum Atlantik folgten und schliesslich den Ozean erreichten, war ich regelrecht enttäuscht, dass sich keine wirkliche Begeisterung in mir einstellte und es so "normal" war. Aber heute bin ich begeistert und wirklich von den Socken! Yippie, wir haben's geschafft, wir sind von Zürich bis hierher geradelt! Irgendwie ist diese Stadt hier noch der Paukenschlag, der diese überaus gelungene Reise abrundet! Und noch etwa gelingt: hier gibt es einen Bahnhof und der freundliche Herr hinter dem Schalter organisiert uns eine prima Rückreise! Von hier bis Nimes mit mit dem Vorortzug, dann umsteigen in den TGV (es ist der einzige TGV, bei dem Fahrradmitnahme möglich ist) bis nach Genf, von dort aus dann nach Zürich. Das ist viel weniger umständlich als befürchtet.
Abends, nach dem Essen, sehen wir die ersten Fledermäuse dieses Jahres bzw. Urlaubs, und zwar dutzendweise...

Donnerstag, 17.6.2004. Ausflug nach Le Grau du Roi (22,5 km)

Und jetzt noch die Zehen in die Fluten des Mittelmeeres strecken!

Wir radeln die paar Kilometer am Kanal entlang, der Aigues-Mortes mit dem Meer verbindet und sehen etliche Flamingos in einem Teich auf Nahrungssuche. Es riecht nach Meer, nach Fisch, nach Salz. Bei Le Grau du Roi erreichen wir das Meer. Die Stadt selber ist eine Touristen-Hochburg: ein Städtchen mit Altstadtkern, aber auch vielen modernen Hotels und Ferienwohnungen, Cafés, Restaurants, Boutiquen und alles, was des Touristen Herz begehren könnte. Der Trubel hält sich jetzt in der Vorsaison noch in Grenzen und man ist damit beschäftigt, alles für die kommenden turbulenten Wochen vorzubereiten. Da wird gestrichen und gehämmert und repariert. Irgendwie ist das recht sympathisch, uns gefällt's. Eine gute Portion Touristenrummel mag ich schon vertragen.

Das Meer glitzert in der Sonne und die Angler, Spaziergänger und Sonnenanbeter gehen ihren Lieblingsbeschäftigungen nach. In der Ferne sieht man die grossen Betonburgen anderer Touristenorte, zb. Von La Grande Motte. Also dorthin will ich jetzt nicht...

Freitag, 18.6.2004. Rückreise nach Zürch.

Wir müssen heute früh raus, denn unser Zug von Aigues-Mortes nach Nimes geht um 6:48. Und dann sitzen wir mehr oder minder den ganzen Vormittag auf dem grossen Bahnhofvorplatz in Nimes in einem Strassencafé herum. Es ist relativ ruhig hier, nicht so hektisch, wie vermutet. Das Thema Velomitnahme im TGV beschäftigt uns und irgendwie können wir es fast nicht glauben. Margrit erkundigt sich nochmals hier am Bahnschalter und kommt prompt mit einer Negativmeldung zurück: Velos dürfen auf keinen Fall mit in den Schnellzug, aber wir können's ja mal probieren. Uff...was soll man nun glauben? Die Spannung steigt. Um 14 Uhr kommt unser Zug und siehe da: im letzten Wagen gibt's doch tatsächlich eine nicht benutzte Räumlichkeit, sieht aus wie die Küche in einem Restaurant-Waggon, in der noch genau Platz für zwei Velos vorhanden ist, denn es stehen schon zwei Fahrräder da, die einem Paar aus Luzern gehören. Glück muss man haben!
So reisen wir fast dieselbe Strecke zurück, die wir in umgekehrter Richtung geradelt sind, ein Film, der im Zeitraffer rückwärts abgespult wird. Es ist eine schöne Zugreise, den das Wetter spielt immer noch mit und wir nehmen die Landschaft nochmals aus einer ganz anderen Perspektive wahr, besonders als wir auf schon beschriebener Trasse das Drôme-Tal queren oder über besagte Eisenbahnbrücke im Rhône-Durchbruch fahren.

Und als wir - schon in der Schweiz, im IC von Genf nach Zürich sitzend - bei mildem Abendlicht den Genfer See entlang fahren, relativiere ich meine vorher gefasste Meinung über diese Gegend hier. Heute schaut's nämlich toll aus: es ist absolut klar und man sieht das Gebirgsmassiv auf der anderen Seeseite. Nach Lausanne, über den Weinbergen, geht die Sonne unter und der See und Weinberge und das Gebirge am anderen Ufer glänzt im milden Abendlicht...
Habe ich schon erwähnt, dass es eine wundervolle Reise war?

Streetmachine