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Eurotour Berlin - Athen 2003

Die Radtour Berlin - Athen war wundervoll chaotisch.
Dr. Dieter Rogalla, dem Initiator und Ehrenmitglied des Europäischen Parlaments, verzeiht man einfach alles, man muss ihn lieben. Trotz cholerischer Anfälle, die nur humorvolle Beachtung fanden und mässiger Organisation, hat er es geschafft, 60 Leute, davon 15 Blinde auf Tandems für nur 13 Euro am Tag inklusive allem nach Athen und zurück zu kriegen.
Und das mit 75 Jahren und es war seine 22. Eurotour! Er selbst fuhr am Tag so 60-70 km, aber nur weil er seiner Frau versprochen hatte, es "easy zu nehmen". Dieter Rogalla ist ein Wunder ! Er bezeichnet sich selber als Egomane, aber er ist einer der sehr guten Sorte, er bewegt was !
Wir waren 25 Polen, 2 Ungarn, 4 Franzosen und 30 Deutsche. Stark beeindruckt hat mich die Leistung der Blinden, die auf ihren Tandems einen Wahnsinnsschnitt von 45km/h hinlegten. Jeder Tag war ein neues Abenteuer. Die Streckenführung sah wie folgt aus:

Streckenführung
Streckenführung

Die Unterkünfte waren Turnhallen, Jugendherbergen und Studentenheime. Die Verpflegung sehr einfach, manchmal etwas knapp. Dabei hatte mein Arzt mir ausgerechnet, dass bei 100 km am Tag Radfahren, entweder 4 Kilo Schnitzel oder 1,6 Kilo Brötchen die verbrannten Kalorien ersetzen würden

Ich fuhr im Schnitt 70 km , es ging mir richtig gut. Ich hatte meinen eigenen Wagen dabei, wegen der Unabhängigkeit. Wenn ich selber radelte, wurde er sehr gerne von Anderen gefahren, weil er als einziger Wagen Klimaanlage hatte. Die Gruppe fuhr ansonsten in polnischen Kleinbussen. Unsere Fahrzeugkolonne bestand aus 7 Fahrzeugen und zusammen mit unseren 60 Radlern brachten wir so manche Kleinstadt zum Stillstand. Mit unseren Eurotour Trikots sahen wir ausgesprochen schick aus.

In Szeged, Ungarn, erschien ein Foto in der Zeitung , ich auf dem Liegerad links.

Szeged
Zeitungsbericht aus Szeged

Überhaupt war mein Liegerad eine Zusatzattraktion, ob in Dresden, Krakau, Prag oder Budapest vor dem Parlament, denn so'n Ding hatte noch keiner gesehen Es gab viel Presse von den verschiedenen Empfängen bei Botschaftern und Konsulen, nur davon habe ich keine Kopien.

Ich und ein paar andere haben sich an der Grenze nach Rumänien von der Gruppe abgesetzt, als klar wurde, das der restliche Trip nach Athen und zurück nach Deutschland hauptsächlich aus weiteren 3000 km Busfahren bestehen würde. Denn Rogalla wollte seine politische Mission als Ehrenmitglied des Europäischen Parlaments vollenden, eine Eurotour , es waren Emfänge bei den Botschaften in Rumänien, Bulgarein und Athen arrangiert. Er rief mich aus Athen an und gab zu, dass die Tour etwas arg lang war.

Ich bin dann nach Belgrad gefahren, habe dort meine Freundin Ivana besucht, an der Donau entlang zurück nach Ungarn , Nieder-Österreich, Wolfgangsee, einfach traumhaft, Bayern/Tegernsee, wieder Österreich, Achensee, Zillertal, Bayern/Garmisch , eine tolle Kombination von Auto und Rad. Insgesamt habe ich an die 1000 km auf dem Rad zurückgelegt. , Die Streckenführung war ohne jede Logik , nur bestimmt von der Lust an der Natur und am Sehen Es regnete nicht einmal , Temparatur im Schnitt 35 Grad, erstaunlich, wie schnell man sich ans Schwitzen gewöhnt.

Dieser Teil hat mir am besten gefallen, ich war völlig unabhängig von Gruppenentscheidungen, konte mir meine Ziele, Tagesrouten und Übernachtungsherbergen selber aussuchen . In den Bergen wurde mir anfangs mullmig. Musste ich mir Gedanken über mein relativ untrainiertes Herzchen machen? Puls an Steigungen 140-150, kurzfristig 180. Nach jeder Steigung kam eine tolle Talfahrt, die ich mit 50-60 km/h runterdüste aber am Ende , was dann ? Da wartete der nächste Berg, 12 % Steigung sind ziemlich steil mit dem Rad, der dann mit 3-5 km/h erklommen werden wollte. Wo sollte man aufhören, wie weit sich selber treiben ??? Aber das Gefühl, es geschafft zu haben, ist einfach erhebend, jeder Bergkamm ein Sieg über sich selbst. Jede Talfahrt voller Glücksgefühl gepaart mit der bangen Frage, was liegt hinter der nächsten Kurve. Es gab Tage, da konnte ich einfach nicht aufhören, Essen war unwichtig, Pausen auf ein Minimum beschränkt, bis in die Stille der tiefen Nacht hinein bin ich gefahren, auf einsamen, steilen Feldwegen in die Berge bis auf 1400 Meter, eine Panne ?? Mein Credo: "Drum nicht sein kann was nicht sein darf ", Nicht mal Flickzeug hatte ich dabei. Erfolgserlebnis pur !!

Ich glaube, dass die Eurotour eine Menge Potential hat. Wenn sie nur richtig aufgezogen wird, kann man mit wenig Geld eine wirklich publikumwirksame, volksnahe Aktion daraus machen.