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Tort(o)ur de France 2001 - von Deutschland an die Atlantikküste

Schon immer war Fahrrad fahren eine meiner größten Leidenschaften. Bereits in meiner frühen Schulzeit bewegte ich mich stets per Pedale zum Unterricht, und dass in den Sommerferien eine kleine Tour unternommen wurde war so sicher, wie Ortlieb-Taschen wasserdicht sind. An etwas Größeres als vom heimischen Erzgebirge bis zur Ostsee wagte ich mich jedoch nicht heran. Zum einen fand man nur schwer einen Mitstreiter und zum anderen war man selbst nicht allzu sicher, ob man sich so einer Herausforderung auf eigene Faust stellen konnte.

Im letzten Jahr jedoch war mein Drang, mit der fahrrädlichen Erkundung Europas zu beginnen unermesslich groß geworden, und den Ausschlag gebenden Punkt lieferte mir ein langjähriger Freund, welcher sich kurz zuvor eines Liegerades bereichert und mich dieses ausprobieren lassen hatte -- wissend, dass ich mich sogleich anstecken ließe.
Für mich war es keine Frage: Ein Liegerad musste her. Ich rechnete mir aus, dass ich bis zu den nächsten Ferien noch acht Monate Zeit hatte, ein für mich sowohl anspruchsmäßig als auch finanziell passendes Gefährt zu finden. Pausenlos durchforstete das Internet, spach mit eingefleischten Liegeradlern, begab mich fragend zu Fahrradhändlern und gelangte schließlich zu dem Schluss, dass die Streetmachine von HP Velotechnik wohl am ehesten in Frage käme. Es vergingen tatsächlich acht Monate, bis ich das notwendige Geld wenigstens teilweise zusammenhatte, und einen Tag vor unserer geplanten Abfahrt fuhr ich nach Berlin, um mir besagtes Rad käuflich zu erwerben. Ein Tag Training hatte zu genügen, sagte ich mir. Oder viel mehr ein halber, denn schließlich mussten die Taschen noch justiert, gepackt und angebracht werden.
Es konnte letztendlich tatsächlich am nächsten Tag losgehen. Zusammen mit einem Freund, Leopold, auf herkömmlichen Fahrrad hatte ich geplant, das schöne Frankreich zu durchradeln, von Kehl in Deutschland bis an die französische Atlantikküste. Zwei Wochen hatten wir Zeit.

In Chemnitz stiegen wir früh um fünf in den Zug, und je weiter wir Richtung Süden kamen, desto schlechter wurde das Wetter. Schließlich in Kehl angekommen war es trotz der warmen Jahreszeit nicht nur recht frisch, sondern auch noch sehr regnerisch. Doch uns blieb nichts anderes übrig: Wir kleideten uns in halbwegs Wasserdichtes und traten in die Pedalen Richtung Westen, hoffend, das Wetter würde jenseits der Grenze der Jahreszeit entsprechen. Doch auch nach Überquerung des Rheins und fast auswegloser Irrfahrt durch ein unüberschaubares Straßburg wollte es einfach nicht aufhören zu regnen. Zudem muss ich auf den anfänglich zum Teil recht befahrenen Straßen einen recht ulkigen Eindruck gemacht haben, nicht nur des Liegerades sondern viel mehr den Gründen meiner Unerfahrenheit auf genanntem Fahrzeuges wegen.
Nichts desto Trotz erreichten wir nach knapp siebzig Kilometern flussaufwärts des Rheins das kleine Örtchen Rhinau, in welchem wir bei nach wie vor anhaltendem Regen den nächsten Zeltplatz ansteuerten und froh waren, uns in einem trockenen Zelt in die Horizontale begeben zu dürfen. Der zweite Tag bescherte uns freundlicheres Wetter, was die Feuchtigkeit betraf. Letztere jedoch schien sich in uns von nun an ständig begleitenden Gegenwind verwandelt zu haben. Dennoch hatten wir uns bereits nach dem ersten Tag erstaunlich gut an das stundenlange Strampeln gewöhnt und fuhren ohne größeres Klagen dem Wind trotzen einen guten Schnitt. Von Rhinau nach Marckolsheim, über Neuf-Brisach und Ensisheim nach Cernay waren es knapp neunzig Kilometer und wir waren für den Anfang ganz zufrieden mit uns.
Am dritten Tage unseres Ausfluges wurde es allmählich bergig -- die Vogesen, welche wir eigentlich versucht haben, südlich zu umfahren, haben dies scheinbar vorhergesehen und uns gnadenlos den Weg versperrt... zum ersten Mal erkannte ich einen der wenigen Nachteile des Liegerades: es ist einfach unmöglich, die Position zu wechseln und somit die beanspruchten Muskelpartien. Was zur Folge hatte, dass Leopold mir am Berg immer ein paar Fahrradlängen voraus war. Die schnellen und langen Abfahrten jedoch, mit welchen wir glücklicherweise ebenso oft belohnt wie durch die Anstiege bestraft wurden, waren den schmaleren Reifen und der aerodynamischeren Konstruktion meines Gefährtes gegönnt. Gegen nachmittag dann stimmte allerdings das Wetter mal wieder in schlechtes um und bescherte uns kurz vor der Ankunft nach knapp hundert Kilometern durchgehenden Regen. Zuguterletzt brach auch noch Leopolds Gepäckträger entzwei...

Nachdem in der Nacht zum vierten Tag wieder genug Kraft geschöpft, das Wetter wieder schön, der Gepäckträger mit Klebeband notdürftig zusammengeflickt und erneut mit zwei Radtaschen, Zelt und Zubehör bepackt war, ging es wieder los. Spätestens heute wurde uns jedoch ein Phänomen bewusst, was uns die gesamten zwei Wochen begleitete: Ebenso, wie es in England nur dann Regnet, wenn kein Nebel ist, regnet es in Frankreich nur dann nicht, wenn einem der Gegenwind zu schaffen macht: es war extrem. Es war zum Teil einfach unschafftbar, auf gerader Strecke die 10-km/h-Hürde zu überschreiten, und selbst bergab musste man angestrengt in die Pedale treten, um 15 Kilometer zu schaffen. Wenigstens hielt der Gepäckträger so gut, dass wir uns entschieden, nicht erst zeit- und geldraubend nach einem neuen Ausschau zu halten.
Am Abend landeten wir nach ebensovielen Kilometern wie gestern auf einer Art Zigeunerzeltplatz, der uns anfänglich etwas mysteriös vorkam, dafür aber nur ca. €1,50 kostete und wir am Ende sogar noch ein leckeres Essen serviert bekamen.
Die ersten sechzig Kilometer des fünften Tages, wir fuhren durch eher unbekannte, kleine Orte wie Auxonne, Seure oder Gergy, hatten wir nach heutigen Verhältnissen mit ständigem Wind und zahlreichen Anstiegen gegenüber den letzten fünfzig Kilometern eher noch Glück: Wir wurden erneut vollkommen eingeweicht, und nass bis auf die Haut suchten wir frierend vergeblich nach einem geeigneten Zeltplatz -- schließlich entschieden wir uns, das Zelt an einem Feldrand aufzuschlagen und morgen einfach früher als der eventuelle Bauer aufzustehen.

Die folgenden sechs Tage erwiesen sich als wettertechnisch zwar sehr schön, aber wir machten schließlich keinen Badeurlaub. Dennoch zogen wir uns Verbrennungen am ganzen Körper zu, wie es sonst nur am Strand passiert, und fuhren bei 30 Grad im Schatten durch ganz Mittelfrankreich. Wir machten Bekanntschaft mit vielspurigen, starkbefahrenen Fernverkehrsstraßen, die sich viele Kilometer bergauf Richtung Großstadt zogen, aber ebenso lernten wir ruhige, schattige Abfahrten kennen, die an einem kühlen, sauberen Gebirgssee endeten. Wir trafen ausschließlich nette Franzosen, dafür aber nicht einen anderen Fahrradtourer. Wir bemerkten, dass trotz der rasanten Fahrweise des französischen Volkes um Fahrradfahrer stets ein großer Bogen gemacht wird und sich die Fahrzeugführer scheinbar eher selbst gefährden als den gerade zu überholenden Biker. Unsere täglicher Kilometerstand wurde zunehmend größer, man gewöhnt sich wirklich an das heiße Klima und die körperlichen Anstrengungen.

Richtig spannend wurde es noch mal am zwölften und letzten Tag unserer Tour. Zwar hatten wir bisher möglichst alle Großstädte auf der Strecke gemieden, Bordeaux jedoch wollten wir uns beim besten Willen nicht entgehen lassen. Wir konnten uns denken, dass es innerhalb dieser Stadt sicherlich nicht gerade fahrradfreundlich zugehen würde -- dass man aber bereits viele Stunden damit zubringen würde, erst einmal in dieselbe hineinzugelangen, hat uns keiner gesagt... tatsächlich erwies es sich als nahezu unmöglich, das Radl nach Bordeaux zu pedalieren. Als es uns nach einigem Hin- und Herfahren doch gelang, machte es uns die zwar sehr schöne und auch mit Radwegen ausgestattete Großstadt nicht gerade leicht, wieder hinauszufinden. Bis ans Meer waren es ja auch noch ein paar Kilometer. Aber es gibt doch tatsächlich einen Fahrradweg, der von der Innenstadt bis an den Strand führt (ca. 80km)! Leider haben wir diesen erst entdeckt, als wir, parallel dazu, ungefähr zehn Kilometer auf eine r zweispurigen, schnurgeraden, veEs war im gewissen Sinne ein Genuss, diesen zu benutzen, gleichzei tig aber auch eine Tortur: Zwar war er breit, geteert, kaum jemand außer uns unterwegs, schattig ge legen und völlig ohne Anstieg, dafür jedoch auch fast komplett ohne Kurven... auf sechzig Kilometer n mussten wir ungefähr viermal lenken...
Doch auch das überstanden wir und kamen noch vor dem Dunkelwerden nach letztendlichen 134 Kilometer n für heute und 1400 insgesamt nach zwölf Tagen in Lacanau d'Océan an. Den gesamten nächsten Tag ve rbrachten wir damit, den Strand zu genießen und -- über unsere Rückfahrt nachzudenken. Denn einen T ag später musste es aus schulisch bedingten Zeitgründen wieder zurückgehen.

Die Rückreise traten wir mit dem Zug an, und diese zu beschreiben würde ungefähr das doppelte an Pl atz beanspruchen als die Hinreise mit Liegerad. Es sei hierzu nur eines gesagt: Wenn ihr nicht umhi n kommt, das Fahrrad in Frankreich mit dem Zug zu transportieren, überlegt euch das bloß nicht erst am Tag eurer Ab- oder Anreise, so wie das bei uns der Fall war! Hierzu ist sorgfältige Planung nöt ig -- wir sind fast verzweifelt bei dem Versuch, mit Fahrrad wieder zurück nach Straßburg zu gelang en.

Alles in allem war diese Tour ihre Strapazen mehr als wert. Natürlich hat man an steilen Anstiegen geflucht, hat man ab und zu das schlechte Wetter zum Teufel gewünscht und die täglichen Spaghetti a m Ende nicht mehr sehen wollen. Grandiose Abfahrten, nette Leute, wunderschöne Landschaften und nic ht zuletzt der Stolz, es geschafft zu haben, machen all das aber locker wieder wett! Und meine inzw ischen mehr als eingefahrene Streetmachine war ebenfalls ihre Anschaffung wert und es werden nicht die letzten Torturen gewesen sein, die sie mit mir durchzustehen hat.

Bilder

Bild 1 und Bild 2 sind auf dem höchsten Punkt der Tour auf 953 m ü. NN zwischen Pontaumur und Tarnac aufgenommen, worden,
Bild 3 entstand am Ziel der Reise, der französischen Atlantikküste bei Lacanau d'Océan (60 km nordwestlich von Bordeaux).

Bild 1
Bild 1

 

Bild 2
Fichte2

 

Bild 3
Bild 3

Hier noch ein paar genauere Daten der Tagesetappen:

1. Tag, 15. 07. 2001
Kehl - Straßburg - Rhinau
66,6 Kilometer

2. Tag, 16. 07. 2001
Rhinau - Mackolsheim - Neuf-Brisach - Ensisheim - Cernay
88,8 Kilometer

3. Tag, 17. 07. 2001
Cernay - Thann - Maseraux - Giromagny - Champagner - Ron-Champ - Lyoffans - Athesans - Villersexel
95,7 Kilometer

4. Tag, 18. 07. 2001
Villersexel - Vesoul - Noidans-le-Ferroux - Fresne - Gy
94,7 Kilometer

5. Tag, 19. 07. 2001
Gy -Auxonne - Seure - Gergy
109,6 Kilometer

6. Tag, 20. 07. 2001
Gergy - Chalon - Buxy - Cormatin - Charolles
97,7 Kilometer

7. Tag, 21. 07. 2001
Charolles - St. Christophe - Marcigny - Lapalisse - Vichy Aprest
113,2 Kilometer

8. Tag, 22. 07. 2001
Aprest - Vichy - Bellerive - Aiguperse - Combronde - St. Georges - Pontaumur
85,5 Kilometer

9. Tag, 23. 07. 2001
Pontaumur - St. Avit - Giat - Flayat - Courtine - Sornac - Millevaches - Bugeat - Tarnac
109,6 Kilometer

10. Tag, 24. 07. 2001
Tarnac - Bugeat - Treignac - Uzerche - Pompadur - Payzac - Exiceul - Tourtoirak
136,3 Kilometer

11. Tag, 25. 07. 2001
Tourtoirak - Cobjac - Perigeux - St. Astier - Benevent - La Roche - Coutras
114,3 Kilometer

12. Tag, 26. 07. 2001
Coutras - Guitres - Salignac - Amborer - Bordeaux - Salaunes - Lacanau
134,4 Kilometer