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Schlösser und Meer - mit dem Liegerad durch Frankreich

Liegeradperspektive
Liegeradperspektive

"Genial!", "Bizarre!", "Rigolo!" Die Reaktionen der Franzosen auf mein Liegerad "Schwalbe" [1] waren vielfältig und positiv; sofern man offenen Mund und weitaufgerissene Augen so deuten möchte. Zwei Wochen lang waren Steffi (auf einem Kettler Sattelrad) und ich mit Zelt, Schlafsack und Alugeschirr an der Loire entlang bis zu deren Mündung in den Atlantik unterwegs. Auf den rund 500 km erlebten wir Frankreich von seiner schönsten Seite; und trafen auch auf Gleichgesinnte.

Vorfreude

Bereits die Vorbereitungen waren abenteuerlich: da die Anreise zum Startpunkt Orléans mit dem Zug erfolgen sollte, somit an Paris keiner vorbeikommt und Fahrradbeförderung mit der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF (Societé National Chemin de Fer) als schwierig über kompliziert bis hin zu unmöglich umschrieben wurde, würde uns einiges erwarten. Die erste Auskunft über mögliche Zugverbindungen leitete der Mann im Reisezentrum Karlsruhe mit den Worten ein: "Fahrradtransport ist gut in den skandinavischen Ländern und in der Schweiz. Alles andere können Sie vergessen." Ob er da Deutschland mit einbezogen hat blieb offen. Er verwies uns auf die Radlerhotline [2], die ab Paris eine über 10stündige Fahrt nach dem nur 120 km entfernten Orléans via Tours (6 Stunden Aufenthalt!) vorschlug. Die Auskunft des Internets [3] war da schon besser: 5 Stunden 12 Minuten mit Umsteigen in Moulins-sur-Allier und Vierzon Ville, wo uns der Bahnhofsvorsteher das Überqueren der Gleise mit den vollbepackten Rädern nahelegte - statt Unterführung - eine sehr freundliche Geste. Auch beim Einladen unserer Räder waren er und seine französischen Kollegen stets behilflich. Der Weg zwischen Karlsruhe und Paris erfolgte mit dem Nachtzug D 260 in beide Richtungen. Fehlte noch die Rückreise von der Atlantikküste nach Paris, um die wir uns erst am Ende der Tour in St. Nazaire kümmerten.
Da ich erwartete, in Frankreich auf mein Liegerad angesprochen zu werden, mein Französisch aber keinesfalls für eine erschöpfende Erklärung des Themas ausreicht, bastelte ich mit den Texten auf der Internetseite unseres Nachbarverbandes [4] ein kleines Heft, daß ich an Interessierte verteilte. Vielfach wurde die Frage gestellt, ob denn das nicht ermüdend sei und ob man damit überhaupt Steigungen bewältigen könne. Ich pries das Liegerad als ideales Reiserad an, wobei Reisen mit dem Rad in Frankreich allgemein auf hohe Anerkennung stieß. Zwar sind die Franzosen begeisterte Camper und die Grande Nation erweist sich nicht zuletzt wegen der Tour de France als fahrradenthusiastisch, doch beides miteinander zu verbinden ist dem Gallier fremd.
Als Tourenführer diente der "Rad- und Wanderführer Loire" von Reinhard Kuntzke [5], der sich als sehr zuverlässig bewährte. Die wenigen Korrekturen und Fehler habe ich dem Verlag bereits mitgeteilt.
Bestens gerüstet konnte es dann losgehen. Auf dem Bahnhof in Karlsruhe trafen wir auf zwei junge Pärchen auf Sattelrädern aus Köln, die die gleiche Reiseroute geplant hatten wie wir. Anfangs trafen und trennten wir uns punktuell in Orléans, Amboise und unterwegs auf Campingplätzen, und fuhren schließlich die letzten Etappen gemeinsam bis ans Meer.

Im Garten Frankreichs

Anfängliche Überlegungen, loireaufwärts in der Weingegend um Sancerre zu starten, verwarfen wir wieder. Auf den Genuß des Traubensafts sollten wir auf der Tour ohnehin nicht verzichten. So ging es in Orléans los. Vorbei an Obstplantagen mit Äpfeln und Birnen, verblühten Sonnenblumenfeldern rollten wir zumeist auf dem Deichsträßchen durch die als "Garten Frankreichs" bezeichnete Loiregegend, die Touraine um das Zentrum Tours. Mais bereicherte bisweilen unsere allabendliche Menüfolge um einen weiteren Gang, ferner gab es Muscheln oder eine Lachspaste als Einstimmung auf das Meer, reichlich die für den Radler wichtigen Kohlenhydrate und was ich besonders schätzte: Die reiche Auswahl verschiedener Puddings wie Schokolade, Kaffee, Cappuccino, Karamel, was immer den krönenden Abschluß eines gelungenen Essens darstellte.

Schlösser und Kirchen

Klar, am längsten Fluß Frankreichs kommt man an den Schlössern nicht vorbei. Allerdings hatte ich viele davon bereits vor zehn Jahren bei einen Urlaub mit Schulfreunden besichtigt, so daß wir uns diesmal die Innenräume der Kirchen und Kathedralen vorzogen und die Schlösser von außen bewunderten. Auch wollten wir unterwegs unsere bepackten Fahrräder nicht so ohne weiteres unbeaufsichtigt stehen lassen, obwohl uns lediglich vor dem Supermarkt SuperU in Saumur eine Fahrradtrinkflasche abhanden gekommen war.
Auftakt war in Orléans die Kathedrale Saint-Croix, die Marcel Proust als die häßlichste Kirche in ganz Frankreich bezeichnete, am Ende der Rue Jeanne d´Arc. Chambord, das größte Schloß, das zudem nie vollendet wurde, erreichten wir im Regen - kurze, aber heftige Schauer; die einzigen, die wir während des Urlaubs auf der Strecke erlebten. Blois durchfuhren - oder besser durchschoben wir, denn die Steigung vom Flußufer zum Bahnhof ist wirklich heftig. Dafür besichtigten wir die Stadt Amboise ausführlicher. Hier verbrachte Leonardo da Vinci auf Einladung Franz I. seine letzten beiden Lebensjahre. In dem Anwesen Le Clos-Lucé aus rosafarbenen Ziegel- und weißem Tuffstein sind zahlreiche Modelle des Künstlers und Erfinders ausgestellt. Ab Amboise brannte erbarmungslos die Sonne auf uns nieder. Regen erlebten wir dann nur noch selten und dann frühmorgens, als wir noch im Zelt waren.
Tours besteht aus zwei zusammengewachsenen Zentren: das eine um die zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert erbaute Kathedrale und das andere im Westen um den mittelalterlichen Place Plumereau, der noch vor zehn Jahren ein Autoparkplatz war. Heute findet man zwischen den Fachwerkfassaden die Tische und Stühle der Restaurants und Créperien. Den Abstecher in die Innenstadt machten wir vom Campingplatz in St. Avertin am südlichen Loireufer aus. Die bisweilen sechsspurige Verbindungsstraße verlor ihren Schrecken wegen der sehr rücksichtsvollen Autofahrer, die uns beim Überholen eine Spur für uns ließen.

Kathedrale von Tours
Kathedrale von Tours

Einen "konzentrierten" Garten Frankreichs kann man in Villandry bewundern, dessen Besuch sich auf jeden Fall lohnt.

Villandry
Gartenanlage in Villandry

Zu dem in jedem Reiseführer abgebildeten romantischen Wasserschlößchen Azay-le-Rideau mußten wir einen kleinen Umweg von etwa 12 km in Kauf nehmen, um pünktlich zum Torschluß vor einem verschlossenem Portal zu stehen.
Eher wuchtig präsentiert sich die Burganlage in Angers, mit Graben und ebenfalls französische Gartenarchitektur. Die Kathedrale der Stadt mit einschiffigem Innenraum im frühgotischen Stil wirkt dunkel gegen die nach dem zweiten Weltkrieg sorgfältig restaurierte dreischiffige Kathedrale Saint-Pierre in Nantes. Zwei "Schlösser der Neuzeit" lagen auch auf unserem Weg: Die Atomkraftwerke St.-Laurent-des-Eaux bei Blois und Avoine-Chinone (das älteste Frankreichs, erbaut 1963), die sich weithin sichtbar durch dem Dampf aus den Kühltürmen ankündigen.

Blois
Stadtansicht von Blois

Auf und ab dem Meer entgegen

Das Radeln am Fluß entlang ist eine sehr angenehme Sache, zumal mit Rückenwind. Das änderte sich ab Saumur.

Meridian
0-Meridian bei Saumur

Ein 3 km langer Aufstieg zum Campingplatz im Etappenziel St. Hilaire-St. Florent wurde allerdings mit einer fabelhaften Aussicht auf das Loiretal belohnt. Und nicht zuletzt wartete das Domizil mit bester Ausstattung unter anderem mit einem Swimmingpool auf. Nun waren längere Steigungs- und Gefällstrecken zu bewältigen. Das letzte wirklich flache Stück entlang des Ancien Canal Maritime de la Basse Loire war von heftigem Gegenwind begleitet - wir waren nicht mehr weit vom Atlantik!
Der Anblick der gigantischen Loirebrücke in St. Nazaire motivierte zusätzlich; dann waren wir am Ziel: drei Tage in La Boule, dem modänen Badeort mit 8 km Sandstrand und einer ebensolangen Kulisse der Hotel- und Ferienwohnungsfassaden, reichten zur Regeneration.

Brücke La Boule
Loirebrücke von St. Nazaire Strandleben in La Boule

Zum Schluß Paris

Die Rückreise mußten wir in zwei Tagen durchführen, da die Züge mit Fahrradbeförderung keine bessere Verbindung zuließen [6]. Das Umsteigen in Nantes und Angers bis zur Übernachtung in Le Mans nutzten wir noch für kleine Stadtbesichtigungen. Übrigens ist die Fahrradbeförderung kostenlos (was auch auf dem Bahnsteig für den jeweiligen Zug ausgerufen wird) und die französischen Züge erreichen die Zielbahnhöfe meist früher als fahrplanmäßig, nie erlebten wir eine Verspätung.
Einmal davon abgesehen, daß es in Le Mans keinen Campingplatz gibt und jener im 12 km entfernten Spay nicht mehr existiert, was uns eine Übernachtung im privaten Garten bescherte, hatten wir noch sieben Stunden Aufenthalt in Paris.

Paris
Schwalbe vor dem Eiffelturm

Die Metropole im besten Freitagabendverkehr mit bepackten Fahrrädern zu erleben ist auf den ersten Blick keine verlockende Perspektive. Allerdings findet man auch hier Fahrradspuren entlang der Fahrbahn und rücksichtsvolle Autofahrer. Nicht genutzt haben wir die vor manchen Ampeln aufgeblasenen Fahrradwege. Mit einer vierspurigen Straße im Rücken braucht man dazu eine gehörige Portion Nervenstärke. Nach der Ankunft im Gare Montparnasse besuchten wir zunächst den Friedhof dieses Stadtteils mit den Gräbern von Jean Paul Sartre und Eugène Ionesco. Durch das Quartier Latin mit seinen prachtvollen Hausfassaden gelangt man zum Jardin du Luxembourg. Hier findet zur Zeit mit der Unterstützung des im Park ansässigen Senats eine Ausstellung mit Luftaufnahmen von Yann Arthus-Bertrand statt [7], [8]. Die am Parkzaun angebrachten großformatigen Fotografien mit französischem und englischem Begleittext sind während zehn Jahren entstanden und zeigen Details unseres Heimatplaneten in prachtvollen Bildern. Weiter an der Seine entlang zum Eiffelturm und an der anderen Uferseite zurück Richtung Gare de l´Est, unsere Endstation der Reise.

[1] Langlieger Typ 2D von Werner Stiffel, modifiziert
[2] Radfahrer-Hotline der Deutschen Bahn, Telefon: 0180 3/194 194, 0,12 DM pro 40 sec., Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa 8-12 Uhr, Dezember bis Februar Mo-Fr 8-16 Uhr
[3] http://bahn.hafas.de/bin/query.exe/dn
[4] http://www.ihpva.org/chapters/france/
[5] Rad- und Wanderführer Loire, abgeradelt und beschrieben von Reinhard Kuntzke, 2. korrigierte Auflage 1996, Deutscher Wanderverlag Dr. Mair & Schnabel & Co.
[6] Die Radler aus Köln schafften es dennoch in einem Tag, kamen dafür völlig abgehetzt auf dem Gare de L'Est in Paris an. Ihr allgemeines Rezept zu Auskünften der Bahn: Fünfmal bei verschiedenen Stellen anfragen und die beste Lösung nehmen.
[7] Bilder über die und von der Ausstellung gibt's im Internet unter http:// www.photoservice.com
[8] Yann Arthus-Bertrand, Die Erde von oben, 416 Seiten (2000) Frederking/Thaler, M.; ISBN: 3894054085, war leider vergriffen, eine Neuauflage gibt's im Oktober dieses Jahres

Reisezeit: zweite Augusthälfte 2000

Etappen und Campingplätze (Preise für zwei Personen mit Fahrrad und Zelt in Französischen Francs, Etappenlänge)

Orléans - Meung-sur-Loire FF 35,- 30 km
Meung-sur-Loire - Beaugency - Chambord - Les Noëls FF 90,- 52 km
(Camping "Lac de Loire")    
Les Noëls - Blois - Amboise FF 42,- 45 km
Amboise - Tours - St. Avertin FF 48,- 30 km
St. Avertin - Villandry - Azay-le-Ridau - Bréhémont   45 km
Bréhémont - Saumur - St. Hilaire-St. Florent FF 123,50     50 km
St. Hilaire-St. Florent - Gennes - Angers - Rochefort-sur-Loire     FF 40,- 70 km
Rochefort-sur-Loire - St- Florent - La Varenne FF 29,50 66 km
La Varenne - Nantes - Paimbœf FF 45,- 73 km
Paimbœf - St. Nazaire - Pornichet - La Baule FF 66,- 45 km

Ralf Wellmann