Human Powered Vehicles e.V.

hpv



Wasserwandern mit dem HPB in Südfrankreich

Das Katavelo auf dem Kanal des Königs

Tag 1, Dienstag 30/07/02
Erste Pannen

Argens-Minervois - Schleuse von St. Martin 20,9 km, 7 Schleusen
Titine serviert den Kaffee heiß, aber um halb neun ist es endlich soweit. Mit dem Drahtesel fahre ich in Cruscades ab, einem kleinen Dorf bei Lézignan-Corbières. Der Wind bläst mir kräftig ins Gesicht. Gute dreißig Minuten beanspruchen die 10 km, die mich von Argens- Minervois trennen. Aber sie sind genau das, was ich fürs Aufwärmen brauche.
Nachdem alles aufgebaut ist, die Ventile dicht und die Schwimmer nach dem dritten Versuch auch wirklich genügend aufgepumpt sind, setze ich das Katavelo ins Wasser. Bei aufblasbaren Booten habe ich immer die Befürchtung, zuviel Druck aufzubauen. Natürlich unvernünftigerweise. Es ist 10 Uhr.
Schon an der ersten Schleuse gibt es zwei gute Nachrichten für mich: für das Schleusen brauche ich nichts zu berappen und ich brauche nicht mit den anderen Booten zu warten. Die schlechte Nachricht: ich muß mit dem Katavelo die Schleusen umtragen. Die ersten zwei Tage kämpfe ich hart, bis ich endlich am Abend des zweiten Tages herausfinde, wie ich es zu tragen habe. Schade, daß die Schleusen kein kleines Wägelchen zur Verfügung stellen.

Umtragen
Umtragen einer Schleuse

Hinter der ersten Schleuse tauchen die ersten technischen Probleme auf: nach einigen Metern auf dem Canal du Midi pedaliere ich plötzlich ins Leere. Die Schraube dreht sich nicht mehr. Irgendwie muß sich bei der portage die Verbindung biegsame Welle – Antriebseinheit gelöst haben. Weil ich kein Ruder bei mir habe, bin ich auf den Wind angewiesen. Der pustet mich prompt ans Ufer, wo ich an der steilen Böschung auf dem Bauch liegend die Welle in die Antriebseinheit stecke. Einige Penichenkapitäne bieten mir ihre Hilfe an, aber ich komme schon klar.
Noch vor Homps bekommt das Hinterrad(!) einen Platten. Mit vielem habe ich gerechnet, aber damit? Glücklicherweise ist Emmanuel Hermès zur Stelle und leiht mir seine Fahrradpumpe. Er bittet mich, sie ihm in Homps wieder zu geben, wo er mit einem ausgebauten Sprinter steht. Ich komme dort gegen 13 uhr an und erwarte Noëlle, mit der ich vom Wasser aus telefoniert habe. Noëlle ist Journalistin beim L’INDEPENDANT und MIDI LIBRE, zweier Regionalzeitungen, die, abgesehen vom Mantel, so unterschiedlich sind wie eineiige Zwillinge. Sie läßt nicht lange auf sich warten und schießt einige Fotos. Sie ist nett, diese frau, immer in Eile und sie hört trotzdem zu. Ich habe den Eindruck, sie übt ihren Beruf mit Begeisterung aus, obwohl sie schon seit acht Jahren Rentnerin ist. Oder vielleicht gerade deswegen. Als ehemalige Sportlehrerin war sie sofort von meinem Vorhaben begeistert. Nachdem dieser Termin erledigt ist, kehre ich zu Emmanuel um, der mit seinem Bruder Dominik, seiner siebenjährigen Nichte Margot und seinem Neffen Titouan, der gerade mal vier ist, am Hafeneingang steht. Sie laden mich zum Essen ein, was ich gerne annehme. Sie fahren von Agde aus den Canal du Midi, der vor der Revolution Kanal des Königs genannt wurde, auf dem Treidelweg mit dem Rad entlang. Jeden Tag ein Stück von ungefähr 30 Kilometern, was für den kleinen Titouan eine enorme Strecke bedeutet.
Sie kommen aus dem Departement Loire (42). Die beiden Brüder fahren wettkampfmäßig MTB. Wir essen Melone, Hartwurst, Brot und Käse. Nach dem Kaffee verabschiede ich mich, denn ich habe noch den ganzen Weg vor mir.
Manchmal bläst mir der Wind dermaßen stark ins Gesicht, daß ich trotz Tretens quasi auf der Stelle bleibe. Ich bin in der Wahl meines Fahrweges stark eingeschränkt. - Eine Fahrstrategie muß her! Also entwickle ich mir eine. Solange der Wind dermaßen stark bläst, muß ich mich zuerst vor ihm schützen, dann suche ich den Schatten und wenn alle diese Bedingungen erfüllt sind, schneide ich die Kurven. Außerdem darf ich nicht vergessen, so viel im Wasser schwimmendes Zeug wie möglich zu umfahren, hauptsächlich Zweige, Blätter und Plastiktüten. Meistens bleibe ich auf meiner rechten Seite um mich vor den Windböen zu schützen. Der Schatten ist leider links.
Die Spaziergänger lächeln mir zu, grüßen mich, sprechen mich an, informieren mich, daß die Frankreichtour beendet ist und bitten mich immer wieder, die Funktionsweise dieser Maschine zu erklären.
Also, das ist ausgeklügelt, aber das Prinzip ist einfach. Das Pedal treibt die Kette, die Kette treibt das Hinterrad, das Rad treibt ein Reibrad, das Reibrad treibt eine biegsame Welle...
Wie beim Zahnarzt?
...genau, wie beim Zahnarzt. Diese Welle wird vorne in die Antriebseinheit gesteckt und treibt eine kleine, zweiblättrige Schraube.
Und das ist schnell genug?
Das Vergnügen ist entscheidend, nicht die Geschwindigkeit.
Ab 19 Uhr wird der Kanal ruhig, fast feierlich. Die Strahlen einer milden Sonne durchstoßen hie und da das dichte Dach aus Platanenblättern. Mir hat dieser ruhige Augenblick, wo ich nur die Vögel singen höre, immer gefallen. Aber das heißt nicht, daß ich es den ganzen Tag so wollte. Das wäre zu bedrückend.
Ich weiß, nichts kann mein Vorwärtskommen stoppen, da die geschlossenen Schleusen zwar für die Hausboote, jedoch nicht für mich ein wirkliches Hindernis sind. Dieses Gefühl der Unabhängigkeit tut mir sehr gut. Denn gleichzeitig ist mir klar, wie langsam ich bin und wie verletzlich gegenüber Wetter und Wind. Nicht mal ein Zelt habe ich dabei, falls es regnet, steh‘ ich auf dem Schlauch. Um 20 Uhr erreiche ich die St. Martin - Schleuse, vor der zwei Hausboote warten. Ein nettes Pärchen aus Australien hilft mir, mein Gefährt aus dem Wasser zu holen, was sich manchmal als ganz schön schwierig herausstellt. Mehr als einmal wäre ich schier ins Wasser gefallen. Anschließend tragen wir das Boot zusammen zum anderen Ende der Schleuse. Danke!
In der Zeit, in der ich Modifikationen am Gestänge vornehmen muß und zwei Anrufe entgegennehme, beginnt es zu regnen. Ich will nicht mehr weiter, außerdem ist es bald Nacht. Ich streiche also um die Schleuse herum und sehe einen kleinen Schuppen. Der Schleusner gestattet mir, darin zu schlafen. Ich bin nicht wenig erleichtert, heute nacht werde ich nicht naß. Der Regen hat übrigens wieder aufgehört. Das Katavelo bleibt auf dem Gras, nur die Antriebseinheit wird bei mir schlafen. Ich esse ein wenig Sauerteigbrot und ein Stück Hartwurst, aber ich habe keinen wirklichen Hunger. Bestimmt wegen der Bio Riegel, die mir mein Sponsor www.oasis-versand.de geliefert hat und die ich mir im Laufe des Tages mehr oder weniger regelmäßig zuführe, egal ob ich hungrig bin oder nicht. Der Schuppen ist vollgemüllt mit Tischen und Bänken. Ich schlafe auf dem Betonboden, den Kopf im Freien.

Tag 2, Mittwoch 31/07/02
Eingeladen

St. Martin-Schleuse – Carcassonne 29,4 km, 9 Schleusen
Die Sonnenstrahlen streicheln mich so lange, bis ich die Schnauze voll habe und mich aus dem Schlafsack schäle. 8 Uhr. Wegen der Vorbereitungen an Mensch und Maschine komme ich erst zwei Stunden später los. Gegen mittag bin ich in Marseillette, wo ich mich telefonisch mit Brigitte und ihrer Mutter verabredet habe. Sie verbringen ihre Ferien unweit von hier. Ein Treff am Kanal ist im Prinzip leicht zu finden, aber sie finden ihn anscheinend nicht, denn sie sind nirgends zu sehen.
Sie kommen total aufgelöst mit etwas Verspätung. Die Straße, die sie nehmen wollten, war wegen Arbeiten gesperrt. Brigitte schenkt mir eine Fahrradpumpe und Flicken, damit ich bei einem neuerlichen Platten gewappnet bin. Nachdem ich alles Eßbare im Auto verspeist habe, erweise ich den Frauen meine Reverenz. Brigitte schießt einige Bilder.
Nach einer Stunde auf einem stillen aber windigen Abschnitt des Wasserweges, fragt mich eine Frau von einem festgemachten Hausboot aus, ob ich Hunger habe.
Geht so, antworte ich und strample weiter.
Haben sie keinen Appetit auf Taboulé?
Es ist vollkommen überflüssig, mich zweimal zum Taboulé zu rufen, so scharf bin ich drauf.
Ich wende und vertäue mein Schwimmgerät an ihrem Schiff. Ich bin bei der Familie Dubois aus Montréal, Kanada zu Gast, die ihre Ferien mit Oma und Opa aus Grenoble verbringt. Während mir Besteck und frisches Wasser gebracht wird, stellen sie zahllose Fragen zum Katavelo. Ich erzähle ihnen von menschgetriebenen Fahrzeugen und Booten. Sie schauen mich mit großen Augen an, als ich darauf hinweise, daß es ein Landsmann von ihnen ist, der mit fast 130 km/h den Geschwindigkeitsweltrekord mit einem VPH inne hat. Mein Lieber, das ist immerhin die auf französischen Autobahnen erlaubte Höchstgeschwindigkeit!
Den Vater juckt es ordentlich, das Katavelo auszuprobieren und nach einigen Runden ist er hochzufrieden und klettert auf das Hausboot zurück. Nach einem guten schwarzen und süßen Kaffee und ein paar Fotos fürs Familienalbum verabschiede ich mich.

Familie Dubois
Zu Gast bei Familie Dubois

Vor Trèbes wartet eine dreistufige Schleuse, zu diesem Zeitpunkt der Schrecken schlechthin für mich. Glücklicherweise zerreißen sich fünf Frauen, um das Katavelo und das Gepäck zu tragen. So ist die Schleuse schnell überwunden. Ich bin sicher, sie sind stolz darauf, mir helfen zu können. Für ein paar Fotos muß ich noch schnell mit der einen oder anderen Dame posieren, dann sind alle gespannt, wie ich das Katavelo besteige und ich kann weiter in Richtung Carcassonne kanalen.
Auf einen Schlag wird das Pedalieren schwer. Ich weiß nicht warum. Vom Sattel aus kontrolliere ich den Druck des hinteren Reifens und das Reibrad, schau mir die biegsame Welle an. Nichts Besonderes. Irgendwie gelingt es mir, trockenen Fußes ans Ufer zu gelangen. Ich nehme die Antriebseinheit auseinander. Die Schraube hat eine Angelschnur und eine spezielle Plastiktasche eingewickelt. Der Zwischenfall verschafft mir eine Pause von einer halben Stunde.
Vier Schleusen warten noch auf mich, bevor ich im Hafen von Carcassonne bin. Bei der Fresquelschleuse komme ich auf die glorreiche Idee, mein Schwimmgerät auf dem Rücken zu tragen. Dank dieses genialen Einfalls trage ich es fürderhin auch lange Abschnitte, selbst drei oder vier Schleusenbecken auf einen Schlag und ich strenge mich weniger an. Mehrfachschleusen bringe ich jetzt trotz der in der Regel rasch anwachsenden Zahl Interessierter, denen ich gerne mein wunderliches Gefährt zeige, schneller hinter mich als die Hausboote.
Es ist schon nicht mehr richtig hell, als ich meine Nase in den Hafen von Carcassonne stecke. Noch bevor ich einen Poller finde, um das Katavelo festzumachen, fordert mich eine englische Familie auf, es an ihrem Schiff zu befestigen und lädt mich zum Essen ein. Nachdem das Amphibienrad fest ist, diskutiere ich noch eine ganze Weile mit vom Katavelo begeisterten Menschen. Dann suche ich mir ein Zimmer im nächstgelegenen Hotel. Es heißt Le Bristol, liegt direkt am Hafen und hat drei Sterne. Nach einer Nacht auf Beton ist ein wenig Komfort nicht unangenehm. Ich werde ihn bald genießen, jetzt aber muß ich zu den Englischen eilen.
Natalie, Sarah, Philipp und Jonathan warten schon auf mich mit einer reichhaltigen Käseplatte. Sie kommen aus London. Okay, den angebotenen Wein kann ich nicht trinken, aber es wird trotzdem ein lustiger Abend. Gegen Mitternacht trete ich den Heimweg an.
Auf der Hafenterrasse werde ich von quietschvergnügten Leuten abgefangen, die sich verzweifelt bemühen, die Überkapazität des hier erzeugten Rebensaftes etwas zu verringern. Sie kommen aus Köln, genauer gesagt aus Huert, da legen sie Wert drauf, weil das wegen irgendwelcher Container berühmt sei. Sie möchten ebenfalls nach Toulouse und zwar auf ihrem Hausboot und sie sind überzeugt, mich an einem der nächsten Tage zu überholen. Die Zukunft wird zeigen: zu unrecht. Schade, ein Fest weniger. Ich schlafe hervorragend.

Tag 3, Donnerstag, 01/08/02
Geentet

Carcassonne – Villepinte 27,9 km, 8 Schleusen
Es font um halb acht. Sie war ganz schön kurz, die Nacht. Ich schaue aus dem Fenster und bin sehr zufrieden, nicht im Freien geschlafen zu haben. Die Straße ist noch etwas naß. Ich habe mich gut erholt. Ich fühle mich total fit. Achtung! Heute werde ich ganz schrecklich zuschlagen.
Vorher will ich aber noch frühstücken. Schau’n mer mal was das Hotel für acht Euro bietet. Ich betrete den Frühstücksraum. Was sehe ich? Nichts als Japanerinnen und einige wenige Japaner. Wie sich’s gehört verbeuge ich mich und sage mit lauter und fester Stimme in annähernd perfektem Japanisch:
Ohaio godayimas, was guten Morgen heißt.
Der ganze Saal schaut mich verständnislos an, als ob ich ein Ochse wäre. Eine Frau fragt in perfektem Französisch was ich denn da gesagt hätte. Es sind alles Taiwanesinnen und sie schütten sich aus vor Lachen! So schafft man sich Freunde fürs Leben!
Nachdem das Frühstück, das nur die Hälfte wert war, beendet ist, hole ich mein Gefährt aus dem Wasser. Der Bus mit den Taiwanesinnen fährt ab und lachend winken sie mir alle zu. Ich schau’ auf einen Sprung in der Hafenkapitänerie vorbei, wo ich gratis einen Kanalführer bekomme. Zum ersten Mal sehe ich, wie viel Schleusen noch zwischen Toulouse und mir liegen. Aber nichts kann mich schrecken. Um halb 10 ist Abfahrt.
Ein Fisch greift einen Schwimmer an. Sind die Viecher blöd! Ich sehe zwei Wasserratten, eine im Wasser und eine an Land. Sogar Karnickel hopsen am Ufer rum. Oder sind es junge Hasen? Ja, ich denke es sind junge Hasen, denn sie haben einen weißen Rasierpinsel am Hintern. Wie an den anderen Tagen auch, unternimmt die Gattung der Enten einen Familienausflug. Irgendein Typ hat sein Fortbewegungsmittel, ein Flugzeug?, Speed Canard genannt. Die Wildenten auf dem Kanal kann er nicht im Hinterkopf gehabt haben. Täuscht mich der Eindruck, daß manche Fische ein Sonnenbad nehmen? Da der Wind fast ganz verschwunden ist, komme ich bequem, also mit gut vier Stundenkilometern, der rosa Stadt, wie Toulouse auch wegen seiner vielen Ziegelsteinbauten genannt wird, näher.
Vor der ersten Schleuse wartet das Ausflugsschiff, das vor fünf Minuten an mir vorbeigezogen ist, auf deren Öffnung. Die hübsche Reisebegleiterin ist sofort behilflich und zieht mir die Leine straff. Ich springe von meinem Katavelo und sitze inmitten duftender Pfefferminze. Ich bin von diesem Parfum begeistert und esse sofort ein Blatt. Als die Stewardeß das sieht, fragt sie mich, ob ich das Lieblingsgetränk von Hemingway kenne. Da ich passen muß, gibt sie mir das Rezept:

grob zerkleinerte Pfefferminzblätter
Zucker
etwas Rum
kalter Sprudel

Sie ist Kubanerin, was erklärt, warum sie den Rum promotet. Das Getränk heißt Mojito, aber ich kann es nicht aussprechen, denn das "j" ist im Spanischen eine Rota und ich trainiere noch, mitten im Wort zu rülpsen.
Jedesmal, wenn mich das Hausboot einer amerikanischen Familie überholt, fragt mich die Frau des Kapitäns, ob ich irgendetwas benötige und gibt mir gekühltes Mineralwasser. So verliert die Hitze ihre Schrecken.
Als ich wieder mal das Katavelo vor einer Schleuse aus dem Kanal ziehe, hält ein interessiertes Paar auf dem Rad. Wir unterhalten uns einen längeren Augenblick. Bevor sie ihren Weg fortsetzen, macht er noch ein Foto von mir. Ich trage das Gepäck dahin, wo ich den Radkat wieder ins nasse Element setze und ich kehre zurück, um das Katavelo zu holen. Auf der Erde finde ich eine Sonnenbrille. Ich nehme sie an mich und bereite mich darauf vor, mein Gefährt zu schultern, als ich den Mann, offensichtlich den Boden absuchend, langsam zurückfahren sehe. Ich winke ihm mit der Brille. Er ist froh und macht sich wieder auf den Weg zu seiner Frau, die langsam weitergefahren ist.
Zwei Schleusen weiter tauchen die beiden wieder auf und wir quatschen miteinander. Sie tragen mir das Gepäck die nächsten drei Schleusen. Sie fahren mit meiner Geschwindigkeit auf dem Treidelweg. So weiß ich, daß meine Reisegeschwindigkeit 4 km/h beträgt, wenn ich Gas gebe 6, womit ich von der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 8 gar nicht mehr weit entfernt bin. François fotografiert mich ein paar Mal und verspricht, mir die Bilder zu schicken. Seine Frau Colette notiert meine Adresse und sie fahren los.
Als der Kanal 1681 geflutet wurde, wurden die Kähne von Pferden gezogen. Heute beschädigen Schiffsschrauben und Wellengang die Ufer in erschreckender Weise. Die Platanenwurzeln können das Erdreich teils nicht mehr halten und es müssen Holzmauern als Unterspülschutz gebaut werden.

Kanalbrücke
Kanalbrücke von 1686

Eine Stunde später komme ich an einer Stelle vorbei, an der mehrere Hausboote an einem Steg liegen. Colette und François rufen mich und laden mich zum Abendessen ein. Es ist erst 19 Uhr und ich zöge es vor, noch weiter zu fahren, wenn mir die Lage nicht außerordentlich günstig erschiene. An dieser Stelle ist ein überdachter Schuppen, in den ich mich bei Regen zurückziehen könnte. So lasse ich mich von dieser Gelegenheit verführen.
Aus der Bretagne stammend, durchstreifen die beiden Südfrankreich mit ihrem Wohnwagen, einem Eriba Puck. In einem solchen Caravan habe ich mal eine Nacht im Schneesturm verbracht unterhalb des Col du Tourmalet. Da ich keine Heizung hatte, herrschten im Wohnwagen minus 25 Grad. Selbst mein Kater kroch zu mir in den molligen Schlafsack. Bei solchen Erinnerungen im Hochsommer kommt Freude auf.
Colette bereitet einen super Salat vor mit Thunfisch und Biogemüse aus dem eigenen Garten. Ich esse drei Teller davon. Für die Linsen habe ich keinen Hunger mehr. Sei’s drum! Wenigstens esse ich noch ein kleines stück Käse. Als Dessert hole ich die leckeren Bio-Energieriegel meines Sponsors raus.
Überall gibt es Stechmücken und ich habe nur einen Wunsch: mich in meinen Schlafsack einzuwickeln. Ich frage den Besitzer eines am Steg liegenden Bootes, ob es ihn stört, wenn ich neben seiner Peniche schlafe. Das ist nicht der Fall und hopp!, schon bin ich in Morpheus‘ Armen.

Tag 4, Freitag, 02/08/02
Gipfelsturm

Villepinte – La Méditerranée 20,7 km, 15 Schleusen
Die Nacht war erfrischend und offensichtlich stechmückenfrei. Als ich von meiner Morgentoilette zurückkehre, streckt David den Kopf aus seinem Hausboot.
Want some coffee?
Ah ja, das wäre großartig.
Er verschwindet, um einen Augenblick später mit zwei Tassen heißen Kaffees wieder aufzutauchen. Er will mir Geld geben, weil er meint, ich würde diese Fahrt machen, um Geld für eine karitative Vereinigung zu sammeln. Ich erkläre ihm, daß auf den Schwimmern die urls des Sponsors und des HPV-Frankreich stehen, außerdem zwei Aufkleber des HPV-Deutschland. David entwirft in kürzester Zeit einen Plan, wie ich mit dem Katavelo ne Menge Geld verdienen könnte. Er stammt aus Glasgow, und ich lasse zu seiner inzwischen vom Bäcker gekommenen Frau gewandt die Bemerkung fallen, daß er einen ausgeprägten Sinn für Humor habe. Ja, und wir müssen den Humor das ganze Jahr ertragen, antwortet sie. Da habe ich begriffen, daß ich es mit zwei extrem Schlagfertigen zu tun habe, die den halben Tag Intellektuellentennis spielen.
David bietet mir nochmal Kaffee, Brot und einen Pfirsich an. Aber ich kann nicht bleiben. Ich will von den Morgenstunden profitieren, wenn die Sonne noch weniger ihre Muskeln spielen läßt. Um acht Uhr hau ich in den Sack.
Eine Stunde darauf fährt David an mir vorbei. Vom Bootsführerstand auf dem Oberdeck wirft er mir lachend Brot zu. Ich bin eine Ente geworden.

Castelnaudary
Castelnaudary vom Wasser aus

Um 13 Uhr erreiche ich die vierstufige Schleuse von Castelnaudary. Drei Urlauberboote warten schon darauf, hochgeschleust zu werden. Von 12.30 Uhr bis 13.30 Uhr ist Mittagspause. Alle Schleusen stehen still. Ich fahre noch auf dem Kanal, als ein Bursche mich vom Boot aus anspricht und mich zum Essen bittet. Er wollte schon gestern abend mit mir sprechen, aber ich hatte angesichts der Zahl der Leute, die mich umringten, wohl etwas wenig Zeit.
Er ist Deutscher, einer, der hinter einem brummigen Ton seine Freundlichkeit versteckt. Er lebt in Lyon. Seine Frau schmiert mir Brote mit Leberwurst und Käse. Und sie serviert kühles Wasser und heissen Kaffee.Da sie ihr Hausboot in Castelnaudary zurückgeben werden, will sie mir schenken, was sie zuviel eingekauft hat und keinen Kühlschrank benötigt. Eine Flasche H-Milch, eine Dose Thunfisch in Öl, ein Paket mit Frühstückszwieback. Sie bietet mir noch mehr an, aber ich bin platz- und gewichtsmäßig beschränkt. Als die Schleuse öffnet, gehe ich von Bord und bereite mich darauf vor, das Gepäck zu tragen. Da kommt ein von zwei Frauen begleiteter Radfahrer: Guten Tag, sagt er, ich bin ein ehemaliger Ruderolympiasieger und ihren schwimmenden Untersatz mit dem Fahrrad halte ich für äußerst originell. Ich zeige ihm die Funktionsweise und er berichtet, weil wir über die Effizienz der Schraube, meine Reisegeschwindigkeit und den Wind sprechen, daß die Ruderer bis zu 12 Stundenkilometer fahren, daß aber im Rheingau der Gegenwind manchmal so stark gewesen sei, daß sie trotzdem nicht vorwärtskamen.
Ich fahre quer durch das große Bassin von Castelnaudary, der Hauptstadt des Cassoulet. Cassoulet ist ein kräftiger Eintopf mit weißen Bohnen und Gänse-, manchmal auch Entenfleisch sowie Schweinebauch und Würstchen.
Einige Hausboote schicken noch ein letztes Hornsignal, bevor ich unter der Brücke in Richtung Toulouse verschwinde. Auf Wiedersehen!
Ab Castelnaudary wird der Kanalverkehr merklich geringer. Das heißt nicht, daß man allein sei. Es gibt nicht wenig Spaziergänger, Jogger, Radfahrer. Ich bin oft gezwungen, meine Anstrengung zu unterbrechen und Auskunft zu geben über das Katavelo. Gegen diese Art von Zwang habe ich nichts einzuwenden. Hundert Meter hinter einer Schleuse werde ich gerufen.
Hallo Herbert!
Ich drehe mich um. Es sind Emmanuel und Dominik Hermès und die Kinder mit ihrem ausgebauten Lieferwagen. Diese Nacht möchten sie an der Schleuse verbringen, die ich soeben hinter mich gebracht habe. Wir sprechen noch ein wenig, dann widme ich mich wieder dem Kanal. Zwei Schleusen weiter kommt Emmanuel angejoggt und hilft mir auch die nächsten zwei Schleusen, das Gepäck zu schleppen. Das erspart mir viel Anstrengung und Zeit. Außerdem laden sie mich zum Essen ein. Und was ißt man in Castelnaudary? Richtig. Ein Cassoulet.
Diese Einladung würde ich liebend gerne annehmen, umso mehr, als ich schon ziemlich kaputt bin, aber ich widerstehe der Versuchung und setze meinen Weg fort. Meine Hände und Unterarme sind geschwollen. Ab und zu entlaste ich sie dadurch, daß ich die Leine um beide Lenkerenden schlinge und sie wie Zügel in der Hand halte. Dann reite ich auf dem Wasser wie der Ersatzmann von Bonanza.
Um 21 Uhr passiere ich die Schleuse La Méditerranée. Uff, ich bin auf dem Seuil de Naurouze, der Wasserscheide. Da ich nicht sicher bin, ob es mir gelingen wird, heute abend noch ein Hotel zu finden, frage ich die Schleusnerin, ob es hier irgendwo eine Wasserstelle gäbe. Sie füllt mir meine 2 Liter fassende Flasche. Ich werde eventuell im freien Feld übernachten. In diesem Fall ist es besser, seine Trinkwasservorräte aufgefüllt zu haben.
Um halb zehn bemerke ich ein Haus hinter dem Kanal. Ich gehe hin und frage, ob ich die Nacht im Garten verbringen darf. Ich treffe auf eine super Frau. Sie antwortet:
Was möchten Sie als Aperitif?
Ich sage ihr, daß mir ein Bier willkommen wäre und setze mich nach Aufforderung an den Gartentisch. Sie holt ein extrakaltes Bier. Außerdem stellt sie Pfeffer und Salz vor mich und einen Korb mit Tomaten.
Bedienen Sie sich, die kommen direkt aus dem Garten. Sie können sich hinlegen, wohin sie möchten.
Ich esse einige köstliche Tomaten und trinke das Bier aus, bevor ich das Katavelo entlade.
Mir klappen wegen der sedativen Wirkung des Hopfens fast die Augen zu. Nach kurzem Suchen finde ich ein geeignetes Plätzchen auf dem Rasen, esse noch ein wenig Brot und Hartwurst, schreibe ein paar Worte in mein Bordbuch. Es ist eine traumhafte Stelle, der Kanal liegt ruhig da in der Dämmerung, der Hund der Wirtin kommt von der Wasserrattenjagd zurück und quert den Wasserweg schwimmend. Mein Kanalführer sagt, daß ich trotz mehr als 13 Stunden auf dem Kanal nur 21 Kilometer vorangekommen bin. Kleiner Schock für die Nacht.

Heliumfrau
Im Garten der Heliumfrau

Ungefähr einen halben Kilometer entfernt befindet sich ein automatischer Bahnübergang. Mir fällt auf, daß die Vorwarnzeit umso länger ist, desto langsamer der Zug ist. Während ein Güterzug ungefähr 18 Sekunden nach dem Klingeln den Übergang erreicht, vergehen beim TGV, der hier allerdings nur mit gebremstem Schaum fährt, knappe zehn. Letztes Jahr bin ich einmal bei rotem Blinklicht aber noch offenen Schranken mit dem Rad über einen Übergang gefahren. Das werde ich nur noch tun, wenn ich lebensmüde bin.

Tag 5, Samstag, 03/08/02
Abschied von der Heliumfrau

Schleuse La Méditerranée – Schleuse Le Sanglier 27,6 km, 7 Schleusen
Ich stehe auf, belade das Katavelo und bedanke mich bei der Gastgeberin.
Kommen sie rein, trinken sie doch wenigstens einen Kaffee, bevor sie gehen. Sie stellt mir eine große Schale duftenden Kaffees vor die Nase.
Wissen Sie, ihr Boot hat mir sofort gefallen. Ich erfinde auch immer verrückte Dinger, wenn ich in meinem Garten bin. Einmal, ist noch gar nicht so lange her, hatte ich die Idee, daß die Alpinisten sich Helium in den Rucksack stecken, der oft 20 Kilo wiegt. Das ist ja wirklich zu schwer. Übrigens, haben sie eine Ahnung, wieviel Helium sie bräuchten? Für 20 Kilo brauchen sie 20 Kubikmeter.
Ja, klar. Man müßte es natürlich in eine kleine Flasche komprimieren.
Weil ich – vergeblich – versuche, die Geschirrspülmaschine in Gang zu setzen, komme ich erst um neun weg und meine Gastgeberin muß weiterhin von Hand spülen. An einigen Hausbooten fahre ich vorbei. Die Leute haben Ferien und schlafen aus.
Gestern abend war es unmöglich, zu telefonieren. Ich hatte keinen Empfang. Ab Port Lauragais empfange ich einwandfrei. Ab jetzt führt der Kanal parallel zur Autobahn. Mit der Ruhe ist Schluß. Die Vögel müssen schon aus voller Brust schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Und die Fliegen hören nicht mehr, wenn die Fische nach ihnen springen. Wurde schon mal untersucht, ob die Flossentiere in der Nähe einer Autobahn besser genährt sind als ihre Artgenossen in stillen Gefilden?
Es ist sehr heiß. Die Mitglieder eines Hausbootes tragen mir das Gepäck, wärend ich das Katavelo schleppe. Weil wir von der Sonne reden, sage ich ihnen, daß ich den Eindruck habe, mir den Nacken zu verbrennen. Sie schauen nach und bestätigen mein Gefühl. Zwei Minuten später hält mir ein Mann eine ganz neue Kappe einer großen ländlichen Bank entgegen, damit ich mit dem großen Schild meinen Nacken schützen kann.
Mehrere Male sehe ich Emmanuel und Dominik mit den Kindern. Emmanuel hat für das Rad von Titouan ein Kartonschild gefertigt, das sagt, daß und wann sie in Agde losgefahren sind. Das Härteste des Tages passiert mir an der Schleuse von Laval. Der – wahrscheinlich vom Warten auf ein Hausboot – offensichtlich überforderte Schleusner fragt nach meiner Erlaubnis, auf dem Kanal das Katavelo zu führen.
Die Hermès haben sich etwas weiter eingerichtet. Sie laden mich ein zu bleiben, aber ich möchte noch ein paar Kilometer zurücklegen. Dafür erhole ich mich für einen Moment bei ihnen und trinke eine kühle Cola.
Bei der nächsten Schleuse frage ich, ob es irgendwo eine Wasserstelle gibt. Die Schleusnerin verweist mich auf den Autobahnparkplatz, der nur zweihundert Meter entfernt ist. Ich gehe hin und fülle die Flasche. Als ich das Gepäck nehmen will, um es nach unterhalb der Schleuse zu tragen, kommt die Schleusnerin und fragt mich: Wo schlafen Sie heute nacht?
Keine Ahnung. Ich hoffe, ein Hotel zu finden.
Es gibt die nächsten 20 Kilometer keines am Kanal.
Na ja, dann weiß ich nicht, wo ich die Nacht verbringen werde.
Wenn Sie möchten, können Sie ihr Zelt in unserem Garten aufstellen. Schauen Sie, da, wo die zwei Autos stehen.
Ein Zelt habe ich nicht. Glauben Sie, daß es regnen wird?
Sie schaut den Himmel an, wo sich im Westen dunkle Wolkenberge auftürmen.
Nein, solange der Wind bläst, haben Sie nichts zu befürchten.
In der Nähe eines Autobahnparkplatzes zu schlafen, ist eine verführerische Gelegenheit. Es gibt Wasser im Überfluß, ich kann mich dort waschen, es gibt Toiletten, kurzum, man bietet den großen Komfort. Ich bin überzeugt.
Auf einen Zug trinke ich einen Liter milch aus, ich esse die Thunfischdose mit dem Sauerteigbrot, das noch übrig ist. Es regnet gerade mal fünf Tropfen. Das Leben ist beglückend für den, der nichts braucht.

Tag 6, Sonntag 04/08/02
Eingeschleust

Schleuse Le Sanglier – Toulouse Hauptbahnhof 25 km, 5 Schleusen
Um halb neun bin ich wieder im Kanal. Nur wenig Leute sind schon unterwegs. An der ersten Schleuse erkläre ich einem taubstummen Angler, wie mein Gefährt funktioniert. Er ist sehr freundlich und bietet mir eine Zigarette an, die ich ablehne. Er hat nur zwei Zähne im Mund. Wenigstens stört das seine Aussprache nicht.
Gegen mittag müssen die Franzosen, die mir das Käppi geschenkt haben, an einer Schleuse warten. Sie fordern mich auf, mit ihnen den Aperitif zu nehmen. Gerne folge ich. Sie haben eiskaltes Wasser und für ihren Pastis Tomate noch jede Menge Grenadine-Sirup.
Die große Überraschung kommt etwas später. Nachdem die Schleuse frei ist, kommt der Meister und fragt mich, ob ich die Schleuse mit den anderen Booten passieren möchte. Wissen sie, ich habe keine Erlaubnis.
Er lacht. Das habe ich mir schon gedacht.
Glauben Sie nicht, daß das etwas gefährlich ist?
Na ja, wenn es aufsteigend wäre, wäre es nicht vergleichbar, aber absteigend haben Sie nichts zu befürchten. Also, kommen Sie?
Gut einverstanden. Ich mach’s wegen des Fotos.

eingeschleust
eingeschleust

Ich fahre in die Schleuse. Mit Hilfe meines Seils drücke ich mich gegen ein anderes Boot. Die Tore schließen sich. Die Zuschauer werden immer zahlreicher. Nicht den kleinsten Strudel bemerke ich, während sich das Becken bis zum unteren Niveau leert. Ja, ich nutze sogar die Zeit, um mich einzucremen und um zu fotografieren. Nachdem der Pegel um schätzungsweise knapp zwei Meter gesunken ist, öffnen sich die unteren Tore. Ich werde gebeten, die Schleuse als Erster zu verlassen, damit ich von den Schrauben der Hausboote nicht gestört werde. Unter dem Beifall und den Ermunterungen der Zuschauer verlasse ich die Schleuse mit erhöhter Kadenz. Diese Drehzahl behalte ich noch zwei- dreihundert Meter bei, bis ich hinter der Kurve verschwunden bin. Zehn Minuten später erneut eine Schleuse. Direkt gegenüber eine Kneipe. Da werde ich mich auf die Terrasse setzen. Ich gehe an Land und will das Katavelo aus dem Wasser ziehen, als ich von der anderen Kanalkante gerufen werde. Ich steige also wieder auf den Sattel und quere den Wasserweg.
Möchten Sie mit uns essen? Wir grillen einen Hasen.
Okay, hört sich gut an.

Pat und Freddy
Bei Patricia und Freddy

Patricia und Freddy haben es sich am Ufer des Kanals unter dem Schatten zweier Platanen bequem gemacht. Sie wohnen hier und sie haben vor ihrem Haus im Kanal ein elf Meter langes Segelboot liegen, das Freddy allein gebaut hat und mit dem er auf den Antillen war. Aus ihrem Segler holen sie eisgekühlte Getränke, weil Freddy eine Elektroleitung von seinem Haus an den Liegeplatz gelegt hat.
Wir greifen den Salat an. Tomaten, grüne Bohnen plus Vinaigette. Freddy bringt seine neueste Züchtung. Zwiebeln, die ganz mild sind und die man wie Salat ißt. Patricia, nachdem sie davon gegessen hat, beginnt zu husten und zu tränen.
Freddy ist ein Perfektionist. Selbst sein Barbecuebesteck hat er selbst gefertigt. Die Gabel ist wie weiland bei Neptun ein Dreizack und alles ist selbstverständlich in überdimensioniertem Nirosta. Das hält mindestes 200 Jahre. Warum das so sein muß, habe ich nicht ganz verstanden. Er ist 50 Jahre alt und hat, wie er mir sagt, keine Kinder.
Zum Hasen gibt’s Folienkartoffeln, auf Wunsch mit Butter. Schmeckt vorzüglich. Die Kartoffeln sind nicht so fummelig zu schälen.
Freddy nimmt wegen seiner Cholesterinprobleme keine Fourme d’Ambert, die Patricia auf den Tisch stellt. Auch ich habe, genetisch bedingt, einen erhöhten Spiegel, aber noch mache ich mir keine gedanken. Patricia und ich vertilgen ein ordentliches Stück des Blauschimmelkäses.
Als Dessert gibt es frisch gepflückte, gelbe Pflaumen. Weil meine beiden Gastgeber nicht auf Kaffee stehen, können sie keinen anbieten, wofür sie sich zig-mal entschuldigen. Nichts auf dieser Welt ist perfekt.
Dann will ich den Segler sehen. Er hat einen Tiefgang von genau 1,50 m, das Maximum, um den Canal du Midi zu befahren, womit auch schon eine ungefähre Aussage darüber getroffen wird, wie groß jemand mindestens sein muß, um im Kanal stehen zu können.
Manchmal sitzt er auf, sagt Freddy.
Das Segelboot von Freddy ist ein großartiges Stück. Überall blitzt es vor Sauberkeit. Freddy hat wirklich an alles gedacht. Er zeigt mir, wie sein selbstkonstruierter Bügeltisch aufgestellt wird.
Wozu braucht man auf dem Meer einen Bügeltisch? frage ich.
Weißt du, für mich ist das nicht wichtig. Aber für die Frauen.
He, he, protestiert Patricia, wer von uns beiden meckert, wenn sein T-Shirt eine falsche Falte hat?
Nach mehr als zwei Stunden muß ich weiter. Sie geben mir noch eine Tasche Pflaumen mit und helfen mir, das Katavelo in sein Element zu setzen. Toulouse ich komme! Den Hafen von Ramonville und unzählige festgemachte Hausboote lasse ich links liegen. Plötzlich werde ich von einem Lastkahn gerufen:
Das gibt’s ja nicht Das ist ja super! Wow! Sag mal, hast Du schon gegessen?
Oh ja, danke schön.
Willst Du mit uns Kaffee trinken?
Ah ja,sehr gerne.
Dann komm!
Eine Leiter wird über den Schiffsrand gehängt. Dank ihr steige ich vom Katavelo mit ungeahnter Leichtigkeit. An Deck sitzen im Schatten der Platanen um einen großen Tisch in teak Winfried und seine Freunde.

Winfried und friends
Winfried und friends

Wir führen kaffeetrinkend eine kurze, aber interessante Diskussion über Boote, die Schnelligkeit muskelbetriebener Fahrzeuge und die Fließgeschwindigkeit der Rhône. Winfried, der im Bauch des Kahns verschwunden war, taucht mit einem Katalog auf, wo das Shuttle-Bike-Kit angeboten wird.
Ich schenke ihn Dir!
Nein danke, das Original reicht.
Winfrieds Frau taucht mit einem großen Erdbeerkuchen auf. Der Boden ist selbstgebacken und kein Supermarktbisquit, sondern aus Vollkorn. Weil ihr das Glück wenig hold ist, passiert ihr der Hausfrauen-Super-Gau: er zerfällt ein wenig beim Schneiden. Zum Glück gelingt es dem Pudding, das Backwerk annähernd in Form zu halten. Ich bekomme gleich die doppelte Portion. Er mundet köstlich, dieser Kuchen!
Nach einer halben Stunde spüre ich, trotz der angeregten Unterhaltung, die Ameisen im Hintern. Die ganze Bande ist traurig aber sie verstehen, daß ich weiter will.
Als ich den Hafen St. Sauveur durchfahre, gibt es immer wieder Leute, die mich mit Fragen bombardieren, auf die ich gerne eingehe. Noch einmal fange ich mir eine Plastiktüte, aber jetzt bin ich schon eingefahren. Ich brauche nur wenige Minuten, um die Schraube zu befreien.

rosa Toulouse
rosa Toulouse

Ich pedaliere unter der Pompidoubrücke, wo sie die neue Mediathek hinstellen, direkt bis vor den Hauptbahnhof. Dem Bürgermeister Douste-Blasy werden Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt. Da machen sich ein paar Denkmäler nicht schlecht. Ich ziehe mein Handy raus und rufe Rodolphe, den Regionalbeauftragten des VPH Frankreich, der mich wenig später abholt.
Bei ihm kann ich duschen. Er versorgt mich netterweise mit frischen Klamotten. Auf den ersten Blick hat er erkannt, daß ich ziemlich abgebrannt bin. Außerdem kann ich bei ihm übernachten.
Am nächsten Nachmittag fahre ich den umgekehrten Weg mit dem zug. Weil ich den TER, den Train Express Régional benutze, wird mein Fahrrad gratis befördert. Vom Eisenbahnfenster aus erkennne ich das Haus der Helium-Frau und noch einige andere markante Stellen. Kaum zwei Stunden braucht der Zug für die Strecke, auf der ich sechs mit Episoden prall gefüllte Tage erlebte.

TagAbfahrtUhrAnkunftUhrKmAktivstundenZahl der Schleusen
Dienstag Argens 10 h Schleuse St. Martin 21 h 20,9 11 7
Mittwoch Schleuse St. Martin 10 h Carcassonne 21.30 h 29,4 11,5 9
Donnerstag Carcassonne 9.30 h Villepinte 19.30 h 27,9 10 8
Freitag Villepinte 8 h 1 km nach Le Méditerranée 21.30 h 21,7 13,5 15
Samstag nach La Méditerranée 9 h Schleuse Le Sanglier 19 h 27,6 10 7
Sonntag Schleuse Le Sanglier 8.30 h Toulouse Gare Matabiau 18.30 h 25 10 5
        Summe152,56651

Für Interessierte hier noch 2 französische Zeitungsberichte des Midi Libre vom 1. August 2002 und vom 9. August 2002 .

Herbert Neher