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Mecklenburger Seenplatte (Tandemtour)

Mit dem RANS SCREAMER Liegeradtandem auf Tour

Dieses Jahr bot sich uns die Gelegenheit, eine Radtour der besonderen Art zu machen: Wir hatten für zehn Tage das RANS SCREAMER Liegeradtandem zur Verfügung, und nutzten es, um an die Mecklenburger Seenplatte zu fahren.

Tandem
los geht's

Fahrverhalten und Technik

Das Tandem besticht durch gute Fahreigenschaften, auch bei sehr hohen oder auch bei sehr langsamen Geschwindigkeiten (Man kann wunderbar Ampeln 'grünschleichen'). Diese Eigenschaften ändern sich kaum, wenn man es alleine fährt, nur fehlende Kraft und Gewicht des Stokers machen sich dann bemerkbar (schlechtere Traktion am Hinterrad, ist aber unkritisch). Die Eingewöhnungsphase als Tandemteam geht sehr schnell, hat man erstmal 10 km hinter sich, traut man sich auch schon an schwierigere Passagen heran. Etwas gewöhnungsbedürftig ist sicherlich für den Captain, daß bei engen Lenkeinschlägen das Vorderrad an die Ferse kommen kann, dies tritt aber nur sehr selten (beispielsweise beim rangieren) auf und läßt sich durch seitliches Wegdrehen des kurveninneren Fußes verhindern.
Die Konstruktion des Tandems ist sehr ordentlich und fällt durch viele gute Ideen auf. Der Rahmen bietet durch seine ausgeklügelte, entschlackte Geometrie auch ohne Hinterradfederung Captain und Stoker einen wunderbaren Komfort, der durch die bequem gepolsterten Rans-Spannsitze noch verbessert wird. Die Sitze lassen sich mittels Schnellspannern in weitem Bereich verstellen, so daß ein Wechsel der Rollen von Captain und Stoker ohne Probleme innerhalb von etwa 5 Minuten möglich ist.
Die Verarbeitung des ganzen Rades ist auf hohem Niveau, seien es die Schweißnähte, die umfangreiche Ausstattung mit Anlötteilen oder die ausschließliche Verwendung von Edelstahlschrauben.
Der Kettenstrang verdient ein besonderes Lob: Soviel Kette so sauber und leise zu führen ist schon eine Kunst. Die Führung der Kette mittels ausgedrehten, kugelgelagerten Skateboardrollen (teilweise axial schwimmend) sowie der weitgehende Verzicht auf Kettenschutz tragen sicherlich ihren Teil dazu bei. Der fehlende Kettenschutz ist manchmal allerdings auch störend, da man sich recht leicht mit Kettenfett 'einsaut'. Ein Kettenschutz ist ab Händler zwar erhältlich, bringt dann aber natürlicherweise neue Störquellen und eventuell mehr Geräusch mit sich.
Der Lenker beherbergt alle Bedienelemente übersichtlich auf kleinen Raum, der Klappmechanismus mit individuell einstellbarem Endanschlag ist zum Auf- und Absteigen sehr praktisch, beim Fahren merkt man von der Klappeigenschaft nichts, da man unbewußt immer dazu neigt, leicht am Lenker zu ziehen. Nur beim Schieben des Rades sollte man nicht vergessen, daß er wegklappt, da einem dann das Rad wegkippen kann, geschoben wird das Liegetandem am Sitz des Captains. Die weitere Ausstattunung des Tandem ist tadellos und funktioniert einwandfrei, sei es die Tandemkurbelgarnitur von Shimano oder die 20-Zoll-Federgabel mit Formula Scheibenbremse.
Am Hinterrad verrichten eine Magura HS 22 Felgenbremse und eine Arai Trommelbremse gute Dienste, wobei die vom Stoker bediente Trommelbremse wegen der Scheibenbremse vorne fast nie gebraucht wird, sie dient nur als Standbremse und erfüllt in dieser Hinsicht ihrem Job perfekt, indem sie einen Ständer mehr als gut ersetzt. Auch die Laufräder machen einen vertrauenswürdigen Eindruck, Edco-Naben und Sun-Rhyno-Felgen lassen keinen Zweifel an ihrern Stabilität aufkommen und sind in Verbindung mit den jeweils 100 PSI vertragenden Reifen sicherlich die erste Wahl.

Transport mit der Bahn

Damit es überhaupt losgehen konnte, mußte Thomas mit dem Rad von Stuttgart nach Leipzig fahren, denn dort wartete die zweite Hälfte des Tandemgespannes. Die Bahn übernahm für diesen Streckenabschitt den Transport, was unerwarteterweise auch sehr gut ging. Allerdings ist es mit einem Liegeradtandem unmöglich, um den doppelten Fahrpreis für Fahrräder herumzukommen, was ja bei Einzelliegerädern oftmals noch der Fall ist.
Auch das Tragen des Rades war ob des für Liegetandems sehr geringen Gewichts von ca. 24 kg und der kompakten Bauweise kein Problem. Selbst die engen Radabteile der Interregiozüge waren ohne Hilfe gut zu bewältigen. Wenn man das Rad alleine trägt, ist das Verschmutzen der Kleidung durch die Ketten fast nicht vermeidbar, besonders beim Hochtragen an Treppen.
Probleme seitens der Bahn gab es nur auf der Rückfahrt, als der Zugchef des Intercitys meinte, solche Räder würden mit dem IC nicht transportiert, im IC würden nur normale Fahrräder mitgenommen und es müßten ja 50 cm Fluchtweg freibleiben,... Nach einer etwas heftigeren Diskussion hat er das Rad aber dann doch glücklicherweise mitfahren lassen, immer mit der Drohung, einen rauszuwerfen, falls noch mehr Normalräder kämen und es zu eng würde.

Auf Tour

In Leipzig angekommen, waren die ersten Meter vom Bahnhof ab ziemlich wackelig, da wir als Tandemteam noch nicht eingespielt waren. Aber bereits am nächsten Morgen war dieses Wackeln schnell weg und die 90 Kilometer bis zum ersten Etappenziel Wittenberg vergingen schnell und ohne Probleme. Genauso einfach wie die erste Etappe war auch der Gepäcktransport: An den polierten Edelstahlgepäckträger lassen sich vier Ortliebtaschen gut zugänglich verstauen, so daß jeder von uns mit zwei großen Taschen mehr als genug Packraum hatte. Da wir nur in Jugendherbergen übernachtet haben, hatten wir von vornherein nur Bettzeug und keine Isomatte samt Schlafsack dabei.
Unsere Tour führte dann von Wittenberg weiter nach Potsdam. Kurz vor der Ankunft in Potsdam hatte wir vorne leider einen kaputten Schlauch, die Suche nach einem 20-Zoll-Schlauch mit französischem Ventil erwies sich dann aber einfacher als erwartet, der fünfte Laden hatte glücklicherweise einen... Von Potsdam aus fuhren wir dann ins "Herz" der Mecklenburger Seenplatte nach Prebelow/Zechlinerhütte. Von dort haben wir dann in den nächsten Tagen eine große Runde durch die landschaftlich sehr interessante Seenplatte gestartet, wobei wir uns beim Lenken im 3-Tagesrhythmus abgewechselt haben. Die einzelnen Ziele der Runde waren dabei die DJHs (die alle empfehlenswert sind) in Malchow, Dahmen (bei Malchin), Burg Stargard und zum Schluß wieder in Prebelow.
Die Tagesetappen waren im Durchschnitt immer 80 bis 100km lang, bei Schnitten um 20km/h war man dann nach 5 Stunden gemütlichen Fahrens, unterbrochen durch einige Besichtigungen wie beispielweise das Schloß in Basedow oder die Ivenacker Eichen, am gewünschten Ziel.
Die Mecklenburger Seenplatte hat aber auch einige Tücken: Man sollte sich durch den Namen nicht beirren lassen, von Platte kann nicht die Rede sein. Besonders am Malchiner Becken machten uns die vielen kleinen Hügel zu schaffen, da man trotz der leicht gewellten Landschaft immer das Gefühl hatte, nur hochzufahren.
Ein weiteres Problem waren die Straßen: Sobald man sich von Bundes- oder Landesstraßen entfernte, war sehr schnell Kopfsteinpflaster oder noch eher Sandpiste üblich, was eine Fahrt auf diesen Wegen selbst für Mountainbiker unmöglich macht. Aber auch die Bundesstraßen sind nicht alle empfehlenswert, da sie teilweise wegen sehr hohem Verkehrsaufkommen mit vielen LKWs auf Dauer unangenehm sind, für kleine Stücke als Verbindung zwischen zwei Landesstraßen sind sie allerdings allemal gut, zumal viele mittlerweile einen brauchbaren Radweg aufweisen. Daher sollte man sich unbedingt ein Karte besorgen, die die Straßentypen kennzeichnet, wir sind mit einer billigen Autokarte wunderbar zurechtgekommen, zusätzlich hatten wir noch die Deutschlandkarte des Jugendherbergswerkes als Herbergsverzeichnis dabei.

Dagmar Syldath & Thomas Drösser

Bildergalerie

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Umfangreiche Tourdaten und Hinweise zum Fahrzeug finden sich unter www.hpv.org/infobull/ oder können bei der Redaktion angefordert werden (für Internet-lose).

Tourdaten zum Artikel „Mit dem RANS SCREAMER Liegeradtandem auf Tour“ im InfoBull 90

Tourdaten für Interessierte, sowohl Strecke als auch Jugendherbergen.

Bei Jugendherbergen sollte man spätestens am Morgen des Ankunftstages mal anrufen, ob noch ein Platz frei ist, bei fester Tourplanung empfiehlt s ich eine Anmeldung im Vorhinein:
(Achtung: In Leipzig und in Potsdam waren wir nicht in Jugendherbergen, daher keine Infos über Jugendherbergen dort. Die Leipziger war aber dem Augenschein nach nicht besonders toll, es sei denn, man möchte weit außerhalb im Plattenbau wohnen.)

1. Leipzig - Wittenberg, ca. 90km:
Ab HBF Leipzig Richung neue Messe aus der Stadt raus, Podelwitz, Kletzen, Mocherwitz, Hohenroda, Brinnis, Reiblitz, Löbnitz, Pouch, ab dort B100 bis Eutsch, dann B2 bis Wittenberg.

2. Wittenberg - Potsdam, ca. 90km:
Ganz einfach: B 2 bis Potsdam, wird erst kurz vor Potsdam vielbefahren, dann gibt es aber Radwege.

3. Potsdam - Prebelow, ca. 125km: Ab Schloß Sanssoucci B273 über Nauen bis Kremmen, dann weiter über Sommerfeld, Beetz, Herzberg, sehr kurz B167, weiter nach Schönberg, Lindow(Mark), Dierberg, Rheinsberg, Zechlinerhütte, Prebelow.

4. Prebelow - Malchow, ca 85km:
Direkt nach Mecklenburg-Vorpommern rein bis Canow, weiter über Wustrow und Wesenberg bis zur B198, diese über Mirow und Vietzen an der kleinen Müritz, 4km später rechts ab Richtung Röbel, weiter bis Sietow zur B192, diese dann bis Malchow. Die B192 ist im Gegensatz zur B198 nicht sehr schön, viel LKW-Verkehr. Brauchbar aussehende Ausweichrouten haben wir aber nicht gefunden.

4a. Malchow - Lenz - Malchow, ca. 20km:
Abends sind wir dann bei Lenz noch eine Runde im Plauer See geschwimmen, die Fahrt dorthin war sehr schön (war ja auch ohne Gepäck). Wenn man nicht so weit fahren will, kann man natürlich auch in Malchow im Malchower See schwimmen, aber der Strand in Lenz ist uns empfohlen worden und war auch wirklich schön.

5. Malchow - Dahmen, ca. 35km:
Aus Malchow raus Richtung Nossentiner Hütte und auch bis dorthin, weiter nach Cramon, Vollrathsruhe, Kirchgrubenhagen (Kopfsteinpflaster), dort sollte man sich ruhig die Dorfkirche ansehen, Dahmen. Der Erholungstag war nicht ganz so erholsam wie gedacht, ab Vollrathsruhe wird es richtig hügelig, dagegen waren die "Bodenwellen" der vorherigen Tage harmlos.

5a. Dahmen - Malchin - Dahmen, ca. 30km:
Ab Dahmen ging es bis Malchin nur geradeaus - und hoch und 'runter. Ist aber als Abendausflug gut geeignet. Die Dame in der Stadtinformation war sehr nett und hilfreich. Sehr schöne Stadt.

6. Dahmen - Burg Stargard, ca 95 km:
Es geht los mit bekannter Strecke, Richtung Malchin, unterwegs mal einen kurzen Abstecher zum Schloß in Basedow. Ab Malchin dann die B104 bis Reuterstadt Stavenhagen. Leider wieder mal eine der volleren Bundesstraßen, Ausweichrouten könnten sinnvoll sein. Dann weiter nach Klockow bis Ivenack, dort die berühmten 1000jährigen Eichen ansehen. Weiter läuft es ruhig über Zwiedorf, Japzow, Trostfelde bis Altentreptow. Dort dann aber nicht auf die Bundesstraße bis Neubrandenburg, sondern parallel dazu über Klein- und Groß-Teetzleben, Woggersin und Broda die hügelige, aber ruhige Alternative. Dann durch Neubrandenburg: Zuerst an der B104 in den Ort hinein, entlang des vierspurigen "Kreisverkehrs" und an der B96 Richtung Berlin raus. Vor Bargensdorf dann runter von der B96 nach Burg Stargard.
Neubrandenburg ist verkehrsmäßig ziemlich grauenhaft (6 Bundesstraßen im Umfeld) und hat auch als Stadt nur wenig zu bieten, bei einer weiteren Tour durch die Seenplatte würden wir es sicherlich meiden.

7. Burg Stargard - Prebelow, ca 95km:
Sehr schöne Etappe, nur ruhige Straßen! Los gehts natürlich nicht Richtung Neubrandenburg, sondern über Teschenfeld, Quadenschönfeld nach Stolpe, dort kurz B198 bis Möllenbeck und direkt weiter nach Feldberg über Weitendorf. Ab Feldberg wird es wieder etwas hügeliger, dafür aber landschaftlich sehr schön über Lüttenhagen, Triepkendorf, Beenz nach Lychen (sehr schön an drei Seen gelegen) und dann weiter nach Fürstenberg. Wer will, kann sich dort die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Ravensbrück ansehen. Ab Fürstenberg folgt man dann der Tonstraße über Neuglobsow, Menz bis Rheinsberg und von dort wieder bis Prebelow. Ab Rheinsberg fährt dann eine Bahnlinie Richtung Berlin.

Daten zum gefahrenen Rad:

Rans Screamer Liegeradtandem, Rahmen aus 4130 CroMo Stahl, pulverbeschichtet,
VR 406 ETRTO HR 559 ETRTO, Gewicht je nach Ausstattung ca. 24kg
Radstand ca. 190cm
Sitzhöhe ca. 65cm (Captain) bzw. 60cm (Stoker)
Relativ aufrechte Sitzposition,
Spannsitze mit Schnellverstellung per Schnellspanner,
Frontgefedert über Shockworks Gabel 1 1/8 Zoll,
Rans-Klappobenlenker mit verstellbarem Endanschlag
Shimano Tandemkurbeln,
Naben Edco
Bremsen: Formula Scheibe am VR
Magura HS 22 und Arai Trommelbremse am HR.