Human Powered Vehicles e.V.

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Mit dem Velomobil nach Braunfels an der Lahn

Das Velomobil: Ein ideales Tourenfahrzeug

Karfreitag 2000: Ich verstaue meine sich allmählich deutlicher meldende Hüftarthrose in meiner LEITRA, an der ich Tags zuvor noch die Klingel vom Lenkgriff nach vorn in den Lüftungskanal verlegt habe. Dadurch sind meine Warnzeichen für zu überholender Radfahrer oder Fußgänger aus größerer Entfernung hörbar. Langsam rolle ich mich bei gutem Wetter ein. Es soll nach Braunfels an der Lahn gehen.

Bis Eppstein habe ich noch Zeit darüber nachzudenken, ob ich den Weg durch den "Goldenen Grund" über Bad Camberg wählen oder über Königstein hinauf zum "Roten Kreuz" (670 m) fahren soll, um von dort aus das Weiltal vor mir zu haben und für den langen Anstieg entschädigt zu werden. Entscheidend für die Wahl der zweiten Möglichkeit ist die sich dadurch bietende Möglichkeit, mal wieder einen Kurzbesuch bei einem langjährigen Kollegen von der FH Wiesbaden machen zu können, der schon einige Jahre seinen Ruhestand in Schmitten/Ts. genießt.

Die Autofahrer sind sonntäglich gestimmt und dementsprechend geduldig. Die Blicke, mit denen sie meine LEITRA im Vorbeifahren streifen, sind eher mitleidig, besonders an den Steilstrecken, wo meine Geschwindigkeit auf Werte absinkt, die ich hier besser nicht veröffentliche.

Am "Roten Kreuz" im Taunus

Am "Roten Kreuz" lege ich eine kurze Pause ein und vertrete mir die Beine, bevor es hinab ins Weiltal geht. Der geplante Kurzbesuch wird gemacht. Mein Kollege hat früher in unserem Maschinenbau-Studienschwerpunkt Kraftfahrzeugtechnik die Fächer Verbrennungsmotoren und Fahrmechanik gelehrt und sein Verständnis für jemanden, der nicht mit einem Auto nach Schmitten anreist, ist mehr oder weniger gleich Null. Aber er kennt mich zu lange, als daß ihm noch irgendwelche originellen Bemerkungen zu unserer unterschiedlichen Anschauung über Mobilität einfallen würden.

Danach genieße ich Frühling pur und ohne Schweiß. In den Wiesen blühen Löwenzahn und Wiesenschaumkraut, an den Waldrändern ziehen sich die weißen Bänder der Schlehenhecken entlang, der Wald beginnt grün zu werden. Einzelne Wildkirschbäume bringen weiße Tupfer hinein. Es ist herrlich, ohne Anstrengung, bei mehr oder weniger leichtem Gefälle das 40 Kilometer lange gewundene Weiltal hinunter zu fahren. Kurze Pause vor Weilburg an der Lahn an einem Gasthof, wo die üblichen Fragen gestellt werden: "Wie schnell...?", "Wie teuer...?", "Darf man mit so etwas überhaupt...?" und bei mir wegen eines Solarmoduls zum Antrieb eines Lüftungsventilators die Sonderbemerkung "Aha, Solarantrieb!". Die Antworten sind Routine und werden in Form und Inhalt auf die jeweilige Fragerin oder den jeweiligen Frager abgestimmt.

Auf dem gut ausgebauten Lahn-Radwanderweg zwischen Weilburg und Löhnberg herrscht ein Mordsbetrieb. Als Freizeit- und Sportgerät ist das Fahrrad uns Deutschen inzwischen ans Herz gewachsen, als Verkehrsmittel an den meisten Orten allerdings noch höchst unterrepräsentiert. Dank meiner weithin hörbaren Klingel brauche ich beim Überholen niemanden zu erschrecken und komme zügig voran.

Eigentlich wollte ich bis Leun fahren, von wo eine gemächlich ansteigende Straße in ein Seitental der Lahn bis unterhalb von Braunfels führt. Aber dann sticht mich doch der Hafer, als in Stockhausen vor mir ein Radfahrer in Richtung Tiefenbach abbiegt. Wahrscheinlich will er nur bis zu diesem Ort fahren und ich erhalte Gelegenheit ihm zu zeigen, daß ich ihm locker folgen kann. Aber ich habe Pech. Der Bursche will offensichtlich auch nach Braunfels und straft meinen Übermut, denn an einem 10%-Berg zwischen Tiefenbach und Braunfels läßt er mich in Schweiß baden und hängt mich ab.

In Braunfels gibt es ein hervorragendes Eiscafé. Leider liegt es oben auf dem Berg direkt unterhalb der Burg. Also noch einmal sehr steil hinauf, wobei ich mir eine kurze Schiebepassage gönne, dort, wo keine Häuser an der Straße stehen und ich (schiebend!) keine rechtfertigenden Antworten zu geben brauche. Oben die große Entspannung bei einem Eis "Pfirsich Melba" und anschließend die kurze Abfahrt hinab zu meinem Ziel, wo ich so frisch ankomme, wie es sich für einen anständigen LEITRA-Fahrer gehört. 105 km und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 17,8 km/h zeigt der Bordcomputer an. Den Bergen müssen halt "Geschwindigkeitsopfer" gebracht werden. "Am Ostermontag herrscht echtes "LEITRA-Wetter": Regen, Wind und deutlich tiefere Temperatur als bei der Herfahrt. Jetzt weiß man wieder, warum man ein Velomobil hat. Mit der Route über Laubuseschbach und Bad Camberg habe ich mich für die durchschnittlich flachste Verbindung zum Ausgangspunkt meiner Tour entschieden. Nur zwei kurze Steilstücke mit jeweils 13% sind zu überwinden. An einer solchen Stelle ist mir im vergangenen Jahr die Hinterachse meiner Orbit-Nabe am Schaltkeilschlitz gebrochen und ich mußte meine LEITRA einen Tag lang bei einem freundlichen Hausbesitzer abstellen, um mir zu Haus eine Ersatzachse zu holen. Jetzt ist das Bergfahren deutlich angenehmer geworden. Die Stufung meines 14-Gang-Getriebes von Rohloff ist optimal und die Entfaltung mit 1,75 m bis 9,2 m läßt keine Wünsche offen. Schalten im Stand durch alle Gänge hindurch ist kein Problem und die Bedienung des Drehgriffs leicht, nachdem ich ihn vom rechten auf den linken Lenkgriff verlegt habe und der Bowdenzug hierdurch verkürzt werden konnte.

Zu Hause wird der Computer wieder befragt. 87 km mit 19,8 km/h. Ist das nun verbesserte Kondition oder weniger Berg. Die nächsten Touren werden es zeigen.

Jürgen Eick
D-65428 Rüsselsheim