Human Powered Vehicles e.V.

hpv



Nord-Süd-Passage

Deutschland - oder vom 55. zum 47,5-ten

Die eigene Stadt kennt man, das eigene Bundesland auch noch, aber nicht viel besser als Italien, dem liebsten Urlaubsziel der Süddeutschen. Doch wer kennt schon sein eigenes Land? Ja, einige große Städte kennt man, vielleicht noch die Gegend von Verwandten und Bekannten, aber mehr?

Inzwischen können wir diese Frage mit ja beantworten: Eine Radtour vom nördlichsten Punkt Deutschlands zum südlichsten (vom 55. bis zum 47,5-ten nördlichen Breitengrad) liegt hinter uns. Wir, das sind Anton Bachmeier, Frührentner und im ADFC Landesvorstand Bayern tätig, mit einem tourentauglichem MTB und Korbinian Sturm, 16- jähriger Schüler, mit dem Liegerad V-2oo (ich selbst).

Im Nachtzug nach Hamburg steigen Ungewissheit und Zweifel in mir hoch: "Kann ich das, beinahe 1500 km auf dem Fahrrad zurücklegen, in nur 11 Tagen? Abwarten oder besser einschlafen heißt es jetzt erst einmal im Schlafwagen nach Hamburg. Von dort geht es mit dem Deichgraf auf Sylt, unserm Ausgangspunkt. Sylt ist eine wunderschöne Insel, sie wäre vielleicht sogar die schönste Deutschlands, wenn sie nicht von einer Autolawine heimgesucht würde. Westerland, der größte Ort auf Sylt und unser Endbahnhof ist eingeschlossen von Autos! Urlaubsstimmung geht da im Verkehrsgewühl unter. Wir fahren mit den Rädern noch bis zum nördlichsten Punkt auf Sylt und gönnen uns einen Sprung ins bitterkalte aber erfrischende Wasser.

Start am nördlichsten Punkt Deutschlands
Offizieller Start am nördlichsten Punkt Deutschlands auf Sylt

Ein Belegfoto wird noch gemacht und unsere Deutschlandtour geht offiziell los. Dünen, teils bewachsen teils unbewachsen und dunkelrot blühender Bodenbewuchs ziehen an uns vorbei. So könnte es ruhig weitergehen, doch in Westerland müssen wir wieder in den Zug, um von Sylt auf das Festland zu kommen (nur ein Damm auf dem die DB mit Zügen und Autozügen fährt, verbindet die Insel mit dem Festland). Von Klanxbüll fahren wir mit nordfriesischem Rückenwind über Dagebüll vorbei an sicherlich mehrereren hundert Windrädern zur Stromerzeugung und großen Bauernhöfen mit charakteristischen hellgrünen Dächern nach Husum, unserer ersten Übernachtung.

Rast am Wattenmeer in Dagebüll
Rast am Wattenmeer an einem Badestrand in Dagebüll
Gute Laune per Rückspiegel
Gute Laune per Rückspiegel übermittelt

Die Landschaft meint man, ändere sich nicht: Windräder und große Bauernhöfe mit grünen Dächern prägen immer noch die Landschaft, doch Viehweiden und grasende Schafe werden immer mehr von Feldern und Äckern abgelöst. Mal führt der Radweg auf dem Damm, mal weiter im Landesinnern und mal durch verschlafene Dörfer mit Backsteinhäusern. Interessanterweise findet sich in diesen kleinen Dörfern nirgends ein Gartenzaun. Dies ist erst ungewohnt, doch später wesentlich einladender als unsere, man möchte sagen "Gartenzauntradition" in Bayern. Bei Brunsbüttl nehmen wir die Fähre über die Elbe nach Cuxhafen, einer Stadt mit richtig alten Prunkvillen. Weiter geht es über den Wolfsberg, den wir als Vorübung betrachten für die Fahrt durch die Voralpenregion. Leider ist er jedoch nur 20 m hoch, obwohl er Berg heißt und der höchste bis Bremen ist!

Kuh und Radfahrer
Was gibt es zu sagen? Kuh und Radfahrer in Schleswig-Holstein
Bremer Stadtmusikanten
In Bremen wurden die Bremer Stadtmusikanten erweitert

In Spika nächtigen wir, um am nächsten Tag entlang der Weser über Bremerhaven nach Bremen zu kommen. Einmal müssen wir die Weser mit einer Fähre überqueren, die sich durch ihren einzigartigen Preis in meinem Gedächtnis festgesetzt hat. Der Fährmann verlangte 60 Pfennige je Person und je Fahrrad, man bedenke, wir sind in Deutschland!

In Bremen ist die ADFC-Geschäftsstelle Deutschland. Hier wird die Zeitschrift RadWelt gemacht. Für mich war jedoch das Archiv interessanter, denn dort sind neben Büchern vor allem Zeitschriften, viele deutsche und deutschsprachige, aber auch welche aus Grossbritannien und Übersee. Da selbst liegeradlerspezifische Informationen in Hülle und Fülle zu finden sind, ist es ein Besuch wert.

Von Bremen fahren wir weiter Richtung Hannover, wobei wir ein Stück mit dem Zug fahren, da wir in Hannover noch einen Liegeradladen, namens Räderwerk, besuchen wollen. Zu meinem Erstaunen hat dieser ein Fahrrad namens Snake-Bike. Diese Fahrrad ist eigentlich ein Normalo, doch ist die Lenkstange unbeweglich. Dafür besitzt es ein Knickgelenk zwischen Vorderrad und Tretlager, man stelle sich einfach einen zweirädrigen Radlader vor! Ich hatte selbst den Spass, dieses Fahrrad zu dressieren. Man kommt sich irgendwie wie ein kleines Kind vor. Doch wir müssen schon bald weiter, um die Unterkunft in Hildesheim zu erreichen. Doch die Beschilderungstechnik ist zum Verzweifeln. Glücklicherweise begleitet uns eine ortskundige Radfahrerin aus Hannover heraus, so dass wir vor Einbruch der Nacht noch ankommen. Von Hildesheim steht uns die Fahrt nach Göttingen bevor. Der Radweg dorthin hat eine Besonderheit: er wird zwischen 2 Gleiskörpern geführt. Links fahren die ICE's und rechts die Nahverkehrszüge. Ab Freden können wir an der Leine fahren, einem klaren, kleinen Bach, der in die Weser mündet.

Ende des Geschwindigkeitsrausches
Da ist dem Geschwindigkeitsrausch ein Ende gesetzt

In Göttingen genießen wir die Innenstadt, essen Eis und wundern uns, was die Studentenstadt fertigbringt: Neben einem Fahrradparkhaus mit Servicestation am Bahnhof gibt es gut geführte und durchgehende Radwege. Hier in Göttingen trennen wir uns, denn ich werde mit dem Zug vorausfahren und mir 2 Tage Ruhe bei Freunden gönnen und mein Begleiter wird durchfahren, da er im nächsten Sommer diese Radtour vielleicht anbieten möchte. Erst in Neresheim treffen wir uns wieder, einem Ort mit einer Abteikirche die vom Herrn auf dem Fünfzigmarkschein - Balthasar Neumann - gebaut wurde. Selbst eine Kulturbanause wundert sich über die Genauigkeit und räumliche Darstellung der Kuppelgemälde. Wir radeln nach Ulm, umkreisen das Ulmer Münster, stärken uns und fahren weiter nach Donaustetten.

Die Radtour geht ihrem Ende zu, heute ist schon der vorletzte Tag! Es wird merklich hügelig, verständlich wir nähern uns Kempten. Plötzlich schrecke ich auf, was ist das für eine Getreidesorte neben mir? Wir halten an. Und erkennen nichts besseres als Hanf! Dieses Angebot nehme ich an und pflücke mir ein paar fünffingrige Blätter. Später stellt es sich allerdings heraus, dass es sich hier um Kulturpflanzen für Naturfasern handelt.

Erheiterung im Hanffeld
Erheiterung im Hanffeld vor Kempten

Hat es bisher noch gar nicht geregnet, so müssen wir die letzten Kilometer der heutigen Etappe im Regen zurücklegen. Mich freut es, denn meine Verkleidung fürs Liegerrad kann endlich zeigen, wofür sie wirklich gut ist, anstatt nur dem Liegerad zu einem schnittigeren Aussehen zu verhelfen. In Kempten hat es sich über Nacht eingeregnet. So starten wir am Morgen im Regen, der uns bis Oberstdorf begleiten wird. Wir genießen unser inzwischen üblich gewordenes zweites Frühstück, einem Zwetschgendadschi oder Bienenstich. Ab jetzt wird es nur noch bergauf gehen. Über Immenstadt und Sonthofen erklimmen wir Oberstdorf. Unser Ziel, welches wir von NN auf 843 Höhenmeter und nach 1434 km erreicht haben, darf seit 1937 das Prädikat "Heilklimatischer Kurort" tragen. Oberstdorf begrüsst uns im Regen, wie sollte es anders sein, die Tour hat uns vom Wasser der Nordsee zum Oberstdorfer Regen geführt!

Mit dem Zug geht es wieder nach Hause mit zwei Andenken: gefüllte Filmdöschen eins mit Nordseewasser und eins mit Oberstdorfer Regenwasser.

Korbinian Sturm

alle Bilder © Korbinian Sturm