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Ostseetour 1. - 4. April 1996

Ostseetour 1. - 4. April 1996

Montag, 1. April

Braunschweig-Querum, Hondelage, Lehre, Groß Brunsrode, Klein Brunsrode, Ehmen, Sülfeld, Weyhausen, Bokensdorf, Grußendorf, Stüde, Transvaal, Knesebeck, Wittingen, Stöcken, Langenbrügge, Bodenteich, Wieren, Esterholz, Uelzen, Melzingen, Ebstorf, Hanstedt I, Velgen, Melbeck, Lüneburg, Erbstorf, Scharnebeck, Brietlingen, Campingplatz am Reihersee

Querum - Reihersee: 161 km

Heute startete ich zu meiner ersten "Allein"-Tour. Bei wolkigem Himmel ging es um 8.15 Uhr los, erstmal Richtung Wolfsburg nach Sülfeld, dann auf einer Kopfsteinpflasterstrecke über den Mittellandkanal und auf mäßig befahrenen Straßen über Wittingen nach Uelzen. Kurz hinter Uelzen fing das Tanaro an, Krach zu schlagen: die Speichen vom Hinterrad hatten sich gelockert und knackten bei jeder Umdrehung vor sich hin. Außerdem wackelte der Lenker. Was tun? In Ebstorf ging ich in den nächstbesten Fahrradladen und hatte Glück: ein Fahrradmechaniker der alten Schule nahm sich meines leidgeprüften Packesels an. Im Nu war das Rad zentriert, der Lenkkopf festgezogen und die Schaltung justiert. Mit guten Wünschen und einem überholten Rad brach ich nach Lüneburg auf, wo ich gegen 18.00 Uhr eintraf.

Lüneburg
Rast in Lüneburg

Nach einer kleinen Stadtbesichtigung und diversen Fotos wollte ich nun endlich mein Zelt irgendwo hinstellen, aber am Ortsende von Lüneburg erwischte mich erstmal ein kräftiger Schneeschauer. Auf meiner Karte war bei Scharnebeck ein Campingplatz eingezeichnet, doch das muß wohl ein Aprilscherz gewesen sein, denn die Anwohner wußten von nichts. Ich fuhr also weiter Richtung Lauenburg und ein Taxifahrer, der gerade versuchte, sein kaputtes Gefährt zu reparieren, schickte mich über Brietlingen zum Reihersee. Dort kam ich gegen 20.00 Uhr an. Der Campingplatz hier war tatsächlich offen. Ich hatte allerdings keine Lust, mich auf die Suche nach der abwesenden Rezeption zu machen, um mir einen Platz inmitten der Wohnwagen zuweisen zu lassen und stellte mein Zelt einfach 500 m weiter hinten, außerhalb des Campingplatzes, direkt am Seeufer auf, wo es vor neugierigen Blicken geschützt war. Nach Nudeln und Tee hatte ich die richtige Bettschwere, doch die hier ansässigen Enten schienen von Schlafen noch lange nichts wissen zu wollen: sie quakten die halbe Nacht.

Dienstag, 2. April

Reihersee, Hohnstorf, Lauenburg, Basedow, Dalldorf, Witzeeze, Büchen, Roseburg, Hornbek, Woltersdorf, Breitenfelde, Alt Mölln, Bälau, Poggensee, Nusse, Kühsen, Göldenitz, Berkenthin, Klempau, Krummesse, Lübeck, Bad Schwartau, Ratekau, Timmendorfer Strand, Scharbeutz, Haffkrug, Sierksdorf

Reihersee - Sierksdorf: 128 km

Die letzte Nacht war ziemlich frostig, mindestens - 6° C. Heute morgen war das Zelt vollkommen mit Reif bedeckt und den See konnte ich vor Nebel kaum sehen. Die Enten hatten ihre gestrige Unterhaltung noch vor Sonnenaufgang wieder aufgenommen. Nach viel Gepacke und Gezurre konnte es um 9.20 Uhr endlich losgehen. Ab und zu fielen ein paar einzelne Flocken aus dem meist blauen Himmel. Die Sonne hatte den Nebel bis ich losfuhr auch verscheucht. Die heutige Fahrt verlief ohne größere Zwischenfälle, allerdings soll mir niemand mehr sagen, Norddeutschland sei flach... Gegen 15.30 Uhr war ich in Lübeck, besichtigte die Stadt, fand endlich das Holstentor und machte mich dann daran, aus dem Großstadtdschungel wieder herauszukommen. Nach mehreren Versuchen sah ich einen Wegweiser nach Bad Schwartau - Na bitte! Ich fuhr Richtung Timmendorfer Strand und erhaschte einen ersten Blick auf die Eisschollen auf der Ostsee.

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Ostsee bei Scharbeutz

In Sierksdorf an der Ostsee fand ich gegen 19.00 Uhr einen Campingplatz, deren Pächter das Tanaro äußerst interessant fanden. Der Sohn (ca. 14 Jahre alt) war so begeistert, daß er mir sogar gleich half, mein Zelt aufzubauen. Ich wusch mich endlich mal wieder gründlich, ging noch in einem nahegelegenen Hotelrestaurant Fisch essen und schrieb diverse Postkarten, dann war auch der zweite Tag vorbei.

Mittwoch, 3. April

Sierksdorf, Haffkrug, Klingberg, Schürsdorf, Schulendorf, Sarkwitz, Malkendorf, Curau, Dissau, Oberwohlde, Krumbeck, Reinsbek, Heilshoop, Zarpen, Ratzbek, Gr. Wesenberg, Kl. Wesenberg, Gr. Schenkenberg, Siebenbäumen, Klinkrade, Duvensee, Ritzerau, Nusse, Poggensee, Bälau, Alt Mölln, Breitenfelde, Woltersdorf, Hornbek, Roseburg, Büchen, Witzeeze, Basedow, Lauenburg, Hohnstorf, Bullendorf

Sierksdorf - Bullendorf: 136 km

Gegen 7.00 Uhr bin ich heute morgen zwar aufgewacht, doch beim Frühstück machen gab es ein paar Probleme: der Spiritus im Kocher wollte einfach nicht brennen. Die wiederholten Versuche hat das Feuerzeug auf Dauer nicht verkraftet und zerfiel in seine glühenden Einzelteile. Eines davon fiel unbemerkt durch die Luftlöcher des Kochers auf den Zeltboden und hinterließ ein kleines Loch. Sch....! Irgendwie schaffte ich es dann doch noch zu frühstücken. Das Zelt war heute morgen die reinste Tropfsteinhöhle und mußte erstmal notdürftig trockengerieben werden. Dann kam auch die Sonne raus. Gegen 10.15 Uhr hatte ich alles aufs Fahrrad gerödelt, da fragte mich eine Frau vom Wohnwagen gegenüber, ob ich nicht eine Tasse Kaffee wolle, ich sei doch sicher ganz durchgefroren. Das war ich zwar nicht, aber der Kaffee schmeckte trotzdem hervorragend und ich unterhielt mich sehr nett mit dieser Familie aus Northeim. Gegen 11.00 Uhr ging es dann an den Rückweg. Nachdem ich endlich den richtigen Weg aus Sierksdorf herausgefunden hatte, meldeten sich meine Speichen wieder. Ich schnappte mir den Nippelspanner und zog sie reihum eine halbe Drehung an. Mal sehen, wie lange das diesmal hält (30 kg Gepäck sind vielleicht doch ein bißchen viel). Um Lübeck machte ich diesmal einen großen Bogen und fuhr auf kleinen Landstraßen durch schmucke Dörfer. Es wehte mittlerweile ein sehr kräftiger Wind aus Nordost, der mich vor sich herschob. Die Sonne schien dazu den ganzen Tag. Ab Nusse fuhr ich die gleiche Strecke wie am Vortag. In Büchen holte ich mir um fünf vor sechs sicherheitshalber eine Tube Vulkanisiergel, denn meines hatte sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Kurze Zeit später erreichte ich Lauenburg und verfuhr mich erstmal kräftig, bis ich die Elbbrücke fand.

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Blick von der Elbbrücke bei Lauenburg

Auf dem Campingplatz in Bullendorf ließ ich mich gegen 20.00 Uhr nieder. Neben mir hatte schon ein junger Engländer namens Ricky sein Zelt aufgeschlagen. Er war auch mit dem Fahrrad unterwegs und vor 5 Tagen losgefahren, um die Welt zu umradeln. Das Geld für diese Tour wollte sich der gelernte Maurer unterwegs verdienen. Während ich meinen Linseneintopf kochte, den er mir mit zwei Kartoffeln etwas anreicherte, unterhielten wir uns prächtig. Wir tranken noch einen Tee zusammen und krochen gegen 22.00 Uhr in die Kojen. Nach 4 Jahren England-Abstinenz endlich mal wieder richtig Englisch gesprochen!

Donnerstag, 4. April

Bullendorf, Hittbergen, Jürgenstorf, Neetze, Holzen, Reinstorf, Volkstorf, Vastorf, Solchstorf, Hohnstorf, Wichmannsburg, Bruchtorf, Bad Bevensen, Kl. Hesebeck, Jastorf, Molzen, Woltersburg, Tatern, Kl. Liedern, Gr. Liedern, Lehmke, Esterholz, Stederdorf, Nettelkamp, Kallenbrock, Nienwohlde, Bokel, Schweimke, Hankensbüttel, Oerrel, Wahrenholz, Neudorf-Platendorf, Triangel, Isenbüttel, Wasbüttel, Ohnhorst, Meine, Abbesbüttel, Grassel, Bevenrode, Waggum, Querum

Bullendorf - Querum: 169 km

Mit gemütlichem Frühstück und angeregter Unterhaltung mit meinem Zeltnachbarn war es dann doch wieder nach 11.00 Uhr, bis die Zelte abgebaut und alles auf den Rädern verstaut war.

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Campingplatz Bullendorf

Bis Hittbergen fuhren Ricky und ich noch zusammen, dann trennten sich unsere Wege. Armer Kerl, der Wind blies immer noch sehr kräftig aus Ost, kam ihm also genau entgegen. Die Sonne schien und ich fuhr recht gut gelaunt auf kleinen Landstraßen nach Neetze und weiter nach Vastorf. Die Straße wurde allmählich immer schlechter und während ich noch darüber fluchte, weil meine Speichen sich geräuschvoll beschwerten, stand ich plötzlich buchstäblich im Wald. Die Straße war nur noch eine festgefahrene Lehmpiste, dann kam Kopfsteinpflaster übelster Sorte, bis kurz vor Solchstorf endlich wieder Asphalt anfing. In Jastorf vor Uelzen war dann Mittagspause angesagt (15.00 Uhr). Ich umfuhr Uelzen und dann ging es auf wenig befahrenen Landstraßen über Nettelkamp und Bokel nach Hankensbüttel. Auf dieser Strecke sah ich zum ersten Mal auf dieser Tour Heidelandschaft, wie man sie sich vorstellt: Erika, Wacholder, Birken und dazwischen Heidschnucken - ach nein, das waren wohl doch nur Leute, die mit dem Auto auf einem nahegelegenen Parkplatz vorgefahren waren und nun durchs Heidekraut wanderten... Von Hankensbüttel ging es weiter über Wahrenholz nach Neudorf-Platendorf. Dort wohnen Verwandte von mir, die ich schon ewig nicht mehr gesehen habe. Als ich vor dem Haus ankam, luden dort zwei Männer Latten von einem Lastwagen. Ich war mir nicht sicher, ob die auch zur Familie gehörten, also sprach ich sie an und stellte mich vor. Sollte ich jetzt auf freudiges Wiedererkennen gehofft haben, wurde ich enttäuscht: sie zuckten nur mit den Schultern und arbeiteten weiter, bis endlich einer fragte, was ich denn wolle. Es stellte sich heraus, daß die beiden nur auslieferten und bei Böses keiner da war. Was nun? Wild campen, zum Tankumsee oder gleich nach Hause fahren? Es war mittlerweile 20.00 Uhr und die Sonne ging unter. Egal, dachte ich und fuhr den Weg nach Hause. Um 22.00 Uhr war ich daheim, entledigte mich meiner etwas streng riechenden Kleidung und genoß eine ausgiebige heiße Dusche, bevor ich wohlig in mein weiches Bett plumpste.

Silke Feldhusen