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Erfahrungen mit dem Kajüt-Tretboot Lütt Hütt

Ein Tretboot mit Kajüte - ist das praktikabel, kann das funktionieren? Dietger Spielhagen aus Gransee hat es zusammen mit seiner Frau und seinem 11-jährigen Enkel ausprobiert. Die drei waren eine Woche lang mit dem Tretboot "Lütt Hütt" (Kleine Hütte) der Firma Woterfitz auf der Mecklenburger Seenplatte damit auf Tour.
Hier ist der Bericht von Dr.-Ing. Spielhagen (dieser Beitrag wurde 2010 im InfoBull veröffentlicht).

Meine Familie verbringt Urlaub und Freizeit seit 45 Jahren am liebsten auf dem Wasser, mit einem Faltboot, einem kleinen Segelboot (leider mit Motor) und schließlich einem Kanadier. Das Wasserwandern mit einem kleinen Boot ist etwas beschwerlich: Für Kinder ist es eng. Täglich muss man ein Zelt auf- und abbauen. Für Ruhepausen, Mahlzeiten und zum Baden muss man anlegen. Mit einem geräumigeren, komfortableren Boot könnte man diese Zeiten einsparen und würde dafür eine geringere Reisegeschwindigkeit in Kauf nehmen, zumal das Wasserwandern eine angenehme und gesunde Tätigkeit ist, die man nicht unbedingt verkürzen muss.

Eigenbau Ruder-Katamaran
Von diesen Gedanken ausgehend baute ich vor 30 Jahren einen geräumigen Ruder-Katamaran für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Übernachtet wird unter einer schnell aufzubauenden Persenning. Dazu werden Skulls, Rollbahnen und Rollsitze außenbords oder an Land abgelegt.

Das Boot hat zwei Nachteile hat: Erstens muss vor Fahrtantritt stets erst die Persenning, an der sich bei nachtklarem Himmel Tauwasser absetzt, abgebaut und vor dem Schlafen wieder aufgebaut werden. Zweitens wird beim Rudern im Regen die spätere Schlafplattform nass. Man brauchte also eine einigermaßen geräumige Kajüte, die ich jedoch für ein muskelgetriebenes Boot nicht als realisierbar ansah; denn schon mit dem hochbordigen Ruder-Katamaran hatte ich erfahren, wie schwierig das Manövrieren bei stärkerem Wind ist, obwohl ein Ruderboot durch Überziehen auf der einen Bordseite eigentlich sehr gut zu manövrieren ist.

Der Ansatz der Firma Woterfitz – das Kajüt-Tretboot Lütt Hütt
Das waren meine Kenntnisse und Erfahrungen, als ich durch Zufall von einem Tretboot mit Kajüte erfuhr, das sofort mein Interesse weckte. Über das Internet waren Bauweise und technische Daten zu erfahren. Das Boot ist für zwei Personen ausgelegt, die beide pedalieren und jeweils ein Schaufelrad antreiben. Gesteuert wird ausschließlich durch unterschiedlichen Krafteinsatz auf den beiden Seiten. Ich hatte keinen Zweifel, dass die kentersichere Katamaranbauweise mit zwei schlanken Rümpfen die angegebene Reisegeschwindigkeit von 6 - 8 km/h ermöglicht. Erfreut war ich, dass sich die Form und Anordnung der Sitze nicht vom herkömmlichen Fahrrad, sondern vom ergonomisch weit überlegenen Liegerad (genauer gesagt: vom Sitzrad) herleitet, wodurch dann auch der funktionslose Lenker entfällt. Das ist leider nicht selbstverständlich, und der Konstrukteur von „Lütt Hütt“ - so heißt das innovative Wasserfahrzeug - verdient ein besonders Lob. Es gibt gewiss nachvollziehbare Gründe, das herkömmliche Fahrrad dem Liegerad vorzuziehen, nicht nur wegen des stückzahlbedingten Preisunterschiedes. Ich selbst habe es – wahrscheinlich vorschnell – aufgegeben, das Anfahren mit dem Liegerad zu erlernen und mir schließlich ein Liegedreirad zugelegt, nachdem ich durch Info Bull davon erfahren hatte. Bei Fahrzeugen, bei denen der Lenker nicht zum Halten des Gleichgewichts mit eingesetzt werden muss, verbietet sich die herkömmliche Fahrradbauweise, was Info-Bull-Lesern nicht erläutert werden muss. Es beruht wohl einfach auf mangelnder Sachkenntnis, wenn bei mehrspurigen Straßenfahrzeugen, Wasserfahrzeugen oder Draisinen die herkömmliche Fahrradbauweise immer wieder eingesetzt wird.

luettt huett

Das Kajüt-Tretboot Lütt Hütt der Firma Woterfitz

Erfahrungsbericht – mit Lütt Hütt unterwegs in Mecklenburg
In Erwartung der vom Liegedreirad bekannten entspannten Fahrweise liehen meine Frau, unser 11-jähriger Enkel und ich, „Lütt Hütt“ für eine einwöchige Fahrt durch die Mecklenburger Seenplatte aus. Für die Mitnahme von Kindern empfiehlt der Verleiher, ein Zelt mitzuführen. Weil dadurch die Grundidee des Kajütbootes, ohne Zelt auszukommen, konterkariert würde, nahmen wir für den Jungen einen Biwaksack mit. Wir starteten problemlos. Das Steuern klappte sofort. Man kann beliebige Kurven fahren, anhalten, rückwärts fahren und auf der Stelle drehen. Das geht zwar beim Rudern ebenso, aber das Tretboot benötigt keinen seitlichen Abstand für die Auslage der Skulls. Das Fahren und Manövrieren an engen Stellen, insbesondere in Schleusen, ist deshalb besonders einfach. Die angegebene Reisegeschwindigkeit ist ohne weiteres zu erreichen, für 6 km/h braucht man sich nicht anzustrengen.

Das Wetter war geeignet, die Einsatzgrenzen des Bootes auszutesten. Nach zwei ruhigen sonnigen Tagen folgten Wind der Stärke 4, zeitweilig jedoch in Böen bis Stärke 6, dazu drei Tage Dauerregen, Starkregen mit über 40 mm pro Tag und Tageshöchsttemperaturen von 13 °C. Niedrige Sommertemperaturen sind in einem geschlossenen Boot gut zu ertragen. Die im Gewässer gespeicherte Wärme wirkt wie eine Fußbodenheizung, und wenn es regnet und die relative (!) Luftfeuchtigkeit draußen hoch ist (nahe 100 %), so sinkt diese in der wärmeren Kajüte deutlich ab. Die in die Kajüte herein getragene Feuchtigkeit kann dann sogar langsam verdunsten. Solange Regen und Wind noch nicht so stark waren, konnten wir unter dem Wetterschutz weiterfahren. Der Biwaksack war nur bei einigermaßen trockenem Wetter zu gebrauchen. Der Junge schlief schließlich mit in der 1,40 m x 2,00 m große Kajüte, in der es dann doch recht eng wurde. Der Verleiher hat jedoch bereits eine familienfreundliche Lösung ins Auge gefasst.

Zur entscheidenden Frage der Manövrierfähigkeit bei Wind: Bis Windstärke 4, der offiziell höchstzulässigen Stärke, kann man gegen den Wind anfahren. Das Problem ist, dass stärkerer Wind den Bug herumreißt und sich das Boot dann quer zum Wind stellt. Wir hatten das Problem auf dem Rückweg. Es gelang uns trotz mehrfacher Anläufe nicht, eine bestimmte Landzunge zu passieren. Wir mussten zurück und haben es erst am nächsten Tag bei immer noch Windstärke 4, aber nicht mehr so böig, geschafft. Somit hat „Lütt Hütt“ in meinen Augen alle an sie gestellten Erwartungen auf eindrucksvolle Weise erfüllt. Bei den anderen Wassertouristen erregten wir großes Aufsehen, wir wurden fortlaufend fotografiert. Das Wetter war vielleicht nicht das, was man sich für den Familienurlaub wünscht, aber es war geeignet, meine Technikbegeisterung anzuregen. Übrigens ist es kein Grund zur Panik, wenn man den Heimweg nicht schaffen kann oder will. Der Verleiher holt seine Kunden auf Wunsch auf dem Landweg zurück.

Zur Effizienz von Tretantrieben

Abschließend will ich der Frage nachgehen, warum das Tretboot mit Schaufelradantrieb eine geräumige Kajüte verträgt – jedenfalls bis zu einer beachtlichen Windstärke, ein Ruderboot jedoch nicht. Die Konstruktion des Unterwasserschiffs hat gewiss Einfluss auf die Richtungsstabilität, ist jedoch nicht allein entscheidend. Für die Klärung der Zusammenhänge ziehe ich eine Arbeit heran, die über Rekordversuche auf dem Wasser berichtet (Brooks, A. N., Abbott, A.V. und D. G. Wilson: Das muskelgetriebene Tragflügelboot. Spektrum der Wissenschaft Februar 2/1987). Dort wird der Wirkungsgrad beim Rudern auf max. 75 % eingeschätzt, beim Schraubenantrieb (der Schaufelradantrieb sollte ähnlich effektiv sein) auf 90 % - nicht bezogen auf die menschliche Leistung, sondern auf deren Umsetzung in Vortrieb eines Bootes. Das erklärt, warum „Lütt Hütt“ trotz ihrer im Vergleich zu meinem Ruderkatamaran robusteren Bauweise und damit größeren Masse etwa gleich schnell ist. Die weitaus bessere Manövrierfähigkeit bei Wind lässt sich damit allein jedoch nicht erklären. In der genannten Arbeit werden die beim Pedaltreten und Rudern in verschiedenen Zeiträumen erreichbaren Leistungen dargestellt. Kurzfristig kann ein Radfahrer 1400 W leisten, ein Ruderer nur 800 W.

Diese Leistung wird durch das Vermögen der eingesetzten Muskelgruppen bestimmt. Nach einer Minute sind die Sauerstoffvorräte bei beiden verbraucht, beide leisten dann nur noch das gleiche, nämlich 600 W. Fortan wird die Leistung nur noch vom Herz-Lunge-Kreislaufsystem bestimmt und beträgt bei beiden über die Regatta-Distanz von 2000 m - das entspricht einer Fahrzeit von 6 min -   370 W. Die Dauerleistung des Wasserwanderers, der ja sein Limit nicht ausschöpft, liegt dann wohl bei 100 bis 200 W. Durch die hohe Kurzzeitleistung ist das Pedaltreten prädestiniert etwa für den Start eines Tragflügelbootes oder eines Flugzeuges und eben auch beim Manövrieren gegen den Wind, wenn eine Bö das Boot erfasst.

Homepage des Herstellers Woterfitz: http://www.woterfitz.de/Tretboot_Luett_Huett.html

Videobeitrag vom mdr: Einfach genial - mit Lütt Hütt unterwegs

Technische Daten zu Lütt Hütt (Quelle: Bootsmanufaktur Woterfitz)

Länge:  5,50 m 
Breite:   2,40 m 
Tiefgang:  0,25 m 
Antrieb:   2 x Fahrradpedalsystem auf 2 Schaufelrädern 
Reisegeschwindigkeit: ca. 6-8 km/h
Gewicht: leer ca. 400 kg, max. 650 kg
Sicherheit: sicher wie ein Katamaran
durch Zweikammer-Rumpfsystem