Human Powered Vehicles e.V.

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Chanteuse - mit dem Tretkatamaran 4 Wochen durch Frankreich

Arimot, der Liedermacher und Chansonnier aus Saarbrücken hatte in einer Kneipe eine Wette abgeschlossen: Er würde mit kleinem Geld ein Tretboot bauen und damit von Saarbrücken über die Kanäle und die Rhone bis ans Mittelmeer fahren.

"Chanteuse d'Arimot" - so heißt das Gefährt von Achim Herborn alias Arimot. Auf der besonders schleusenreichen Etappe des Vogesenkanals hat Achim Herborn sein Boot auf Rädern hinter seinem Mountainbike hergezogen. Das Mittelmeer hat er mit seinem Tretboot beim ersten Anlauf in den Sommerferien 2014 nicht erreicht. Er hat aber schon Pläne für ein neues Bootsprojekt – dieses Mal mit einem Schlafplatz an Bord.

 chanteuse de arimot pedal boat

 Tretkatamaran "Chanteuse" auf der Saône

 


Das besondere an dem Tretkatamaran von Achim Herborn ist, dass er in wenigen Stunden demontiert und für den Überlandtransport "human powered" als Hänger hinter dem Fahrrad gezogen werden kann. 

chanteuse de arimot pedal boat towed  

Tretkatamaran "Chanteuse" im Modus gezogenes Landfahrzeug

 

 Kenndaten des Tretkatamaran "Chanteuse"

Bootstyp Katamaran mit Pedalantrieb / Tretboot
Human Powered Boat
Bauweise

Skin on Frame: Aluminium 20 mm,
PVC-Plane 600 gr/m2

Gewicht pro Rumpf

ca. 8 kg

Länge

4,6 Meter
Breite
1,5 Meter
Breite der Rümpfe 
25 Zentimeter (Bootsmitte) 
Höhe der Rümpfe
35 Zentimeter
3 Querträger
 Aluminium 3 mm Vierkant 40x40mm
(=Chassis für Hänger im Landbetrieb)
Mittelträger 
 für Tretlager und Sitz (wie oben) 
Montage
 Kabelbinder (extra stark)
Ruder
 Aluminium (mittig, höhenverstellbar)
Materialkosten
 ca. € 300,-
 
 
Multimedia:
 
Berichterstattung vom Saarländischen Rundfunk zum Start der Tour:
 
Link zum Hörfunkbeitrag auf SR1 vom 31.07.2014: Mit dem Tretboot auf großer Fahrt
 
Link zum Fernsehbeitrag im Aktuellen Bericht vom 31.07.2014: Tretbootfahren bis zum Mittelmeer
 
Homepage des Chansonniers Arimot: Arimot
 
 
Was hat sich bewährt? Ein kleiner Erfahrungsbericht
 
Die Klebeverbindungen der Haut waren dicht, das Fahrzeug war trotz rauen Betriebs von Saarbrücken bis Auxonne dort noch staubtrocken. Die Stabilität und Flexibilität dieser Konstruktionsweise (skin on frame) haben mich überzeugt.

Das Winkelgetriebe stammt aus einer großen Schrottflex mit 1:4 Übersetzung, die Kegelräder habe ich mit Loctite 103 auf die Welle geklebt, es hat alles gehalten. Insgesamt hatte ich mit den Ritzeln eine 1:6 Übersetzung auf Welle und Schraube, einen APC 16 x16 Propeller aus dem Spielzeugladen. Die Welle hing zunächst selbstabilisierend in einem “V“, ich habe sie aber dann durch eine feste Aufhängung ersetzt.

Geschätzte Schrittgeschwindigkeit war bei ca 35 Umdrehungen mit geringstem Kraftaufwand, darüber hinaus wurde es deutlich schwerer, auch bedingt durch die Überladung (Mountainbike,Werkzeug, Gitarre, Campingzeug, feste und flüssige Nahrung, meine Wenigkeit...).

Insgesamt erscheint mir das System aus flexibler Welle und Schraube sehr effizient, auch der APC-Propeller hinterließ einen guten Eindruck.

Ein Fahrrad mit überladenem 5m langen Anhänger ist unglaublich schwer über die himalayanischen Vogesen zu drücken. Für den schlimmsten Berg habe ich 4,5 Std gebraucht, ich hatte mir (mehr oder weniger) ernsthaft überlegt, ob ich einen Eintrag ins Guiness Buch bekomme: als Erster, der die Vogesen mit dem Boot überquert (à la Fitzcaraldo),   oder ob bei meiner Rückkehr in Saarbrücken die netten Herren mit einem weißen Jäckchen auf mich warten.

Warum denn nicht gemütlich aus dem Treidelpfad rollen? ...Das wollte ich, aber die ausgeschilderten Radwege enden zu häufig dort, wo man selbst mit einem Mountainbike alleine kaum durchkommen kann (z.B. im Brennesselfeld), geschweige denn mit einem solchen Lastzug. Kurzum, nicht noch einmal!

Ich empfehle eine Registrierung des Pedalos als E-Boot, Die Schifffahrtsbehörde VNF (Voies Navigables de France) ist kein Freund von HPBs und man darf ohne Motor die Tunnel nicht befahren. Boote mit einer Länge unter 5m und einer Motorisierung unter 5PS   sind kostenfrei in Frankreich.

Die französischen Kanäle sind zumindest teilweise völlig verkrautet. In den Schleusenkanälen habe ich oft viel Zeit verbracht, um alle 5m das Gemüse von der Schraube zu kratzen, der Salat begnügt sich natürlich nicht nur mit der Schraube, sondern er klebt auch gerne an der Aufhängung, dem Ruder und auch an den Bungenden.

Platz für ein Zelt findet man fast überall am Ufer, sogar in Häfen, die ich gelegentlich anlief. Fast überall hieß es dann vom Hafenmeister:“Pédalos ne payent pas“. Nur einer hat mir 5€ abgenommen, aber inklusive Dusche.

Abgesehen von einem einzigen Schleusenwärter habe ich in den 4 Wochen ausschließlich nette und freundliche Menschen kennengelernt, mehrfach bekam ich Obst ans Boot gebracht und ich wurde ein paar Mal zum Essen eingeladen. Mit dem Pedalo hat man sofort Kontakt. Meine Französischkenntnisse waren natürlich von Vorteil und ein singender Tretbootfahrer mit Gitarre hat ja was.

Die kleine Saône ist wunderschön und abwechslungsreich, Natur pur und das Baden im “Bach“ säubert nicht nur, sondern macht auch Spaß.   :-). Mit einem neuen Katamarantretboot, das ich zurzeit plane, möchte ich beim nächsten Mal eine Rundreise auf den französischen Kanälen machen, inklusive der kleinen Saône. Dieses Mal registriert, ohne Fahrrad und Werkzeug aber mit einer festen Plattform für Minimalkomfort. Der Antrieb wird ein Schaufelrad sein, ich plane ferner einen (zuschaltbaren) Elektromotor. Die Bugenden sowie die Ruderform werden krautabweisend und die Überdachung starkregentauglich. Dann bin ich für dieses tolle Revier bestens gerüstet.