Human Powered Vehicles e.V.

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Mit der Escargot auf der Ruhr - human powered!

Ein Exkursionsbericht von Clemens Winter

Im Juli 2010 waren wir 4 Tage lang auf der Ruhr.

Mit 2 Kajüt-Tretbooten der Werft „Grüne Flotte“. Wir – das sind zwei Familien. Als die kleinere Crew waren wir zu dritt mit der Original „Escargot“ unterwegs (deutsch: Schnecke), einer Schöpfung des US-Bootsbauers Philip Thiel.

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Hier zwei der Logos von Philip Thiel - weitere Informationen zur Escargot siehe:
www.mission-base.com/pedal-power/pp_main.html

Die größere Familie (4 Personen, längere Zweibeiner) hatte das größere Boot, eine Escargot Plus. Die hat 15 cm mehr Höhe in der Kajüte und ist 25 cm länger als das Original. Zusätzlich verfügt sie über einen Kühlschrank und über einen stärkeren elektrischen Zusatzantrieb.

Es war eine reizvolle Erfahrung der Entschleunigung. Aber auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Stromauf mussten wir uns damit abfinden, dass selbst die  Spaziergänger auf dem Treidelweg, der das Ufer säumte, an uns vorbeizogen.

Einweisung beim Bootsvermieter
Aber zurück zum Auftakt der Tour: Nach einer Suchschleife im Hafengebiet von Mülheim erreichten wir den kleinen Sporthafen, den sich die Grüne Flotte mit einem Club vor Ort teilt. Wir verstauten das Gepäck auf den beiden Schnecken, danach trafen wir uns mit einer dritten Crew zur Einweisung. Einer der beiden Seebären der Grünen Flotte vermittelte uns das kleine Einmaleins der Binnenschifffahrt, an einem kleinen Holzmodell der Escargot wurden uns die Manöver und Handgriffe für die Schleusungen vermittelt. Nach einer knappen Stunde Einweisung in der heißen Schulungsbaracke und nach Unterzeichnung der Haftungs- und Charterunterlagen wurden die Schnecken in unsere Verantwortung übergeben.

Leinen los – ein fulminanter Auftakt im Gewitter
Wir verstauten unser Gepäck unter Deck und erkundigten uns bei einem der beiden Bootsvermieter nach den Wetteraussichten. Es sah nach Gewitter aus, im Westen ballten sich bedrohlich schwarze Wolkentürme zusammen. „Das kann dauern, vielleicht zieht es auch ganz woanders hin“ war seine Einschätzung.

Also, Leinen los! Wir nahmen Platz auf den beiden Fahrradsätteln hinter der Kajüte  und gaben der Schnecke die Sporen – die Escargot, unser kleines Zuhause für die kommenden 4 Tage, setzte sich träge in Bewegung.
Aber kaum hatten wir vom Steg abgelegt, krachte das Gewitter über uns los. Böen mit 60 bis 80 km/h peitschten von Steuerbord (= von rechts) über das Wasser heran, es goss wie aus Kübeln. Nach wenigen Augenblicken waren wir klatschnass, Calvin verkroch sich unter Deck. Caroline und ich traten in die Pedale, gleichzeitig mussten wir das Gestänge des Verdecks festhalten. Denn das drohte jeden Augenblick vom Wind weggerissen zu werden.

Ich musste die Nase der Escargot ungefähr 40 Grad gegen den Wind drehen, damit unsere Nussschale nicht abgetrieben und nicht gegen das linke Ufer gedrückt wurde. Um besser manövrieren zu können, schaltete ich den elektrischen Hilfsantrieb zu, der in die Steuerflosse integriert ist. Das half ein wenig. Immer wieder blitzte und donnerte es furchterregend. Wir arbeiteten wie auf der Galeere, trotzdem kamen wir kaum voran. Direkt vor uns kämpfte die dritte Escargot gegen Wind und Wetter.
Nach einer Biegung nach links kamen die Böen dann zunehmend von achtern (= hinten) und schoben uns vor sich her. Unsere Freunde in der Escargot Plus waren nicht mehr zu sehen. Wir hatten sie hinter uns gelassen und verloren.

Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Die Sonne kam wieder hinter den Wolken vor, von achtern näherte sich ein Motorboot – im Schlepptau unsere Freunde. Der Mann im Steuer war unser Bootsvermieter. Offensichtlich hatte er sich doch Sorgen gemacht. Möglich, dass er auch ein schlechtes Gewissen hatte wegen seiner lausigen Wetterberatung.

Jedenfalls begleitete er uns bis zur ersten Schleuse. Vielleicht wollte er sicher gehen, dass wir auch diese zweite Hürde erfolgreich meistern.

Die Schleusung unserer 3 Schnecken verlief ohne weitere Zwischenfälle.

Die oberen Schleusentore öffneten sich, wir traten wieder in die Pedale, unsere Schnecken glitten langsam aus der Schleusenkammer.

Unterwegs auf den wunderschönen Mäandern der Ruhr, mitten in der prallen, grünen Natur. Die ersten Abenteuer waren überstanden – uff!

 

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Die erste Schleusung mit der Flotille der 3 Escargots – Babette, Chantale und Desirée     

Zu Gast beim Yacht-Club
An diesem ersten Tag sind wir nicht mehr weit gefahren. Beim Yacht-Club in Mülheim haben wir festgemacht. Ein Vereinsmitglied hat uns schon von fern als mögliche Übernachtungsgäste ausgemacht und war uns beim Anlegen behilflich. Sehr nett, danke für die Hilfe und für die Gastfreundschaft!

Im Revier sind die recht ortstreuen Escargots bekannt und beliebt, ihre wechselnden Besatzungen sind als Gäste willkommen. Für 10 bis 15 Euro pro Boot und Crew kann man für eine Nacht festmachen, bekommt einen Schlüssel für den Sanitärblock und Strom zum Laden der Batterien. Selbst die Tische und Stühle auf dem Steg des Clubs konnten wir nutzen. Wir genossen den Nachmittag mit schwimmen und faulenzen, den Abend mit kochen, essen und einem gemütlichen Ausklang auf dem Steg.

Antriebstechnik und Fahrleistungen
Am nächsten Morgen ging es nach Dusche, Frühstück und Geschirrspülen weiter stromauf. Wenn man zu zweit locker in die Pedale tritt, kommt die Escargot mit ca. 3,5 km/h voran, im reinen Motorbetrieb schafft der 600-Watt Motor von Minnkota bei halber Leistung ca. 4 km/h. Pedal- und Motorkraft treiben die Schnecke mit 4,5 km/h voran. Das Getriebe des Tretantriebs ist leider etwas geräuschvoll, die Tretkurbeln der Escargot laufen im elektrischen Betrieb immer mit und stellen damit auch ein gewisses Verletzungsrisiko dar. Die Escargot Plus ist mit einem Zweigang-Getriebe ausgestattet. Es gibt auch einen Freilauf, die Tretkurbeln laufen dann im reinen Motorbetrieb nicht mit.

Den technischen Angaben des Konstrukteurs Philip Thiel zufolge hat die Schnecke eine Reisegeschwindigkeit von gut 6 km pro Stunde, diese Angabe bezieht sich allerdings auf die „Motorisierung“ mit 2 Antrieben des Seacycle. Ich vermute, der Antrieb der Grünen Flotte ist mehr auf Robustheit als auf einen hohen Wirkungsgrad ausgelegt. Durch den üppigen Algenbewuchs auf Unterschiff und Ruderanlage war der Widerstand zusätzlich vergrößert, das kann durchaus einen Bremsfaktor von 20 Prozent ausmachen.

Zeitweise haben wir die beiden Escargots zu einem Schubverband Seite an Seite gekoppelt. Das war vor allem für unsere insgesamt 3 Kinder kurzweilig. Sie spielten auf dem Vorschiff oder unter Deck, enterten das Nachbarboot und hatten ihren Spaß, während die Erwachsenen auf dem Achterdeck mit gebündelten Kräften für den erforderlichen Schub sorgten. Meist ließen wir die elektrischen Flautenschieber auch ihren Beitrag leisten, sonst wäre es bei der Hitze zu schweißtreibend gewesen, denn auf die Kühlung durch Fahrtwind kann man bei dem Schneckentempo nicht zählen.    

Die 2. und 3. Nacht haben wir beim Essener Outboard Club verbracht, direkt beim Schevener Landgasthof. Auch sehr gastfreundlich, Kosten wie in Mülheim. Im Biergarten des  Schevener Hofs haben wir fürstlich gespeist.

 

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Zu Gast beim Essener Outbord Club - der Anleger ist direkt beim Schevener Hof

Die Kombüse an Bord ist ganz praktisch, aber natürlich eng und niedrig. Es gibt einen Benzinkocher und eine Spüle, darunter Frischwasser- und Abwassertank.
Die Escargot Plus hat zusätzlich einen Kühlschrank. Ein 3 Gänge-Menü würde man in der Escargot nicht zubereiten wollen, für ein einfaches Gericht oder für den Kaffee am Morgen ist die Ausstattung ganz ok. Der Tisch und die Bänke an Backbord gegenüber bieten Platz für 4 Personen.
Vor dem Ess- und Kochbereich ist an Steuerbord ein kleiner Schrank, in der Nische an Backbord ist eine Not-Toilette (übrigens ohne Tür). Wir haben sie nicht benutzt, aber für den Fall der Fälle wäre man zumindest gewappnet. Die Trockentoilette kann man sich vorstellen wie eine kleine Mülltüte mit einem geruchsdichten Deckel. Die Entsorgung erfolgt über die Mülltonne.
Im Vorderschiff ist eine große Doppelkoje, sie erwies sich als ganz gemütlich. Nach der körperlichen Bewegung in der Natur haben wir wunderbar geschlafen.

Am 3. Tag haben wir den großen Lift zum Baldeneysee genommen. 9,5 Meter geht es in der Schleuse hinauf. Oben auf See haben wir eine Ehrenrunde gedreht, bei einem Ruderclub festgemacht und ein Picknick auf der Wiese nebenan gemacht.
Danach ging es wieder zurück zur Schleuse und wieder stromab, zurück zur Steganlage beim Schevener Hof.
An diesem Abend entschieden wir uns im großen Gastraum zu essen, denn ein weiteres Sommergewitter braute sich über unseren Köpfen zusammen.
Am 4. Tag ging es dann mit 2 Stopps und 2 Schleusen zurück zum Heimathafen der Grünen Flotte. Stromab kamen wir gut voran – hinzu kommt, dass wir uns mittlerweile an das gemächliche Fortkommen gewöhnt hatten. Kurz vor Mülheim genossen wir eine letzte Pause auf der Terrasse eines italienischen Eiscafé.
Die Tage auf dem Tret-Hausboot auf der Ruhr waren ein schönes Erlebnis mitten in der wunderschönen Flusslandschaft der Ruhr. Körperliche Bewegung, Natur, Kultur - alles was das Herz begehrt.

Tipp: Einfach mal ausprobieren!


Technische Angaben zur Escargot:
Länge:                                 6 Meter
Breite:                                 2 Meter
Leergewicht:                        ca. 900 kg
Schlafplätze:                        3 bis 4
Antrieb:                              2 Pedalantriebe, 1 elektrischer Hilfsantrieb
Reisegeschwindigkeit:           ca. 3-5 km/h 


Adresse: http://www.gruene-flotte.de