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Hobo Revival - Achims Katamaran hat ein zweites Leben verdient!

 Im Frühjahr 2016 sind unserem HPB Fachautor Clemens Winter zwei Katamaran-Rümpfe “zugelaufen”. Zwei schnittige und besonders leichte Rümpfe, die  für einen Schaufelrad-Katamaran im Sommer 2015 konstruiert und gefertigt wurden.
(Bericht von Clemens Winter, Stand 4. November 2016)

i Tipp: Eine formatfüllende Darstellung von Text und Fotos liefert die Druckansicht (hierzu das Druckersymbol oben rechts anklicken) 

Für Urlaubstouren auf den französischen Kanälen hat Achim den Katamaran als Pedelec konzipiert. Hobo sollte  als “Motorboot” bei der Schifffahrtsbehörde registriert werden, weil reine Muskelkraftfahrzeuge die Tunnels im großartigen Kanalnetz Frankreichs nicht befahren dürfen, auch bei der Nutzung der Schleusen sind Tretboote für manchen Schleusenwärter ein rotes Tuch.

Mit der ersten Probefahrt auf der Saar war Achim nicht ganz zufrieden, die Steuerung war nicht so wirksam wie sie sein sollte, die Aluminiumschaufeln des Antriebs hingen einige Zentimeter zu tief im Wasser, in der Folge verursachte das Schaufelrad mehr Geräusche und Spritzer als vorgesehen.

Hobo Original im Wasser 

Foto: Der Original Hobo von Achim  – mit Schaufelrad und Solarpaneelen

Mit Elektromotor, Batterien, Solarpanels, Motorsteuerung, Laderegler, Pedalerie und 2 Antriebsketten hatte Hobo in der langen Bauphase mehr Teile, Technik und Gewicht zugelegt, als Achim eigentlich lieb war. Jedenfalls hat er das Projekt Hobo nach der ersten Probefahrt beerdigt, um sogleich Pläne für ein nächstes Boot zu schmieden, das dann definitiv einfacher werden sollte - reduziert auf das Notwendigste. Soviel zum ersten Leben von Hobo.

“Hobo” – wofür steht der Name?

Wikipedia weiß: Ein Hobo ist ein  nordamerikanischerWanderarbeiter. Hobos sind meist heimatlos und nutzen Güterzüge, um durchs Land zu reisen und sich hier und dort mit kleineren Tätigkeiten etwas zu verdienen. Die Blütezeit der Hobos war das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert. In wirtschaftlichen Krisenzeiten, nach Kriegen und besonders zur Zeit der Großen Depressionnahm ihre Zahl stark zu. 

Ein später berühmt gewordener Hobo war der Schriftsteller Jack London, der 1893-94 große Teile der Vereinigten Staatenund Kanadasbereiste. Ein weiterer berühmter ehemaliger Hobo ist der US-amerikanische Bluesmusiker Seasick Steve, dessen Lieder sich häufig mit seiner Hobo-Zeit befassen.

 Hobo nach dem Winterschlaf

Kurt hatte Achim im Sommer 2015 nach der zweiten Probefahrt auf der Saar bei der Demontage geholfen und die blauen Hobo-Rümpfe damit vermutlich vor der Eisensäge gerettet.  Die Schwimmer fanden ihr Winterlager dann in Kurts Halle. Als ich das nächste Mal bei ihm zu Besuch war, erinnerte er mich daran, dass die Rümpfe noch auf Abholung warten. Bei diesem Treffen hat mir Kurt auch eine überraschend leichte Leimholzplatte gezeigt – Blauglockenbaum oder Paulownia hieße das Holz, es sei im Baumarkt erhältlich.

Die beiden Rümpfe habe ich gegen Abend auf dem Dachträger meines kleinen Kombi nach Hause gebracht. Auf der einstündigen Fahrt ins Elsaß habe ich den Plan gefasst, einen Versuch mit dem Leichtholz zu starten:  Ich wollte einen leichteren Katamaran für meine Solo-Touren bauen. Eine neue Plattform, ergänzt um die Hobo-Schwimmer, einen Antrieb sowie die Steuerung des Seacycle, das schien mir ein überschaubares Vorhaben.

 

Hobo Rumpf

Foto:  Hobo Rumpf – 5 Meter lang, 25 cm breit, 35 cm hoch, ca. 13 kg schwer - aus Aluminiumrohren und Sperrholzspanten, bezogen mit LKW-Plane, letztere gespannt mit der roter Schnürung

Ideen und Ziele für die neue Plattform

  •     Leichter und leicht laufender Tret-Katamaran für mehrtägige Solo-Touren
  •     Auf- und Abrüsten möglichst ohne fremde Hilfe
  •     Plattform der gleichen Größe wie beim Seacycle (240 x 160 cm), damit ich  die praxiserprobten Module – den Sesselradsitz, das Wurfzelt und das Sonnenverdeck auch in Verbindung mit der neuen Plattform nutzen kann
  •     Übergangsweise würde ich ferner einen Antrieb und die Steueranlage des Seacycle nutzen, später dann evtl. auf einen Antrieb von Rick Willoughby umrüsten
  •     Klappbare Stützen mit Rädern am hinteren Ende der Plattform, um Hobo allein aus dem Wasser auf den Strand ziehen zu können.
  •     Asymmetrische Sitzposition für mehr Bewegungsfreiheit (auch der Einstieg ins Zelt wird dardurch erleichtert. Die seitliche Trimmung erfolgt mittels Proviant & Gepäck).

Realisierung im August und September

Mitte August habe ich im Netz nach Bezugsquellen für das Holz Paulownia gesucht. Bei Obi wurde ich fündig. Ich schaute nach den verfügbaren Plattengrößen, Preisen und Gewichten und zeichnete erste Skizzen.
Damit die Plattform verwindungssteif wird, sah mein Plan vorn und hinten je eine begehbare Beplankung aus  Leimholz vor, unten wollte ich die Eckverbindungen mit Dreiecken aus dem Leimholz aussteifen. 2 lange Bretter rechts und links, zur Verbindung der Seitenteile mit den Front- und Heckmodulen waren pro Ecke 3 durchgehende Schrauben vorgesehen. 
Auf Basis der ersten Skizzen habe ich eine Holzliste erstellt und das Gewicht der Holzteile überschlägig kalkuliert – für die 240 mal 160 cm  große Plattform kam ich auf ca. 13 Kilogramm – das beflügelte mich!
Die Schwimmer wiegen jeweils 12-13 kg. In Summe wäre das Boot sensationell leicht, insgesamt nur etwa 40-50 kg (zum Vergleich: mein Seacycle wiegt mit Plattform und Antriebe ca. 90 kg).
Als Liegefläche der Plattform war dieses Mal ein Netzmaterial vorgesehen. Fündig wurde ich bei France Trampolin. Leider war die Maßanfertigung (160 mal 155 cm) mit 320 Euro dann doch deutlich teurer als ich angenommen hatte.

Materialeinsatz und Gewicht steigen stetig  

Nachdem alle Holzteile zugeschnitten waren, habe ich sie in der Garage probeweise zusammengestellt. Der Holzrahmen wirkte insgesamt doch sehr filigran, das Holz erwies sich bei der Bearbeitung (wie zu erwarten) als ziemlich weich.
Das Gespenst “Schiffbruch nach Materialversagen” beunruhigte mich. Ich stellte mir meine  Sorgen beim einschlafen vor: ob die Plattform die Wellen der kommenden Nacht wohl verkraften würde? Ein Albtraum, den es zu vermeiden galt! Ich war daraufhin noch einmal im Baumarkt und habe fast noch einmal die gleiche Menge an Holz gekauft. Die Längsholme wurden aufgedoppelt, die Front- und Heckteile habe ich nun auch auf der Unterseite komplett beplankt. Diese beiden “Schachteln” sind nun rundum geschlossen, auch rechts und links habe ich je einen Deckel eingeleimt. Die nun zweischichtigen Längsholme wurden flächig mit wasserfestem Weißleim verklebt. Diese Wangen (Länge 240 cm) sind nun 36 mm stark - und wirken damit auch optisch adäquat dimensioniert.  Wegen der Wasserfestigkeit mache ich mir keine Sorgen. Das Holz wird ja nur ab und an oberflächlich nass werden. Zudem habe ich alle Holzteile mehrfach imprägniert. Als Sicherheitsmaßnahme habe ich die Hohlräume in den Holzkästen vorn und hinten mit Hartschaumblöcken gefüllt. So hat auch die Plattform ohne die Schwimmer einen Auftrieb von ca. 30 kg.
Als die Plattform mit den Holzverstärkungen das erste Mal komplett montiert war, haben Calvin und ich sie genau im Schwerpunkt auf die Waage balanciert. Der Blick auf das Display ernüchterte mich dann doch: 29 Kilogramm! Gleichwohl war das Gewicht plausibel und nachvollziehbar – schließlich hatte ich mit dem 2. Holzeinkauf den Materialeinsatz nahezu verdoppelt. 

Hobo Plattform Steuerung

Foto:  Neue Plattform aus  Paulownia-Leimholz - mit der Steuerung und Schaumblöcken als Notauftrieb  

Endspurt im September

In den letzten beiden Septemberwochen war ich sehr emsig – ja fieberhaft bei der Arbeit. Den Aufwand zur Fertigstellung der Plattform habe ich kolossal unterschätzt – wieder mal ungefähr um den Faktor Pi. Jede freie halbe Stunde habe ich gebastelt, gewerkelt, geschraubt, gesägt, gefeilt, gebohrt, gemessen ... gegrübelt .... und wieder gewerkelt.

2 Tage vor dem Treffen mit meinen Pedalbootfreunden am Bodensee wurde endlich auch das  Klappfahrwerk am Heck der Plattform fertig.
Nun fehlten nur noch ein paar Bohrungen zur Befestigung der Plattform auf dem Dachträger, der Steuerbord-Schwimmer musste noch geschlossen und abgeklebt werden.
Zwei Leisten zur seitlichen Stabilisierung des Sitzes waren noch zu sägen und aufzuschrauben.

Hobo Plattform Trampolin

Foto:  Plattform mit Trampolin, dahinter die beiden Schwimmer -  Danke an Calvin, der mich immer wieder tatkräftig unterstützt hat!   

Die Mini-Flasche M+M für die Bootstaufe war vorsorglich schon seit Tagen kalt gestellt.
Letztlich hat es jedoch für eine Probefahrt vor der Verabredung mit meinen Tretbootfreunden am Bodensee nicht mehr gereicht. Von Tag zu Tag musste ich die erste Probefahrt im zweiten Leben von Hobo weiter aufschieben, immer wieder war doch noch etwas zu ergänzen und fertigzustellen.  

Kurz vor Schluss musste ich mir dann eingestehen,  dass der hektische Endspurt vergeblich gewesen war: die Verbindungsschrauben zwischen Plattform und Rümpfen waren zu kurz.
So habe ich den stressigen Endspurt zwei Stunden vor der geplanten Abfahrt an den Bodensee  abgebrochen – mein “last minute” Projekt hatte sich erwiesen als “too late started”.

Für die Verbindung von Plattform und Schwimmer waren je 2 Schrauben M8 x 160 vorgesehen und lagen bereit. Indes - aus Sicherheitsgründen habe ich rund um die Verbindungsstelle unter die 18 mm Deckel aus Paulownia noch mal 12 mm Sperrholz geklebt und dort die Einschlaghülsen eingebaut. Damit wurden die Schrauben 12 mm zu kurz. Das habe ich leider erst bei der Befestigung von Hobo auf dem Dachträger mit Entsetzen realisiert.
Ein Anruf beim Schraubenfachgeschäft – auch dort waren keine 180er Schrauben verfügbar ..... 
Positiv gesehen - ohne eigenes Boot war das Treffen der Pedalbootfreunde am letzten Septemberwochenende für mich entspannter.

Hobo Plattform Deckel vorn Verstaerkung

Foto:  Deckel eines Schwimmers mit Sperrholzverstärkung und Einschlaghülse (mit Schraubgewinde)

 

 Hobo Revival Autotransport

Foto:  Die neue Plattform und 1 Schwimmer von Hobo sind auf dem Dachträger befestigt  

Winterpause!

Mittlerweile hat der Herbst im Rheintal Einzug gehalten. Mit der ersten Probefahrt in der neuen Konfiguration scheint es nicht mehr zu klappen vor dem nächsten Frühjahr. Die kleine Flasche M+M kann vorerst wieder aus dem Kühlschrank und zurück in den Keller. 

Auf jeden Fall werde ich mich nach der Bootstaufe wieder melden und hier einen Kurzbericht sowie einige Fotos von der Erstfahrt ergänzen. Versprochen!