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Nantes zeigt anlässlich der Velo City 2015, wie es besser geht

Bekanntlich ist die Velo City der größte Fachkongress zum Thema Radfahren & Co. Bekanntlich wird diese Konferenz durch den ECF (European Cyclists‘ Federation) in Brüssel in Kooperation mit einer vorab ausgewählten Stadt organisiert. Diese Konferenz ist mit internationalem Fachpublikum aus aller Welt besetzt und wurde in diesem Jahr in Nantes abgehalten. In der ersten Juniwoche diskutierten 1500 Delegierte, wie Radfahren noch stärker auf die Agenda kommunaler Akteure kommen kann.

Prologe in Nantes

Die diesjährige Velo City fand in Nantes (Frankreich) statt, nur 60 Radkilometer östlich vom Atlantik entfernt, an der Loire gelegen. Frankreich hat insgesamt in den letzten Jahren an der Verbesserung der Radfahrbedingungen gearbeitet. Möglicherwiese erinnert sich der ein oder andere noch an die Einführung des Bike Sharing Systems "Vélib" in Paris und Kritiker/Innen vermuteten damals, dass das nie etwas mit dem Thema "Alltagsradfahren" bei den Franzosen werden könne. Irrtum - weit gefehlt! Sie haben inzwischen nicht mehr nur Augen für die dopingdurchsetzte Tour de Franc, sondern radeln mit Ortlieb-Taschen und Römer-Kindersitzen morgens durch den (Auto-)Verkehr, und zwar in Paris, Nantes und vielen anderen Städten Frankreichs! Die Qualität der Fahrräder an sich kann sich inzwischen sehen lassen, was vor 10 bis 20 Jahren noch nicht der Fall war. Eindeutig ein Kulturwandel und „savoir vivre“ geht nun auch aktiv mit Muskelkraft!

Der Beitrag des HPV Deutschland e.V. zur VeloCity 2015

Vor Beginn der gemeinsamen Rundfahrt durch Nantes

Der HPV Deutschland hat im Rahmen der Konferenz einen Vortrag zu effizienten Fahrzeugen (Velomobile, Dreiräder, Liegeräder) gehalten und ihre Anforderungen an (notwendige) Infrastruktur. Unsere Posterpräsentation befasste sich mit dem Thema „Velomobiltaugliches Straßennetz in Deutschland“. Abgesehen von unseren zwei Beiträgen war das Programm randvoll mit Beiträgen aus aller Welt, die das Thema Sicherheit, Infrastruktur und soziale Maßnahmen zur Stimulierung des Radverkehrs in Städten umfasste.

Vitesse & Infrastruktur

Wer glaubt, die französischen Radler "kuschen" vor dem motorisierten Verkehr, irrt. Genauso wie es mittlerweile Vollkornbaguette gibt, so nehmen die Alltagsradler Raum ein und werden zu quasi "New Yorkern" - Kamikazefahren zur Rushhour. Das äußert sich so, dass sie bei zu dicht werdendem Verkehr durch Autos nicht auf den Bürgersteig ausweichen, um voranzukommen, sondern erbarmungslos auf die linke Fahrbahnseite ausweichen und dem Gegenverkehr trotzen! Insgesamt ist die Gruppe der Individualmotorisierten entspannter und weniger aggressiv – auch während der Rushhour. Die innerstädtische Infrastruktur behilft sich kostengünstiger Instrumente: Pinsel, Linien, Pfeile - fertig!

Uncroyable!

Unglaublich, aber im City-Center fahren die Radfahrer in der Mitte der Fahrbahn auf jeweils 3 Meter breiten Spuren. Die Busse und die Straßenbahn werden rechts bzw. links davon geführt. Eine effektive Maßnahme, um Konflikte zwischen Radfahrenden und Fußgängern an Bushaltestellen zu vermeiden. Ansonsten ist der Innenstadtbereich ziemlich Autofrei (ausgenommen, Warenanlieferung, Straßenreinigung, Müllabfuhr usw.). Der Innenstadtbereich hat an freien Aufenthaltsflächen gewonnen, die nunmehr für Cafes, Grünflächen & Co. in Anspruch genommen werden. Die hochmoderne Straßenbahn in Nantes ermöglicht es ebenso umweltfreundlich in die Innenstadt zu gelangen, wie das lokale Fahrradleihsystem mit ausreichend Leihstationen. Savoir vivre neu interpretiert durch veränderte aktive Lebensqualität.

Dans la montagne - Étude Infrastructur No. II

Auch in Frankreich sind die "fliegenden Zigarren" immer noch hilflos/intensive Blicke wert

Es ist natürlich nicht alles Gold, was auf dem leicht hügeligen Radelparkett in Nantes glänzt! Orientiert man sich aus der Innenstadt in die Randbezirke hinaus, werden infrastrukturelle Lücken sichtbar. Bis zu einem Radius von 10 bis 15 Kilometern werden konsequent Schutzstreifen eingesetzt (resp. Busspuren freigegeben), um Radfahrer und Motorisierte voneinander zu trennen. Außerhalb dieses Radius befinden sich kleinere Landstraßen, die weniger hoch frequentiert sind und / oder Radfernwege, wie bspw. der Europaradweg E 6, der von Touristen in Anspruch genommen wird.
Nantes hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Innenstadt autoarm zu halten, um einerseits den Stadtbewohnern Lebensqualität zu bieten und andererseits darüber die Reduktion von (schädlichen) Emissionen zu erreichen. Ein Konzept, das für die Innenstadt aufgeht! Es findet Zuzug von Einwohnern statt, die Innenstädte sind sehr belebt und bieten eine Vielfalt an kleinen Einzelhandelsläden. Eine städtebauliche Antwort auf das Thema Resilienz. Dies meint vereinfacht: im Zuge sich ständig veränderter Lebensbedingungen (befristete Arbeitsplätze, schnelle Veränderungen in der Arbeitswelt, klimatische Probleme usw.) also Unsicherheit in städtische Sicherheit transformieren, um Stabilität im Alltagsleben zu erreichen. Die Meinung der Entscheider in Nantes ist, dass das Fahrrad, ein guter ÖPNV mit einhergehender Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum eine Verlässlichkeit im Alltag schafft, die in anderen Lebensbereichen fehlt. Das Thema Resilienz impliziert somit auch eine neue Qualität in der Debatte um Stadt- und Raumgestaltung. Dabei wird das Fahrrad einen wichtigen Beitrag leisten können, denn es steht für Stabilität in der Nutzung im Lebensverlauf. Oder als Handlungsanleitung formuliert: wieder mehr Öffentlichkeit mit umweltgerechten Verkehrsmitteln und sozialem Miteinander auf den Straßen schaffen.

Cycle la Cité

Im Vordergrund das bestaunte "Vélomobile", im Hintergrund rechts ein "Tricycle"

Stellt man all diese infrastrukturellen und sonstigen die Lebensqualität fördernden Bemühungen dem zarten Radverkehrsanteil von max. 10% gegenüber, fragt man sich natürlich schon, was eine Konferenz mit 1.500 Teilnehmenden noch leisten kann? Sie berichtet bspw., wie 10-km-Radien von Pendlern geknackt werden können.